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Reinfektionen mit SARS-CoV-2 erhöhen das Risiko für Long COVID bei Kindern und Jugendlichen deutlich

  • Donnerstag, 26. Februar 2026
  • Quelle: The Lancet Infectious Diseases

Kinder und Jugendliche haben nach einer SARS-CoV-2-Reinfektion in der Omikron-Ära ein mehr als doppelt so hohes Risiko für eine PASC-Diagnose (Post-Acute Sequelae of SARS-CoV-2 infection) wie nach der Erstinfektion. Die bislang größte pädiatrische Kohortenstudie auf Basis elektronischer Gesundheitsakten (EHR) zeigt, dass Reinfektionen keineswegs harmlos sind und mit einem breiten Spektrum potenzieller Langzeitfolgen einhergehen können.

/Anucha, stock.adobe.com
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Long COVID bei Kindern und Jugendlichen bleibt eine klinische und versorgungsrelevante Herausforderung, deren Ausmaß noch immer unterschätzt wird. Während frühe Studien vor allem die erste SARS-CoV-2-Infektion betrachteten, fehlten bislang robuste Daten zu den Folgen von Reinfektionen in der Omikron-Ära. Genau hier setzt die RECOVER-EHR-Studie an: Sie analysiert elektronische Gesundheitsdaten von 40 pädiatrischen Einrichtungen in den USA und liefert erstmals belastbare Evidenz zu PASC-Risiken nach erneuter Infektion.

Studiendesign und Kohorte

Die retrospektive Kohorte umfasst über 465.000 Kinder und Jugendliche unter 21 Jahren, bei denen zwischen Januar 2022 und Oktober 2023 eine dokumentierte SARS-CoV-2-Infektion vorlag. Rund 12 % erlitten im Beobachtungszeitraum eine Reinfektion, definiert als erneute positive Testung oder COVID-19-Diagnose mindestens 60 Tage nach der Erstinfektion.

Der primäre Endpunkt war eine klinisch dokumentierte PASC-Diagnose (ICD-10 U09.9). Ergänzend untersuchten die Autorinnen und Autoren 24 Symptome und Erkrankungen, die in früheren Studien als potenziell PASC-assoziiert beschrieben wurden, darunter Fatigue, kognitive Symptome und respiratorische Beschwerden. Zur Verbesserung der Vergleichbarkeit zwischen Erst- und Reinfektionen kamen Matching-Verfahren und Propensity-Score-Methoden zum Einsatz, um demografische, klinische und versorgungsbezogene Unterschiede auszugleichen.

Reinfektionen verdoppeln das PASC Risiko

Innerhalb von sechs Monaten nach der Infektion betrug die Inzidenz einer klinisch dokumentierten PASC-Diagnose 904 pro 1 Million Kinder nach Erstinfektion und 1.884 pro 1 Million nach Reinfektion. Damit war eine Reinfektion mit einem etwa verdoppelten Risiko für die Diagnose einer PASC assoziiert (relatives Risiko 2,08).

Auch auf Ebene einzelner klinischer Manifestationen ergaben sich nach Reinfektion höhere Risiken, insbesondere für:

  • kardiovaskuläre Manifestationen wie Myokarditis, Arrhythmien, Brustschmerzen oder Thromboembolien

  • neurologische und neurokognitive Symptome wie Kopfschmerzen, kognitive Einschränkungen oder Dysautonomie/POTS (posturales Tachykardiesyndrom)

  • gastrointestinale Beschwerden wie abdominale Schmerzen

  • systemische Symptome wie Fatigue, Fieber oder generalisierte Schmerzen

  • dermatologische, respiratorische und psychische Auffälligkeiten

Das Ausmaß der Risikoerhöhungen variierte je nach klinischer Manifestation und reichte von moderaten Anstiegen bis zu einem relativen Risiko von 3,60.

Einordnung im Kontext der bisherigen Evidenz

Frühere Untersuchungen zu Reinfektionen und Long COVID konzentrierten sich überwiegend auf Erwachsene und waren oft durch kleine Fallzahlen, Selbstberichtsdaten oder kurze Beobachtungszeiträume eingeschränkt. Für Kinder und Jugendliche lagen bislang kaum belastbare Daten vor. Die RECOVER-EHR-Studie schließt diese Lücke, indem sie eine große, gut dokumentierte Kohorte analysiert und den Fokus auf die Omikron-Ära legt, in der Reinfektionen deutlich häufiger auftreten.

Fazit und Bedeutung für den Praxisalltag

Die Ergebnisse legen nahe, dass Reinfektionen bei Kindern und Jugendlichen keineswegs trivial sind. Trotz häufig milder akuter Verläufe zeigt sich ein erhöhtes Risiko für postakute Beschwerden und PASC-Diagnosen. In der Versorgung erscheint es daher sinnvoll, entsprechende Symptome nach Reinfektionen frühzeitig zu berücksichtigen, insbesondere bei multisystemischen Beschwerdebildern. Eine strukturierte Verlaufskontrolle kann auch nach zunächst mildem Verlauf hilfreich sein. Präventive Maßnahmen, einschließlich Impfungen, bleiben bedeutsam, da sie das Risiko schwerer akuter Verläufe reduzieren. Ob Impfungen darüber hinaus das PASC-Risiko beeinflussen, war nicht Gegenstand der vorliegenden Analyse.

Die Mechanismen, die dem erhöhten PASC‑Risiko nach Reinfektionen zugrunde liegen, sind bislang ungeklärt. Diskutiert wird unter anderem, ob eine erneute symptomatische Infektion auf eine weniger robuste oder dysregulierte Immunantwort hinweisen könnte – und damit eher ein Marker als die primäre Ursache eines erhöhten PASC‑Risikos wäre. Ob diese Annahme zutrifft, bleibt jedoch offen und bedarf weiterer Forschung.

Insgesamt unterstreichen die Daten die Notwendigkeit, Reinfektionen auch im Kindes- und Jugendalter differenziert zu betrachten. Für die klinische Praxis ergeben sich daraus vor allem Implikationen für die Verlaufskontrolle und Prävention.


Quelle (Originalpublikation): Zhang B et al.: Long COVID associated with SARS-CoV-2 reinfection among children and adolescents in the omicron era (RECOVER-EHR): a retrospective cohort study. Lancet Infect Dis 2026; 26(2):127-138; https://doi.org/10.1016/s1473-3099(25)00476-1

Dr. Anja Lütke

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