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Zusammen für die Alzheimer-Diagnostik: Das Berliner Früherkennungs-Netzwerk BAFeN

  • Donnerstag, 25. September 2025
  • Quelle: Lilly Deutschland GmbH

PD Dr. Péter Körtvélyessy und Dr. Gerd Benesch setzen sich für verbesserte örtliche Versorgungsstrukturen zur Früherkennung der Alzheimer-Krankheit ein. Sie gründeten dafür das Berliner Alzheimer-Früherkennungs-Netzwerk (BAFeN). Im Interview erläutern sie, wie die Alzheimer-Diagnostik durch interdisziplinäre Vernetzung verbessert werden kann.

Bildhinweis: iStock © Mihajlo Maricic

Warum ist die Frühdiagnostik bei dementiellen Erkrankungen wie der Alzheimer-Krankheit so wichtig?
Dr. Benesch: Im Hinblick auf Hirnleistungsstörungen insgesamt war die Frühdiagnostik auch bisher schon wichtig, um behandelbare Ursachen möglichst früh zu erkennen, wie etwa einen Hydrocephalus, einen Vitamin-B12-Mangel, eine Hypothyreose oder eine depressive Störung. Wir gehen davon aus, dass etwa fünf Prozent aller neurokognitiven Störungen heilbar sind.

PD Dr. Körtvélyessy: Bis vor kurzem wurde der Alzheimer-Früherkennung keine große Bedeutung zugemessen, weil es keine Möglichkeit gab, den Verlauf der Krankheit entscheidend zu beeinflussen. Wir gehen davon aus, dass sich das in Zukunft komplett ändern wird. Für den Behandlungserfolg wird es nun immer wichtiger, die Patientinnen und Patienten möglichst früh zu identifizieren und zu behandeln.

Welche diagnostischen Verfahren nutzen Sie zur Alzheimer-Früherkennung, und wie gut sind diese in der Breite verfügbar?
Dr. Benesch: Eine ausführliche Anamnese – wenn möglich auch Fremdanamnese – und die in der S3-Leitlinie Demenzen [1] empfohlenen Hirnleistungstests, wie der Mini-Mental-Status-Test (MMST) oder das Montreal Cognitive Assessment (MoCA), bilden die erste Säule der Diagnostik. Viele von uns verwenden zusätzlich oder alternativ den DemTect, welcher bei einem prämorbid höheren kognitiven Leistungsniveau sensitiver ist. Die zweite Säule ist die Bildgebung, d. h. in der Regel eine strukturelle Bildgebung mittels Magnetresonanztomografie (MRT). Bei speziellen Fragestellungen (zzt. noch selten) kommen zusätzlich molekulare Bildgebungsverfahren, wie z. B. eine Fluor-18-Desoxyglukose-Positronen-Emissions-Tomografie (FDG-PET) oder eine Dopamintransporter-Szintigrafie (DAT-Scan), infrage. Laboruntersuchungen in Blut und Liquor bilden die dritte Säule der Diagnostik.

PD Dr. Körtvélyessy: Was die Verfügbarkeit der Diagnostik angeht, sind wir an der Charité Berlin maximal ausgestattet. Wir können alle Blut- und Liquormarker bestimmen, wie Neurofilament-Leichtkette (NfL) oder phosphoryliertes Tau217 (p-tau217) im Blut. Unser Team kann jeden neuropsychologischen Test durchführen und hat Zugang zur MRT und zu molekularen Bildgebungsverfahren wie FDG- und Single-Photon-Emissions-Computertomografie(SPECT)-Diagnostik.

Welche Hürden bestehen konkret bei der Alzheimer-Frühdiagnostik?
Dr. Benesch: Im ambulanten Bereich ist der größte Engpass immer die Bildgebung. Das liegt nicht nur an fehlenden Kapazitäten oder Personalmangel, sondern auch daran, dass die Alzheimer-Früherkennung im radiologischen Leistungskatalog nicht adäquat abgebildet ist.

PD Dr. Körtvélyessy: Auch Lumbalpunktionen sind im ambulanten Bereich nur begrenzt verfügbar, weil das nicht alle niedergelassenen Praxen machen. Noch größer ist das Problem bei den neuropsychologischen Tests, denn die Aussagekraft hängt von der durchführenden Person ab und davon, wie gut diese darin geschult ist.

Wie kam es zur Gründung des BAFeN und wie ist der Status quo?
PD Dr. Körtvélyessy: Der erste Impuls entstand letztes Jahr in einer Expertenrunde, in der wir zusammen überlegten, wie wir die Hürden in der Alzheimer-Früherkennung in Berlin angehen und die Diagnostik verbessern können.

Dr. Benesch: Ich habe dann die im Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) Berlin organisierten Nervenärzte, Neurologen und Psychiater gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, konkreter in die Demenzdiagnostik einzusteigen. Daraufhin haben sich 35 niedergelassene Kolleginnen und Kollegen gemeldet. Wir haben in einem ersten Round Table 2024 überlegt, wie wir im ambulanten Bereich besser kooperieren können. Für den zweiten Round Table konnten wir acht der zehn Berliner Gedächtnisambulanzen hinzugewinnen. Der dritte Round Table fand dann 2025 statt.

Welche weiteren Fachgebiete und Berufsgruppen möchten Sie für die Zusammenarbeit im BAFeN gewinnen?
Dr. Benesch: Eine gute Zusammenarbeit mit der Radiologie und der Labormedizin wäre aus den genannten Gründen essenziell. Auch Ergotherapie und Neuropsychologie könnten besser integriert werden. Dazu kommt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, und nicht zuletzt sollten wir die Allgemeinmedizin und hausärztliche Verbände mit ins Boot holen. In den ersten drei Round Tables ging es darum, auszuloten, was wir aus der Neurologie und Psychiatrie heraus für eine Neuaufstellung der Früherkennung realistischerweise überhaupt leisten können. Beim vierten Round Table sollen nun hausärztlich Tätige einbezogen werden, insbesondere um sie dafür zu sensibilisieren, dass man heute eine Alzheimer-Krankheit bereits identifizieren kann, bevor (!) der Mensch dement ist, und dass bei den bereits dementen Personen nur 60 % eine Alzheimer-Pathologie haben.

Welche konkreten Ziele haben für das BAFeN in den nächsten Jahren Priorität?
PD Dr. Körtvélyessy: Wir möchten allen Patientinnen und Patienten Zugang zur gesamten Palette diagnostischer Verfahren ermöglichen. Die spezialisierte Diagnostik, die bisher ausschließlich an tertiären Zentren lief, soll schrittweise in die Hände von gut darin geschulten Hausärztinnen und Hausärzten gegeben werden. Die differenzierte Diagnose soll dabei weiterhin von Fachärztinnen und Fachärzten gestellt werden. Bereits erhobene MRT- und Blut-Biomarker-Befunde oder von Gedächtnisapps aufgezeichnete Verlaufsdaten könnten dazu beitragen, die Gedächtnisambulanzen zu entlasten und die Versorgung effizienter zu gestalten.

Dr. Benesch: Das können wir nur erreichen, indem wir Früherkennungsabläufe mit einer guten Vernetzung etablieren, sowohl sektoren- als auch fachgruppenübergreifend. Dazu gehören u. a. die schrittweise Einbeziehung der Allgemeinmedizin, eine Vernetzung mit radiologischen Praxen und die Erleichterung der MRT-Terminvergabe durch Lösung der Kapazitätsprobleme. Auch molekulare Bildgebungsverfahren sollten breiter verfügbar werden.

PD Dr. Körtvélyessy: Die Digitalisierung schreitet auch in der Gesundheitsversorgung voran, etwa durch die Einführung der elektronischen Patientenakte oder die zunehmende Verwendung digitaler Rezepte. Das Thema „digitale Plattform“ denken wir daher ebenfalls mit und könnten es auch bei der Alzheimer-Früherkennung weiterverfolgen.

Dr. Benesch: Wir erwägen zum Beispiel, eine digitale Plattform einzurichten, die Terminfindung, Befundsammlung und fallbezogene Abstimmungen erleichtern könnte. Es gibt bereits Früherkennungsnetzwerke mit funktionierenden digitalen Lösungen, etwa im Rahmen von ALFie in Köln. Wir müssen also das Rad nicht neu erfinden. Wir sind in gutem Kontakt mit Köln, wo man bereits an einer digitalen Lösung arbeitet.

Welche positiven Effekte machen sich jetzt schon bemerkbar?
PD Dr. Körtvélyessy: Die Vernetzung der Niedergelassenen, sowohl untereinander als auch mit den Klinikambulanzen, funktioniert innerhalb des BAFeN schon deutlich besser als früher. Man kennt sich untereinander und hilft sich gegenseitig aus, z. B. mit Lumbalpunktionen oder neuropsychologischen Tests. Die Niedergelassenen müssen sich nicht mehr als Einzelkämpfer durchschlagen, denn im Netzwerk können sie sich niederschwellig Rat einholen bzw. ihre eigenen Kompetenzen einbringen.

Welche Entwicklungen könnten in den nächsten Jahren mit dem Ausbau von Früherkennungsnetzwerken Hand in Hand gehen und die Patientenversorgung verbessern?
Dr. Benesch: Fortschritte in der biomarkergestützten Diagnostik werden sehr wahrscheinlich für mehr diagnostische Sicherheit sorgen. Beispielsweise könnten Biomarker im Blut, Messungen im Liquor ersetzen. Möglicherweise werden wir auch langfristig neue Therapien schrittweise in der ambulanten Versorgung implementieren können. Wie realistisch das ist und wie viele Patientinnen und Patienten hiervon profitieren werden, können wir erst später beurteilen. Aber schon jetzt krempeln wir die Ärmel hoch und sagen:

Herzlichen Dank, Herr Dr. Benesch und Herr PD Dr. Körtvélyessy, für das Interview.




PP-AD-DE-0819


Literatur

1. DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen – Living Guideline, Version 5.2, 17.07.2025, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Zugriff am 11.08.2025.

mr

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