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Vom Zoster- zum RSV- und Influenza-Impfstoff: Gibt es einen gemeinsamen demenzprotektiven Effekt?

  • Mittwoch, 19. August 2026
  • Quelle: Univadis
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Themenserie: Impfungen und Demenzprävention, Teil 2: Die Hinweise auf einen möglichen demenzprotektiven Effekt beschränken sich nicht auf die Herpes zoster-Impfung. Auch für RSV- und Influenza-Impfungen wurden in einzelnen Analysen niedrigere Demenzraten beobachtet. Die bislang explorativen Befunde lenken den Blick auf möglicherweise gemeinsame immunologische Mechanismen, die über die Verhinderung der jeweiligen Infektion hinausgehen könnten.

/1STunningART, stock.adobe.com
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Die Herpes zoster‑Impfung steht derzeit im Zentrum der Forschung zum möglichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Demenz. Die Frage reicht jedoch weiter: Ist der beobachtete Effekt spezifisch für die Immunisierung gegen das Varizella‑Zoster‑Virus oder zeigen auch andere Impfungen ähnliche Signale? Für RSV‑ und Influenza‑Impfungen liegen inzwischen ebenfalls explorative Hinweise vor. Besonders interessant ist eine Analyse, die zwei Impfstoffe mit demselben Adjuvans, aber unterschiedlichen Zielerregern untersuchte [1].

RSV-Impfung: Hinweis auf einen gemeinsamen Mechanismus

Ein zentraler Baustein dieser Hypothese stammt aus einer 2025 publizierten Analyse von Taquet et al. Die Forschenden nutzten elektronische Gesundheitsdaten von 436.788 Personen und verglichen Menschen, die gegen Herpes zoster oder RSV – oder gegen beide Erkrankungen – geimpft worden waren, mit Personen, die eine Influenza‑Impfung erhalten hatten. Nach Propensity‑Score‑Matching waren die Gruppen hinsichtlich relevanter Ausgangsmerkmale gut vergleichbar [1].

Innerhalb von 18 Monaten zeigten sich Hinweise auf eine längere demenzfreie Zeit nach Herpes zoster‑ oder RSV‑Impfung: Die Zeit bis zur Demenzdiagnose war bei RSV‑Geimpften 29 %, bei Herpes zoster‑Geimpften 18 % länger als in der Influenza‑Vergleichsgruppe. Bei denjenigen, die innerhalb der Nachbeobachtung eine Demenz entwickelten, entsprach dies 87 bzw. 53 zusätzlichen demenzdiagnosefreien Tagen. Bei Personen, die beide Impfungen erhalten hatten, war die Zeit bis zur Demenzdiagnose 37 % länger; dies entsprach 113 zusätzlichen Tagen ohne Demenzdiagnose [1].

Damit liefern die Daten einen wichtigen Hinweis: Ein möglicher demenzprotektiver Effekt muss offenbar nicht zwingend an den jeweiligen Zielerreger gebunden sein.

Das Adjuvans rückt in den Fokus

Sowohl der rekombinante Herpes zoster‑Impfstoff als auch der untersuchte RSV‑Impfstoff enthalten das Adjuvans AS01 – ein möglicher gemeinsamer Faktor, der die Immunantwort verstärkt. In der Analyse von Taquet et al. zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden AS01‑adjuvantierten Impfstoffen hinsichtlich der Zeit bis zur Demenzdiagnose, obwohl sie gegen unterschiedliche Erreger gerichtet sind. Dies stützt die Hypothese, dass der beobachtete Effekt nicht ausschließlich durch die Verhinderung einer spezifischen Infektion erklärt werden muss, sondern auch mit AS01 selbst zusammenhängen könnte [1].

Diese Interpretation bleibt jedoch hypothetisch. Die retrospektive Analyse von Routinedaten erlaubt keinen Nachweis eines kausalen Adjuvans‑Effekts. Zudem wurde die RSV‑Impfung nicht mit einer ungeimpften Kontrollgruppe, sondern mit der Influenza‑Impfung verglichen. Trotz Propensity‑Score‑Matching lassen sich Gruppenunterschiede, die das Ergebnis möglicherweise beeinflussen, nicht vollständig ausschließen [1].

Interessant ist, dass der Befund mit experimentellen Daten übereinstimmt: In Tiermodellen wurden für AS01 immunologische Effekte beschrieben, die theoretisch mit einer Beeinflussung neurodegenerativer Prozesse vereinbar wären. Ob und in welchem Umfang sich solche Mechanismen auf den Menschen übertragen lassen, bleibt jedoch offen [1].

Erklärungsalternative: Schutz vor Infektionen

Eine mindestens ebenso plausible Erklärung ist der Schutz vor der Infektion selbst: Impfungen könnten das Demenzrisiko senken, indem sie Infektionen verhindern oder deren Schweregrad reduzieren.

Dafür sprechen Hinweise, dass schwere oder systemische Infektionen mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenz verbunden sind. Bei Herpes zoster ist zudem ein direkter Zusammenhang mit dem Nervensystem plausibel, da das Varizella-Zoster-Virus nach der Primärinfektion in sensorischen Ganglien persistieren und reaktiviert werden kann. Für RSV ist ein direkter neurotroper Mechanismus dagegen weniger gut belegt. Systemische Infektionen können jedoch über Entzündungsreaktionen und andere immunologische Prozesse auch das zentrale Nervensystem beeinflussen [1, 2].

Beide Erklärungsmodelle schließen sich dabei nicht gegenseitig aus: Ein möglicher demenzprotektiver Effekt könnte sowohl auf der Vermeidung von Infektionen als auch auf immunologischen Effekten der Impfung, etwa durch das Adjuvans AS01, beruhen.

Influenza-Impfung: Hinweis auf geringere Alzheimer‑Inzidenz

Für die Influenza‑Impfung liegen seit Längerem Hinweise auf eine geringere Alzheimer‑Inzidenz vor. Besonders beachtet wurde eine 2022 publizierte US‑Claims‑Kohortenstudie, in die nach Propensity‑Score‑Matching jeweils 935.887 geimpfte und ungeimpfte Personen ab 65 Jahren eingeschlossen wurden. Über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 46 Monaten entwickelten 5,1 % der Geimpften und 8,5 % der Nichtgeimpften eine Alzheimer‑Demenz – entsprechend einem relativen Risiko von 0,60 und einer absoluten Risikoreduktion von 3,4 Prozentpunkten [2].

Die große Kohorte und das Matching sprechen für eine robuste Assoziation, dennoch bleibt es eine retrospektive Beobachtungsstudie. Die Autoren verweisen auf nicht erfasste Faktoren wie soziale Einbindung, Bildungsniveau oder Gesundheitsverhalten, die den Zusammenhang beeinflusst haben könnten. Zudem wurden andere Impfungen nicht vollständig berücksichtigt [2]. Für die Interpretation ist dies relevant: Personen, die sich regelmäßig gegen Influenza impfen lassen, unterscheiden sich häufig auch in anderen präventionsbezogenen Merkmalen, die mit dem Demenzrisiko zusammenhängen können.

Höhere Dosis, stärkerer Effekt?

Eine 2026 publizierte Analyse liefert einen weiteren Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Influenza-Impfungen und Alzheimer-Risiko. Bukhbinder et al. verglichen bei Erwachsenen ab 65 Jahren eine Hochdosis- mit einer Standarddosis-Influenza-Impfung. Die Studie umfasste mehr als 120.000 Personen in der Hochdosis- und über 44.000 in der Standarddosisgruppe und berücksichtigte mehrere Impfperioden. Die Hochdosis-Impfung war mit einem geringeren Alzheimer-Risiko verbunden, insbesondere in den ersten zwei Jahren nach der Impfung [3].

Der Unterschied in der Antigendosis bietet einen möglichen Ansatzpunkt für die Interpretation: Eine höhere Antigenmenge kann eine stärkere Immunantwort auslösen. Ob dies auch für einen möglichen Einfluss auf das Demenzrisiko relevant ist, bleibt offen. Zudem unterscheiden sich Hochdosis‑ und Standarddosis‑Impfstoffe je nach Präparat nicht nur in der Antigenmenge, sondern auch in Formulierung und Adjuvanzien. Der beobachtete Unterschied lässt sich daher weder eindeutig der höheren Dosis noch einem Adjuvans oder anderen Impfstoffmerkmalen zuordnen. Ein spezifischer immunologischer Mechanismus ist aus diesen Daten nicht ableitbar [3].

Fazit für die Praxis

Die bisherigen Beobachtungsdaten deuten bei verschiedenen Impfstoffen auf einen möglichen Zusammenhang mit einem geringeren Demenzrisiko hin – aus unterschiedlichen Studiendesigns und mit unterschiedlichen Technologien. Gemeinsam ist diesen Befunden die Idee, dass Immunprozesse und ihre Wechselwirkungen mit dem Gehirn eine Rolle spielen könnten.

Für die klinische Praxis bleibt jedoch klar: Impfungen sollten entsprechend den bestehenden Empfehlungen eingesetzt werden. Influenza‑, Herpes zoster‑ und RSV‑Impfungen schützen ältere Menschen zuverlässig vor Erkrankungen mit teils erheblicher Morbidität. Ein möglicher Einfluss auf das Demenzrisiko ist wissenschaftlich interessant, aber weder gesichert noch derzeit verlässlich zu quantifizieren.

Welche neuroimmunologischen Mechanismen hinter dem möglichen Einfluss von Impfungen auf das Demenzrisiko stehen könnten, beleuchtet Teil 3 der Serie.


Quellen:

Univadis from Medscape: Schützen alle Impfungen vor Demenz? Im Internet unter: https://www.univadis.de/viewarticle/schuetzen-alle-impfungen-vor-demenz-2026a1000nxn?uuid=903def4a-f50b-421c-984a-368f0a19d13b (letzter Zugriff: 13.08.2026)

  1. Taquet M et al. Lower risk of dementia with AS01-adjuvanted vaccination against shingles and respiratory syncytial virus infections. NPJ Vaccines 2025; 10: 130; https://doi.org/10.1038/s41541-025-01172-3

  2. Bukhbinder AS et al. Risk of Alzheimer’s Disease Following Influenza Vaccination: A Claims-Based Cohort Study Using Propensity Score Matching. J Alzheimers Dis 2022; 88: 1061–1074; https://doi.org/10.3233/jad-220361

  3. Bukhbinder AS et al. Risk of Alzheimer Dementia After High-Dose vs Standard-Dose Influenza Vaccination. Neurology 2026; 106: e214782; https://doi.org/10.1212/wnl.0000000000214782

Dr. Anja Lütke

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