Können Impfungen das Demenzrisiko senken? Warum die Evidenz zur Herpes zoster-Impfung zunehmend überzeugt
Themenserie: Impfungen und Demenzprävention, Teil 1: Mehrere große Beobachtungsstudien – darunter auch Analysen mit altersabhängigen Impfgrenzen als natürlicher Vergleichssituation – liefern übereinstimmende Hinweise auf ein geringeres späteres Demenzrisiko bei Menschen, die gegen Herpes Zoster geimpft wurden. Ob die Impfung selbst für diesen Zusammenhang verantwortlich ist, bleibt bislang offen.

Beim Thema Demenzprävention rücken neben vaskulären und metabolischen Risikofaktoren zunehmend auch Infektionen und immunologische Prozesse in den Fokus. Am Beispiel der Herpes‑zoster‑Impfung zeigt sich besonders deutlich, warum dieses Forschungsfeld an Bedeutung gewinnt: Mehrere Studien weisen darauf hin, dass geimpfte Personen im Verlauf ein geringeres Demenzrisiko aufweisen könnten. Neuere Analysen legen zudem nahe, dass dieser Zusammenhang nicht vollständig durch Unterschiede im Gesundheitsverhalten oder in demografischen Merkmalen erklärbar ist [1, 2].
Warum neuere Studien den Zusammenhang mit Demenz plausibler machen
Frühe Hinweise auf einen möglichen Schutzeffekt der Herpes zoster-Impfung gegenüber Demenz stammten überwiegend aus retrospektiven Analysen – mit dem bekannten Risiko des „healthy vaccinee bias“: Geimpfte Personen unterscheiden sich häufig systematisch von Nichtgeimpften, etwa durch Gesundheitsverhalten oder medizinische Versorgung, was den beobachteten Zusammenhang verzerren kann [1, 3].
Besonders aussagekräftig sind daher „natürliche“ Experimente, bei denen äußere Vorgaben quasi-randomisierte Vergleichsgruppen schaffen. Ein solches Studiendesign nutzten Eyting et al.: In Wales (Großbritannien) richtete sich die Impfberechtigung für die Herpes zoster-Impfung im Jahr 2013 nach einem exakten Geburtsdatum. Personen, die nur wenige Tage vor oder nach diesem Stichtag geboren wurden, waren hinsichtlich Alter und Gesundheitszustand weitgehend vergleichbar, unterschieden sich jedoch deutlich in ihrer Wahrscheinlichkeit, die Impfung zu erhalten. Beim Überschreiten der Datumsgrenze stieg die Impfquote von 0,01 % auf 47,2 % [1].
Über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahren zeigte sich: Bei den gegen Herpes zoster Geimpften war das Demenzrisiko relativ um 20 % niedriger (p = 0,019). Sensitivitätsanalysen bestätigten die Stabilität des Ergebnisses [1].
Der entscheidende Vorteil dieses Studiendesigns liegt darin, dass die Impfberechtigung allein vom Geburtsdatum abhing. Personen unmittelbar auf beiden Seiten des Stichtags waren hinsichtlich Alter, Gesundheitszustand und präventivem Verhalten weitgehend vergleichbar, erhielten die Impfung aber unterschiedlich häufig. Dadurch ließ sich untersuchen, ob die höhere Impfquote mit einem geringeren Demenzrisiko einherging, ohne die Ergebnisse allein anhand von Unterschieden zwischen Geimpften und Nichtgeimpften zu beurteilen. Ein kausaler Zusammenhang lässt sich daraus dennoch nicht eindeutig ableiten.
Bestätigung in weiteren Populationen
Eine weitere australische Studie lieferte unabhängige Hinweise auf denselben Zusammenhang. Pomirchy et al. nutzten ebenfalls eine altersabhängige Impfberechtigungsgrenze und verglichen Personen, die nur wenige Tage vor bzw. nach dem Stichtag geboren wurden. Die Gruppen unterschieden sich dadurch deutlich in ihrer Wahrscheinlichkeit, eine Herpes zoster-Impfung zu erhalten, nicht jedoch hinsichtlich anderer präventiver Gesundheitsleistungen oder häufiger chronischer Erkrankungen. Über 7,4 Jahre war die Impfberechtigung ebenfalls mit einer signifikant geringeren Wahrscheinlichkeit für eine neu diagnostizierte Demenz verbunden (p = 0,01). Das Ergebnis blieb in verschiedenen Sensitivitätsanalysen und bei unterschiedlichen Nachbeobachtungszeiträumen stabil [2].
Auch eine kanadische Analyse stützt diesen Zusammenhang. Sie nutzte altersabhängige Grenzen für die Impfberechtigung. Personen, die aufgrund ihres Alters für die Impfung infrage kamen, entwickelten seltener eine Demenz [4].
Damit weisen inzwischen drei natürliche Experimente aus Wales, Australien und Kanada in dieselbe Richtung – alle aus einer Zeit, in der ein attenuierter Lebendimpfstoff gegen Herpes zoster eingesetzt wurde [1, 2, 4].
Auch der rekombinante Impfstoff zeigt ein Signal
Ob der beobachtete Zusammenhang auf den früher eingesetzten Lebendimpfstoff beschränkt ist, untersuchten Taquet et al. in den USA. Sie verglichen Personen, die unmittelbar vor bzw. nach dem Wechsel vom Lebend- zum rekombinanten Herpes zoster-Impfstoff geimpft wurden. In zwei gematchten Kohorten mit jeweils 103.837 Personen war die Zeit bis zu einer Demenzdiagnose unter dem rekombinanten Impfstoff um 17 % länger als unter dem Lebendimpfstoff. Bei den später erkrankten Personen entsprach dies im Mittel 164 zusätzlichen demenzfreien Tagen. Der Zusammenhang zeigte sich bei Frauen und Männern und blieb in Sensitivitätsanalysen bestehen [3].
Die Ergebnisse sind dennoch nicht als Kausalnachweis zu verstehen, da auch diese Analyse auf Beobachtungsdaten beruht. Die Autoren sehen darin vielmehr einen Anlass für weitere Untersuchungen, insbesondere in randomisierten Studien [3].
Insgesamt zeigt sich damit über verschiedene Länder, Populationen und Studiendesigns hinweg ein konsistentes Signal – sowohl für den attenuierten Lebendimpfstoff als auch für den rekombinanten Impfstoff. Das stärkt die Hypothese eines möglichen Zusammenhangs, klärt dessen Ursache jedoch noch nicht.
Welche Mechanismen könnten den Zusammenhang begründen?
Eine mögliche Erklärung betrifft das Varizella-Zoster-Virus selbst. Nach der Erstinfektion verbleibt es lebenslang im Körper und kann später reaktiviert werden. Da Herpesviren neuroinflammatorische Prozesse beeinflussen, liegt die Vermutung nahe, dass die Verhinderung solcher Reaktivierungen auch für neurodegenerative Prozesse relevant sein könnte [1, 3].
Daneben werden immunologische Effekte der Impfung diskutiert, die über den Schutz vor der jeweiligen Infektion hinausgehen. Impfungen beeinflussen die angeborene Immunantwort und weitere Immunprozesse; bei adjuvantierten Vakzinen steht insbesondere die Frage im Fokus, ob solche Effekte unabhängig vom Infektionsschutz zu den beobachteten Zusammenhängen beitragen [1, 5].
Ein weiterer klinisch bedeutsamer Mechanismus betrifft die Schmerzen nach Herpes zoster, insbesondere die Postzosterneuralgie. Diese neuropathischen Schmerzen können über Monate oder Jahre persistieren und stellen für ältere Menschen eine erhebliche Belastung dar. Klinische Beobachtungen zeigen, dass betagte, häufig bereits prädemente, aber im Alltag noch kompensierte Patientinnen und Patienten durch eine Postzosterneuralgie ihre mentalen Reserven verlieren können. Die anhaltende Schmerzlast, Schlafstörungen und die damit verbundene funktionelle Einschränkung können die fragile Balance einer Prädemenz destabilisieren und so den Übergang in eine manifeste Demenz begünstigen. Dieser klinische Verlauf deckt sich mit epidemiologischen Daten, die chronische Schmerzen mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung bringen [6].
Dass Hinweise sowohl für den attenuierten Lebendimpfstoff als auch für den rekombinanten Impfstoff vorliegen, spricht gegen eine einfache Erklärung durch einen einzelnen Impfstofftyp. Ob der Zusammenhang vor allem auf die Vermeidung von Virusreaktivierungen, auf immunologische Effekte oder auf ein Zusammenspiel mehrerer Mechanismen – einschließlich der Vermeidung lang anhaltender neuropathischer Schmerzen – zurückgeht, bleibt offen [1, 3, 5].
Was bedeutet das für die Praxis?
Die aktuelle Evidenz macht die Herpes zoster-Impfung zu einem relevanten Forschungsfeld der Demenzprävention. Die bisherigen Untersuchungen – überwiegend Beobachtungsstudien und natürliche Experimente – liefern zunehmend konsistente Hinweise. Für eine abschließende Bewertung sind jedoch weitere Daten erforderlich [1–4].
Für die ärztliche Praxis bleibt die Empfehlung davon unberührt: Die Herpes zoster-Impfung sollte entsprechend den geltenden Impfempfehlungen eingesetzt werden. Ihr Nutzen bei der Vermeidung von Herpes zoster und seinen teils erheblichen Komplikationen ist unabhängig von einem möglichen Einfluss auf das Demenzrisiko gut belegt.
Ein möglicher zusätzlicher Schutz vor Demenz wäre damit ein interessanter, bislang jedoch nicht belastbar bewertbarer Effekt. Die übereinstimmenden Beobachtungen aus Wales, Australien, Kanada und den USA geben Anlass, diesen Zusammenhang weiter zu untersuchen. Ob sich ähnliche Signale auch bei anderen Impfungen zeigen und welche neuroimmunologischen Mechanismen dahinterstehen könnten, wird in den folgenden Beiträgen dieser Serie beleuchtet.
Quellen:
Univadis from Medscape: Schützen alle Impfungen vor Demenz? Im Internet unter: https://www.univadis.de/viewarticle/schuetzen-alle-impfungen-vor-demenz-2026a1000nxn?uuid=903def4a-f50b-421c-984a-368f0a19d13b (letzter Zugriff: 13.08.2026)
[1] Eyting M et al. A natural experiment on the effect of herpes zoster vaccination on dementia. Nature 2025; 641: 438–446; https://doi.org/10.1038/s41586-025-08800-x
[2] Pomirchy M et al. Herpes Zoster Vaccination and Dementia Occurrence. JAMA 2025; 333: 2083–2092; https://doi.org/10.1001/jama.2025.5013
[3] Taquet M et al. The recombinant shingles vaccine is associated with lower risk of dementia. Nat Med 2024; 30: 2777–2781; https://doi.org/10.1038/s41591-024-03201-5
[4] Pomirchy M et al. Herpes zoster vaccination and incident dementia in Canada: an analysis of natural experiments. Lancet Neurol 2026; 25: 170–180; https://doi.org/10.1016/s1474-4422(25)00455-7
[5] Taquet M et al. Lower risk of dementia with AS01-adjuvanted vaccination against shingles and respiratory syncytial virus infections. NPJ Vaccines 2025; 10: 130; https://doi.org/10.1038/s41541-025-01172-3
[6] Lin Q et al. Chronic Pain and the Risk of Dementia: A Systematic Review and Meta-Analysis. Curr Pain Headache Rep 2026; 30(1): 90; https://doi.org/10.1007/s11916-026-01526-z
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