Reise ins Ungewisse: wenn Kilos zum kardiologischen Problem werden
Adipositas ist ein maßgeblicher Risikofaktor für die Entwicklung einer kardiovaskulären Pathologie. Hausärztinnen und Hausärzte sollten daher rechtzeitig die Bremsen betätigen.

Kommt Ihnen diese Situation im Praxisalltag bekannt vor? Herr M. ist 54 Jahre alt, berufstätig, füllig, Nichtraucher und stellt sich wegen zunehmender Belastungsdyspnoe vor. „Ich bin einfach nicht mehr so fit wie früher“, sagt er fast entschuldigend. Seit Jahren nimmt er langsam, aber stetig zu, Diäten waren nie erfolgreich. Der Blutdruck sei „eigentlich ganz gut eingestellt“. Er führt seine gesundheitlichen Probleme auf schlechte Kondition zurück – für Sie könnte es darauf hindeuten, dass er eine kardiovaskuläre Erkrankung im Kontext seiner Adipositas entwickelt.
Adipositas ist eine komplexe, chronische Systemerkrankung mit hoher Prävalenz [1, 2]. Mehr als ein Fünftel der Erwachsenen in Deutschland lebt mit Adipositas (Body-Mass-Index (BMI) > 30 kg/m²), gut ein weiteres Drittel ist übergewichtig [3]. Dabei ist Adipositas mehr als nur ein erhöhter BMI-Wert: Die exzessive Fetteinlagerung führt zu tiefgreifenden Veränderungen von Stoffwechsel, Organfunktion und Gefäßgesundheit. Adipositas wird mit rund 200 Folge- und Begleiterkrankungen in Verbindung gebracht und kann die Lebenserwartung um bis zu 10 Jahre verkürzen [4, 5].
Startpunkt für das kardiometabolische Kontinuum
Bei kardiovaskulären Erkrankungen im Kontext von Adipositas liegt wie bei Herrn M. häufig ein zeitlich aufeinanderfolgendes Erkrankungscluster vor, das sogenannte kardiometabolische Kontinuum. Der Begriff beschreibt die schrittweise Progression von metabolischen Störungen über Hypertonie und subklinische Atherosklerose bis hin zu kardiovaskulären Erkrankungen sowie -Ereignissen [6]. Eine besondere Rolle spielt ektopisches Fettgewebe, etwa epikardiales, perivaskuläres oder hepatisches Fett. Diese Fettdepots wirken lokal proinflammatorisch und fibrosierend und beeinflussen Herz- und Gefäßfunktion negativ [6, 7]. Besonders das viszerale Fettgewebe ist metabolisch sehr aktiv und setzt viele Botenstoffe wie etwa proinflammatorische Zytokine frei. Dadurch fördert es Insulinresistenz, endotheliale Dysfunktion und Dyslipidämie und trägt wesentlich zur Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen bei [6].
Die übermäßige Fetteinlagerung ist eng mit arterieller Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz verknüpft. So steigt das Risiko für Vorhofflimmern bei Menschen mit Adipositas um etwa 50 % [8]. Eine besonders charakteristische Komorbidität von Adipositas ist eine Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF), die als eigenständiger klinischer Phänotyp gilt [6, 7]. Bis zu 80 % der HFpEF-Erkrankungen könnten in Zusammenhang mit einer Adipositas stehen [9]. Belastungsdyspnoe oder rasche Erschöpfung werden aber nicht selten als nur mangelnde Fitness fehlgedeutet – sowohl von Betroffenen als auch von Behandelnden.
Frühzeitig die richtigen Weichen stellen
Bereits moderate Gewichtsreduktionen zeigen klinisch relevante Effekte (s. Abbildung 1): So wurde ein Gewichts-verlust von etwa 5 bis 10 % mit messbaren Verbesserungen von Blutdruck, Glukosestoffwechsel und Lipidprofil in Verbindung gebracht [10–12]. Stärkere Gewichtsreduktionen von 10 bis 20 % konnten das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herzinsuffizienz und kardiovaskuläre Ereignisse senken [10–12]. Diese Zielbereiche werden jedoch meist nicht durch reine Lebensstilinterventionen im Bereich Ernährung und Bewegung sowie einer Verhaltenstherapie er-möglicht. Um diese zu erreichen, kann eine medikamentöse Adipositas-Therapie eingesetzt werden [2].
Gesundheitliche Vorteile einer Gewichtsabnahme

Für die hausärztliche Praxis ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Adipositas frühzeitig ansprechen, um sie gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten als eigenständige Erkrankung ernst zu nehmen und realistische, individuelle Therapieziele zu entwickeln. Jeder Praxiskontakt bietet die Chance, das kardiometabolische Kontinuum zu unterbrechen – und damit langfristig Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.
CMAT-10978
Quellen
World Health Organisation. WHO European regional obesity Report 2022. https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/353747/9789289057738-eng.pdf?sequence=1 (letzter Zugriff: 26.01.2026)
Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V S3-Leitlinie Adipositas - Prävention und Therapie. Version 5.0 (Oktober 2024), gültig bis 06.10.2029. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/050-001 (letzter Zugriff: 26.01.2026).
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