Neuroimmunologie im Fokus: Wie könnten Impfungen das Demenzrisiko beeinflussen?
Themenserie: Impfungen und Demenzprävention, Teil 3: Warum Impfungen möglicherweise nicht nur Infektionen verhindern, sondern auch neurodegenerative Prozesse beeinflussen könnten, ist bislang ungeklärt. Diskutiert werden eine geringere Infektions‑ und Entzündungsbelastung, eine Modulation des alternden Immunsystems sowie spezifische Effekte von Adjuvanzien wie AS01.

Die epidemiologischen Hinweise auf einen möglichen demenzprotektiven Effekt verschiedener Impfungen verdichten sich. Besonders für die Herpes zoster-Impfung sprechen inzwischen mehrere große Beobachtungsstudien und natürliche Experimente für einen Zusammenhang mit einem geringeren Demenzrisiko. Auch für RSV- und Influenza-Impfungen wurden entsprechende Signale beschrieben [1–5]. Doch die zentrale Frage bleibt offen: Wie könnte eine Impfung, die primär gegen einen Infektionserreger gerichtet ist, die Entstehung einer neurodegenerativen Erkrankung beeinflussen?
Hypothese 1: Weniger Infektionen – geringere Belastung für das Gehirn
Eine naheliegende Erklärung lautet: Wenn Infektionen neurodegenerative Prozesse begünstigen, könnte deren Verhinderung das Demenzrisiko senken. Für Herpes zoster ist dies biologisch plausibel. Das neurotrope Varizella‑Zoster‑Virus verbleibt lebenslang latent im Nervensystem; Reaktivierungen lösen ausgeprägte lokale und systemische Immunreaktionen aus. Beobachtungsdaten zeigen, dass Zoster – insbesondere wiederholte Episoden – mit einem erhöhten späteren Demenzrisiko verbunden ist. Eine 2025 publizierte Analyse von Gesundheitsdaten von über 100 Millionen Menschen fand eine konsistente Assoziation zwischen VZV‑Reaktivierung und Demenz; wiederholte Episoden waren mit einem höheren Risiko verknüpft als einmalige. Die Impfung könnte diesen Prozess bereits auf der Ebene der Reaktivierung unterbrechen und damit die entzündliche Belastung des Gehirns reduzieren [6].
Neben der Infektion selbst rückt ein zweiter Mechanismus in den Blick: die lang anhaltenden neuropathischen Schmerzen, die nach einem Zoster auftreten können. Die häufigste Langzeitkomplikation ist die Postzosterneuralgie, bei der Schmerzen über Monate oder sogar Jahre persistieren. Das Risiko steigt deutlich mit dem Alter: Etwa 20 % der 60‑ bis 65‑Jährigen und mehr als 30 % der über 80‑Jährigen entwickeln eine Postzosterneuralgie [7].
Damit ergibt sich eine weitere potenzielle Verbindung zwischen Zosterschutz und Demenzrisiko: Durch die Vermeidung eines Zosters lassen sich auch chronische neuropathische Schmerzen verhindern, die ihrerseits mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert sind. Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt bei Menschen mit chronischen Schmerzen ein deutlich erhöhtes Demenzrisiko, wobei die Effektstärken je nach Schmerzart und Studiendesign variieren [8]. Ob dieser indirekte Weg tatsächlich zu einer Verringerung von Demenzerkrankungen beiträgt, ist jedoch nicht belegt; insbesondere lässt sich aus den bisherigen Daten nicht schließen, dass die Vermeidung einer Postzosterneuralgie vor Demenz schützt.
Insgesamt bietet die Vermeidung von Infektionen und ihren möglichen Folgeerscheinungen somit mehrere plausible Erklärungsansätze für einen demenzprotektiven Effekt von Impfungen. Sie erklären die beobachteten Zusammenhänge jedoch nicht vollständig. In einer Analyse von Taquet et al. zeigte sich ein Unterschied im Demenzrisiko bereits innerhalb weniger Monate nach der Impfung – ein Zeitraum, in dem die alleinige Verhinderung von Zoster‑ oder RSV‑Erkrankungen die beobachtete Effektgröße kaum erklären dürfte [2].
Damit rückt eine zweite Hypothese in den Fokus.
Hypothese 2: Impfungen verändern die Immunantwort
Das Immunsystem und das zentrale Nervensystem sind enger miteinander verbunden, als es das klassische Konzept einer weitgehend isolierten „Blut-Hirn-Schranke“ vermuten lässt. Immunzellen, Zytokine und andere Entzündungsmediatoren können die Funktion des Gehirns beeinflussen. Umgekehrt besitzt das Gehirn ein eigenes, hochreguliertes Immunsystem, in dem insbesondere Mikrogliazellen eine zentrale Rolle spielen.
Mit zunehmendem Alter verändert sich die Immunantwort. Neben der abnehmenden Leistungsfähigkeit bestimmter adaptiver Immunfunktionen kommt es zu einer chronisch erhöhten niedriggradigen Entzündungsaktivität („Inflammaging“). Eine solche anhaltende Immunaktivierung wird auch mit neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung gebracht [2].
Damit ergibt sich ein interessantes theoretisches Modell: Eine Impfung könnte das Immunsystem nicht nur kurzfristig zur Bildung spezifischer Antikörper und T-Zellen anregen, sondern darüber hinaus dessen funktionelles Gleichgewicht beeinflussen. Denkbar wären Veränderungen der angeborenen Immunantwort, der Zytokinproduktion oder der Kommunikation zwischen peripherem Immunsystem und ZNS.
Ob solche Effekte tatsächlich über Monate oder Jahre einen Einfluss auf neurodegenerative Prozesse ausüben, ist bislang nicht geklärt. Für die Annahme einer solchen „Immunprägung“ gibt es jedoch biologische Anhaltspunkte.
AS01: Welche Rolle spielt die Immunaktivierung?
Eine mögliche Erklärung für einen über den Infektionsschutz hinausgehenden Impfeffekt könnte auch in der gezielten Aktivierung des Immunsystems durch bestimmte Adjuvanzien liegen. Ein Beispiel ist AS01, das bei einigen Impfungen eingesetzt wird. Es besteht aus den beiden Komponenten Monophosphoryl-Lipid A (MPL) und QS-21, die das angeborene Immunsystem gezielt aktivieren und damit eine stärkere und länger anhaltende Immunantwort fördern. MPL aktiviert dabei unter anderem den Toll-like-Rezeptor 4 (TLR4) [2, 9].
AS01 löst bereits kurz nach der Impfung eine frühe Immunreaktion aus, an der verschiedene Immunzellen und Botenstoffe wie Interferon-γ (IFN-γ) beteiligt sind. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass solche durch Adjuvanzien ausgelösten Immunwege grundsätzlich auch Prozesse beeinflussen können, die bei neurodegenerativen Erkrankungen eine Rolle spielen. So wurden in präklinischen Modellen Zusammenhänge zwischen der Aktivierung von TLR4 bzw. IFN-γ und Veränderungen Alzheimer-typischer Prozesse beschrieben [2, 10, 11].
Ob eine solche Immunaktivierung auch beim Menschen das Demenzrisiko beeinflussen kann, ist bislang ungeklärt. Die präklinischen Befunde liefern eine biologische Grundlage für diese Hypothese, belegen aber keinen demenzprotektiven Effekt von AS01 oder anderen Adjuvanzien.
Mikroglia: Schnittstelle zwischen Immunreaktion und Gehirn
Eine weitere mögliche Verbindung zwischen Immunsystem und Demenz betrifft die Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns. Sie überwachen das Gewebe und reagieren auf Verletzungen, Infektionen und andere Veränderungen. Bei der Alzheimer‑Erkrankung sind sie an Prozessen rund um Amyloid‑β und Tau beteiligt [2, 11].
Mikroglia‑Aktivierung ist nicht grundsätzlich schädlich. Kurzfristig kann sie sogar schützen, indem Zellreste und Proteinablagerungen entfernt werden. Problematisch wird es, wenn diese Aktivierung anhält oder aus dem Gleichgewicht gerät – dann können chronische Entzündungsprozesse entstehen [2, 12].
Ob Impfungen dieses Gleichgewicht beeinflussen, ist offen. Denkbar wäre ein Effekt über Botenstoffe des Immunsystems, die nach einer Impfung vorübergehend freigesetzt werden und auch das Gehirn erreichen können. Ob solche Signale die Mikroglia dauerhaft verändern, ist bislang unklar; aus den epidemiologischen Daten lässt sich das nicht ableiten [2].
Auch die Beseitigung von Amyloid‑β wird als möglicher Ansatzpunkt diskutiert. In einem Mausmodell beeinflusste Interferon‑γ (IFN‑γ) über bestimmte Immunwege die Amyloid‑β‑Ablagerung. Beobachtungen beim Menschen deuten ebenfalls auf Zusammenhänge zwischen Immunprozessen und kognitivem Verlauf hin. Ob solche Mechanismen nach einer Impfung tatsächlich relevant werden, ist derzeit offen [2, 11, 12].
Fazit der Themenserie
Die bisherige Evidenz legt nahe, dass Infektionen, systemische Entzündungsprozesse und Veränderungen des Immunsystems im Alter gemeinsam zur Entstehung und möglicherweise zum Fortschreiten von Demenzerkrankungen beitragen können. Mit zunehmendem Alter verändert sich die Immunregulation: Entzündungsreaktionen nehmen zu, während die Fähigkeit zur präzisen Steuerung der Immunantwort abnimmt. In einem bereits vulnerablen Nervensystem könnten solche Prozesse neurodegenerative Veränderungen begünstigen oder verstärken.
Impfungen greifen an mehreren Stellen in dieses Zusammenspiel ein: Sie verhindern Infektionen oder mildern deren Verlauf und können zugleich gezielte Immunantworten auslösen. Dadurch könnten sowohl infektiöse Entzündungsreize reduziert als auch immunologische Signalwege beeinflusst werden, die für das Gehirn relevant sind. Ob und in welchem Umfang daraus ein Schutz vor Demenz entsteht, ist bislang jedoch nicht geklärt.
Die epidemiologischen Daten liefern dafür interessante, aber noch keine abschließenden Hinweise. Am konsistentesten ist das Signal bislang für die Herpes zoster-Impfung; auch für RSV- und Influenza-Impfungen wurden entsprechende Beobachtungen beschrieben. Ob diese Zusammenhänge vor allem auf der Vermeidung von Infektionen, auf Veränderungen der Immunregulation oder auf spezifischen Eigenschaften einzelner Impfstoffe und Adjuvanzien beruhen, bleibt offen.
Für die Praxis ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Impfungen sollten entsprechend den geltenden Empfehlungen eingesetzt werden – zum Schutz vor vermeidbaren Infektionen und ihren Komplikationen. Ein möglicher zusätzlicher Einfluss auf das Demenzrisiko ist eine wissenschaftlich interessante Perspektive, deren Bedeutung durch weitere Forschung geklärt werden muss.
Quellen:
Univadis from Medscape: Schützen alle Impfungen vor Demenz? Im Internet unter: https://www.univadis.de/viewarticle/schuetzen-alle-impfungen-vor-demenz-2026a1000nxn?uuid=903def4a-f50b-421c-984a-368f0a19d13b (letzter Zugriff: 13.08.2026)
Eyting M et al. A natural experiment on the effect of herpes zoster vaccination on dementia. Nature 2025; 641: 438–446; https://doi.org/10.1038/s41586-025-08800-x
Taquet M et al. Lower risk of dementia with AS01-adjuvanted vaccination against shingles and respiratory syncytial virus infections. NPJ Vaccines 2025; 10: 130; https://doi.org/10.1038/s41541-025-01172-3
Taquet M et al. The recombinant shingles vaccine is associated with lower risk of dementia. Nat Med 2024; 30: 2777–2781; https://doi.org/10.1038/s41591-024-03201-5
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