Methenamin: pharmakologisches Profil und Wirkmechanismus
Wiederkehrende unkomplizierte Harnwegsinfektionen belasten Betroffene und führen häufig zu Antibiotikatherapien – mit wachsendem Risiko für Resistenzen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Suche nach antibiotikasparenden Prophylaxeoptionen, wie z. B. Methenamin, immer mehr Bedeutung.

Wirkmechanismus und pharmakologische Grundlagen
Methenamin ist ein Harnantiseptikum mit Prodrug‑Charakter: der Wirkstoff wird – wie auch Hippursäure‑Salz von Methenamin, Methenaminhippurat, – systemisch resorbiert, über die Niere in den Harnraum ausgeschieden und erst im sauren Urin (pH < 6) in Formaldehyd gespalten. Formaldehyd wirkt bakterizid, indem es Proteine und Nukleinsäuren denaturiert und so unter anderem gegen E. coli und andere uro-pathogene Erreger wirksam ist. Dieser unspezifische Mechanismus ist im Gegensatz zu klassischen Antibiotika mit einem geringeren Resistenzrisiko verbunden, was Methenamin besonders für die Prophylaxe interessant macht [1, 2].
Studienlage zur klinischen Evidenz
Die aktuell wohl aussagekräftigste Studie ist die ALTAR‑Non‑Inferiority‑RCT [4], die Methenaminhippurat über 12 Monate mit einer täglichen niedrig dosierten Antibiotikaprophylaxe bei Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen verglichen hat. Die primäre Outcome‑Metrik war die Inzidenz symptomatischer, antibiotikabehandelter Harnwegsinfekte; die Nichtunterlegenheitsgrenze lag bei einem Unterschied von einer Infektion pro Person‑Jahr. Die Studie konnte Non‑Inferiorität von Methenaminhippurat im Vergleich zu Antibiotika nachweisen und zeigte zudem eine signifikante Reduktion des Antibiotikaverbrauchs, was im Kontext der Antibiotika-Stewardship von großer Bedeutung ist. Zusätzlich stützen systematische Übersichten und Meta‑Analysen den Stellenwert von Methenaminhippurat: Eine aktuelle Meta‑Analyse [5] kommt zu dem Schluss, dass Methenaminhippurat insgesamt wirksam und sicher ist und im Vergleich zu Antibiotika keine signifikant höhere Rate symptomatischer Harnwegsinfekte zeigt. Frühere Cochrane [6]‑ sowie andere Reviews [7] und auch die ALTAR-Studie [4] betonen, dass Methenamin im Zeitalter multiresistenter Keime erneut im Blickfeld stehen sollte, auch wenn die Evidenz‑Basis weiter ausgebaut werden muss.
Indikation und Patientenselektion
Methenaminformen zielen auf die Langzeitprophylaxe rezidivierender unkomplizierter Harnwegsinfektionen, typischerweise bei Frauen mit ≥ 2–3 Episoden innerhalb eines Jahres, bei denen eine antibiotische Langzeitprophylaxe entweder nicht gewünscht, zu riskant oder schon eingeschränkt ist. Besonders interessant sind Patientinnen mit hoher Antibiotika‑Exposition, Vorerkrankungen im Sinne von Multiresistenzereignissen oder Unverträglichkeiten gegenüber klassischen Prophylaxeantibiotika. Kontraindikationen umfassen schwere Niereninsuffizienz oder Leberfunktionsstörungen, sowie eine bekannte Überempfindlichkeit gegen Methenamin oder Hippursäure‑Derivate oder Formalin, metabolische Azidose, schwere Dehydrierung, Gicht sowie eine Infektion der Niere [2, 3, 4, 8].
Sicherheit, Nebenwirkungen und klinische Einordnung
Die ALTAR-Studie [4] beschreibt Methenaminhippurat als gut verträglich, mit Nebenwirkungen, die vor allem mild bis moderat und überwiegend gastrointestinal (z. B. Dyspepsie, Übelkeit) sind. Ein klinischer Vorteil im Vergleich zur antibiotischen Prophylaxe liegt in der geringeren Selektion antibiotikaresistenter Keime und dem Rückgang der Gesamt‑Antibiotika‑Belastung, was in aktuellen Meta‑Analysen belegt wird [1, 5]. Insgesamt zeigt sich, dass Methenamin, wie z. B. das bald in Deutschland erhältliche Cystohipp®, eine vorrangig zu betrachtende Alternative zur antibiotischen Prophylaxe bei unkomplizierten rezidivierenden Harnwegsinfekten darstellt [8].
Quellen
Chwa A et al.: Evaluation of methenamine for urinary tract infection prevention in older adults: a review of the evidence. Ther Adv Drug Saf. 2019; 10: 2042098619876749.
Gama CRB et al.: Treatment of Recurrent Urinary Tract Infection Symptoms with Urinary Antiseptics Containing Methenamine and Methylene Blue: Analysis of Etiology and Treatment Outcomes. Res Rep Urol. 2020; 12: 639-649.
Heltveit-Olsen SR et al.: Methenamine hippurate to prevent recurrent urinary tract infections in older women: protocol for a randomised, placebo-controlled trial (ImpresU). BMJ Open. 2022; 12(11): e065217.
Harding C et al.: Alternative to prophylactic antibiotics for the treatment of recurrent urinary tract infections in women: multicentre, open label, randomised, non-inferiority trial. BMJ. 2022; 376: e068229.
Hobaica NC et al.: Effectiveness of methenamine hippurate in preventing urinary tract infections: an updated systematic review, meta-analysis and trial sequential analysis of randomized controlled trials. BMC Urol. 2025; 25(1): 30.
Lee BS et al.: Methenamine hippurate for preventing urinary tract infections. Cochrane Database Syst Rev. 2012; 10(10): CD003265.
Bakhit M et al.: Use of methenamine hippurate to prevent urinary tract infections in community adult women: a systematic review and meta-analysis. Br J Gen Pract. 2021; 71(708): e528-e537.
Fachinformation Cystohipp®; Stand: November 2025
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