Infocenter

PACC1: Neuer Schlüsselmechanismus in der Sepsis-Abwehr entdeckt

  • Freitag, 17. April 2026
  • Quelle: Bionity.com

PACC1 ist ein Protein, das notwendig ist, damit Bakterien in ihren Phagolysosomen von Makrosomen zuverlässig abgebaut werden können. Fehlt dieses Protein, wird der Prozess funktionell gestört. Der Bakterienabbau stagniert, die Entzündung eskaliert. Das kann bis zur Sepsis führen und tödliche Folgen haben. Diesen bisher unterschätzten, aber offenbar zentralen Baustein der angeborenen Immunabwehr gegen bakterielle Sepsis hat ein Mainzer Forschungsteam gezeigt.

/Artur, stock.adobe.com
/Artur, stock.adobe.com

Wie PACC1 die frühe Immunabwehr gegen Bakterien steuert

Sepsis bleibt trotz moderner Intensivmedizin eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Ein zentraler Grund ist das Versagen der frühen angeborenen Abwehr, insbesondere der bakteriellen Clearance durch Phagozyten. Die Mainzer Studie liefert nun einen mechanistischen Erklärungsansatz: Fehlt der Chloridkanal PACC1 (Proton‑Activated Chloride Channel 1), können Makrophagen in ihren Phagolysosomen den für den bakteriellen Abbau notwendigen sauren pH‑Wert nicht herstellen.

PACC1 ist ein erst vor wenigen Jahren identifiziertes Protein, das in Immunzellen als protonenaktivierter Chloridkanal wirkt und in humanen wie murinen Makrophagen besonders stark exprimiert wird. Dort reguliert es das Milieu der Phagolysosomen, also jener intrazellulären Kompartimente, in denen aufgenommene Bakterien enzymatisch zerlegt werden. Fehlt PACC1, bleibt die erforderliche Ansäuerung aus: Die Zellen nehmen Erreger zwar weiterhin auf, können sie jedoch nicht effizient abbauen. Persistierende bakterielle Strukturen treiben die Immunantwort weiter an – mit einer überschießenden und dysregulierten Entzündungsreaktion als Folge.

Evidenz aus dem Tiermodell

Um die Funktion von PACC1 in vivo zu prüfen, generierten die Forschenden PACC1‑Knockout-Mäuse. Diese Tiere zeigten unter basalen Bedingungen keine auffälligen immunologischen Defekte. Unter Belastung jedoch – einer intraperitonealen Infektion mit gramnegativen E. coli – wurde der Unterschied deutlich:

  • Die bakterielle Last war signifikant erhöht.

  • Die Entzündungsreaktion fiel stärker und dysreguliert aus.

  • Die Sterblichkeit stieg deutlich an.

Bemerkenswert ist, dass dieser Effekt nicht bei einer LPS‑induzierten Endotoxämie auftrat. In diesem Modell wird Tieren Lipopolysaccharid (LPS) verabreicht – ein bakterieller Zellwandbestandteil, der eine systemische Entzündung ohne lebende Bakterien auslöst. Der fehlende Unterschied zwischen Wildtyp und Knockout zeigt damit klar: Der kritische Defekt liegt in der phagozytoseabhängigen bakteriellen Clearance, nicht in der allgemeinen Entzündungsantwort.

Was diese Erkenntnisse für die Sepsisforschung bedeuten

Die Studie liefert einen wichtigen mechanistischen Zusammenhang zwischen der phagolysosomalen Funktion und der systemischen Sepsispathophysiologie. Sie zeigt, dass bereits der Ausfall eines einzelnen Ionenkanals ausreicht, um die bakterielle Abwehr erheblich zu beeinträchtigen und eine letale Entzündungsspirale in Gang zu setzen.

Für die klinische Forschung ergeben sich daraus mehrere Perspektiven. PACC1 besitzt potenzielles Biomarker‑Potenzial, da seine Funktionalität Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit der angeborenen Abwehr zulassen könnte. Gleichzeitig eröffnet der Mechanismus therapeutische Optionen: Eine pharmakologische Aktivierung von PACC1 oder die Stabilisierung seiner Funktion könnte die bakterielle Clearance verbessern – ein Ansatz, der angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen besondere Relevanz gewinnt. Darüber hinaus erweitert der Befund das pathophysiologische Verständnis der Sepsis, da er erklärt, warum manche Patientinnen und Patienten trotz adäquater Antibiotikatherapie eine fulminante systemische Entzündung entwickeln: Die bakterielle Eliminierung ist unvollständig, und persistierende mikrobielle Signale treiben die Immunantwort weiter an.

Fazit

Die Arbeit aus Mainz identifiziert PACC1 als einen zentralen Regulator der phagozytischen Bakterienabwehr. Der Kanal ermöglicht die notwendige Ansäuerung der Phagolysosomen und schützt so vor unkontrollierter Entzündung und Sepsisprogression. Langfristig könnte dieser Mechanismus die Grundlage für neue therapeutische Strategien bilden – ein vielversprechender Ansatz in einem Feld, in dem dringend Innovationen benötigt werden.


Quelle (Originalpublikation): Garo LP et al.: Proton-activated chloride channel 1 is essential for innate host defense against bacterial sepsis. Proc Natl Acad Sci U S A 2026; 123(15):e2515768123; https://doi.org/10.1073/pnas.2515768123

Dr. Anja Lütke

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung