FSME-Erkrankungen nehmen zu – Impfquoten bleiben Achillesferse
Die neue FSME-Karte 2026 des RKI weist zwei zusätzliche Risikogebiete aus und macht deutlich, dass die Infektionsgefahr nicht auf Süddeutschland begrenzt ist. Zugleich zeigen die aktuellen Daten, dass ein erheblicher Teil der Erkrankungen durch höhere Impfquoten – insbesondere bei älteren Erwachsenen – vermeidbar wäre.

Aktuelle Risikolage in Deutschland
Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) bleibt in Deutschland regional konzentriert, zeigt jedoch eine fortschreitende Ausdehnung. Die im Epidemiologischen Bulletin 9/2026 veröffentlichte Risikokarte des Robert Koch-Instituts basiert auf allen gemäß Infektionsschutzgesetz übermittelten Erkrankungsdaten von 2002 bis 2025.
Schwerpunkte sind weiterhin Bayern und Baden-Württemberg sowie Teile von Hessen, Thüringen, Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Einzelne Risikogebiete bestehen zudem in Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Neu ausgewiesen wurden der Landkreis Nordsachsen sowie der Stadtkreis Halle (Saale). Damit gilt in Sachsen nun nahezu das gesamte Bundesland – mit Ausnahme von Stadt und Landkreis Leipzig – als Risikogebiet.
Insgesamt sind aktuell 185 Kreise in Deutschland als FSME-Risikogebiete ausgewiesen.
Zudem soll in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, dass FSME auch in Skandinavien verbreitet ist, in Südschweden und an der Westküste Norwegens bis in den hohen Norden, im gesamten Alpenraum, in weiten Teilen Ost- und Südosteuropas.
Erkrankungszahlen und klinisches Bild
Mit 693 gemeldeten Fällen in Deutschland erreichte die FSME im Jahr 2025 die dritthöchste Erkrankungszahl seit Beginn der Datenerfassung. Die Mehrzahl der Erkrankungen trat zwischen Mai und Oktober auf. Mehr als die Hälfte der gemeldeten Betroffenen (57 %) entwickelte neurologische Manifestationen wie Meningitis, Enzephalitis oder Myelitis.
Geschätzt bis zu 90 % der Infektionen verlaufen asymptomatisch oder sehr mild, vor allem bei jüngeren und gesunden Infizierten. Treten Symptome auf, so ist der Verlauf bei etwa 60 % der Erkrankten biphasisch: Auf unspezifische grippale Allgemeinsymptome folgt nach einem kurzen beschwerdearmen Intervall bei 5-15 % der Erkrankten nach Eindringen der Viren ins ZNS die neurologische Phase mit Hirnhaut- und Gehirnentzündung, Nackensteifigkeit, Bewusstseinstrübung, Lähmungen an Armen und Beinen, Schluck- und Sprechstörungen. Bei etwa 40 % verläuft die Erkrankung jedoch einphasig, häufig dann sofort mit neurologischen Symptomen, die auf einen ZNS-Befall hinweisen.
Eine kausale Therapie existiert nicht. Bleibende Schäden nach der neurologischen Phase sind häufig. Die Inzidenz steigt ab dem 40. Lebensjahr deutlich an, Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Bei älteren Erwachsenen und Menschen mit Immundefizienz ist das Risiko für schwere Verläufe und persistierende neurologische Defizite deutlich erhöht. 98 % der 2025 gemeldeten, symptomatisch FSME-Erkrankten waren gar nicht oder unzureichend geimpft.
FSME außerhalb ausgewiesener Risikogebiete
Auch wenn der Großteil der Erkrankungen in definierten Risikogebieten auftritt, wurden zwischen 2002 und 2025 insgesamt 248 Fälle außerhalb dieser Regionen registriert, davon 40 im Jahr 2025. Damit entfielen 3 % aller in Deutschland erworbenen FSME-Infektionen auf Nichtrisikogebiete.
Für die Praxis folgt daraus zweierlei: Zum einen sollte während der Zeckensaison bei entsprechender Symptomatik bundesweit differenzialdiagnostisch an FSME gedacht werden. Zum anderen erfordern Einzelfälle außerhalb ausgewiesener Risikogebiete eine besonders sorgfältige klinische, labordiagnostische und epidemiologische Abklärung.
In der Anamnese sind frühere Aufenthalte in Endemiegebieten sowie durchgemachte oder impfpräventable Flavivirus-Infektionen – etwa Gelbfieber, Japanische Enzephalitis, Dengue-, Westnil- oder Zikavirus-Infektionen – ebenso zu berücksichtigen wie entsprechende Impfungen. Kreuzreaktionen im antikörperbasierten ELISA können zu falsch-positiven FSME-Befunden führen.
Bei positivem serologischem Ergebnis ohne Aufenthalt in einem Risikogebiet während der Expositionszeit sollte eine Rückstellprobe an das zuständige Konsiliarlabor eingesendet werden. Alternativ kann durch sequenzielle Serumproben im Abstand von zwei bis vier Wochen ein signifikanter Anstieg neutralisierender Antikörper dokumentiert werden, der für eine akute Infektion spricht.
Impfprävention: Hoher Nutzen, niedrige Quoten
Die FSME-Impfung bietet den zuverlässigsten Schutz und wird von der STIKO für Personen mit Zeckenexposition in Risikogebieten empfohlen, auch bei nur vorübergehendem Aufenthalt. Trotz klarer Wirksamkeit bleiben die Impfquoten in den betroffenen Regionen niedrig: 2024 lagen sie in Bayern bei 22,6 %, in Baden-Württemberg bei 17,2 %, in Thüringen bei 27,6 % und in Hessen bei 18,0 %.
Besonders relevant ist der Schutz älterer Menschen, weil etwa ab dem 60. Lebensjahr das Risiko für schwere Verläufe mit bleibenden neurologischen Schäden deutlich steigt: Ab 60 Jahren gilt daher das von der STIKO empfohlene verkürzte Auffrischintervall von 3 statt 5 Jahren, was allerdings weder in der Ärzteschaft noch in der Bevölkerung ausreichend bekannt ist.
Kinder und Jugendliche sind vergleichsweise gut geschützt, die Impfquoten fallen jedoch bei jungen Erwachsenen ab. Barrieren sind vor allem eine geringe Risikowahrnehmung und die Sorge vor Nebenwirkungen, sodass sachliche, evidenzbasierte Aufklärung in Risikogebieten von hoher Bedeutung bleibt.
Darüber hinaus ist der Nachweis des FSME-Virus nach § 7 Abs. 1 IfSG namentlich meldepflichtig. Labore und Ärztinnen und Ärzte liefern so die Datenbasis für die kontinuierliche Surveillance, die jährlich in der Aktualisierung der Risikogebiete mündet.
Fazit für die Praxis
Die aktualisierte FSME-Karte zeigt eine Ausdehnung der Risikogebiete in Deutschland, während vereinzelt weiterhin Fälle außerhalb ausgewiesener Regionen auftreten. Für die ärztliche Praxis bedeutet dies: Während der Zeckensaison sollte FSME bei passender Symptomatik bundesweit differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden. Zugleich ist eine konsequente Impfberatung entscheidend: Höhere Impfquoten könnten einen Großteil der Erkrankungen verhindern.
Quelle: Robert Koch-Institut (RKI): FSME-Risikogebiete in Deutschland. Epidemiologisches Bulletin 9/2026. 26. Februar 2026; https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2026/09_26.html