Impfungen: Mehr als Schutz vor Infektionen?
Impfungen können nicht nur Infektionen und schwere Krankheitsverläufe verhindern. Sie können auch verhindern, dass vorbestehende Risiken und Erkrankungen sich als Folge der Infektion verschlechtern. Besonders gut belegt ist der Schutz vor kardiovaskulären Komplikationen nach einer Influenzainfektion, während mögliche protektive Effekte auf das Auftreten oder die Verschlimmerung einer Demenz nach einer Infektion, auf Long COVID oder die Immunantwort auf Tumoren noch Gegenstand der Forschung sind.

Der Nutzen von Impfungen reicht möglicherweise weiter
Impfungen sollen vor der jeweiligen Infektion und ihren möglichen Komplikationen schützen. Darüber hinaus mehren sich die Hinweise auf weitere gesundheitliche Effekte. Dabei sind zwei Phänomene zu unterscheiden: Zum einen können Impfungen Folgeerkrankungen von Infektionen verhindern, indem sie die zugrunde liegende Infektion selbst verhindern oder ihren Verlauf abschwächen. Zum anderen gibt es Hinweise auf sogenannte heterologe oder nicht-spezifische Effekte, bei denen eine Impfung das Immunsystem so beeinflusst, dass sich auch die Immunantwort auf andere Erreger oder Erkrankungen verändert.
Influenzaimpfung: weniger kardiovaskuläre Ereignisse
Am besten untersucht ist der positive Effekt der Influenzaimpfung auf kardiovaskuläre Ereignisse, deren Risiko durch eine Influenzainfektion erheblich ansteigt, vor allem bei Älteren und bei kardial vorgeschädigten Patientinnen und Patienten: Eine Influenzainfektion kann durch systemische Entzündungsreaktionen, erhöhte Gerinnungsneigung und die Destabilisierung atherosklerotischer Plaques akute kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen; eine große Studie zeigte ein erhöhtes Risiko für einen akuten Myokardinfarkt nach laborbestätigter Influenza [1].
Umgekehrt sprechen randomisierte Studien und Metaanalysen dafür, dass die Influenzaimpfung schwere kardiovaskuläre Ereignisse reduziert, insbesondere bei Menschen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung. Ein europäisches Konsensuspapier von 2025 beziffert die relative Risikoreduktion nach einem Herzinfarkt auf etwa 28–45 %, die absolute auf 2–4 % [2]; eine Metaanalyse randomisierter Studien kam auf eine Verringerung um etwa ein Drittel [3, 4]. Auch bei Durchbruchinfektionen scheint die Impfung im Vergleich zu ungeimpften Personen mit Influenza-Erkrankung das Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall zu senken [5]. Ob dabei über den Schutz vor Influenza hinausgehende immunologische Mechanismen eine Rolle spielen, bleibt offen.
Demenzprävention: vielversprechend, aber noch offene Frage
Deutlich weniger gesichert sind die Hinweise auf einen möglichen Schutz vor Demenz. Beobachtungsstudien beschreiben für verschiedene Impfungen, darunter gegen Herpes zoster, ein geringeres späteres Demenzrisiko [6, 7] (s. auch Themenserie: Impfungen und Demenzprävention). Besonders interessant ist eine 2025 in Nature veröffentlichte Studie, in der die Zosterimpfung – im Untersuchungszeitraum handelte es sich noch um die Lebendimpfung - über sieben Jahre mit einem rund 20 % niedrigeren Risiko für eine Demenzdiagnose verbunden war im Vergleich zu ungeimpften Personen [8]. Allerdings verglich diese Studie nur zwei Populationen im Hinblick auf den Impfstatus. Angaben über tatsächlich aufgetretene Zosterinfektionen konnten in der Kohortenstudie nicht entnommen werden. Auch für den neueren, rekombinanten Zoster-Totimpfstoff gibt es entsprechende Hinweise [9].
Welche Mechanismen dahinterstehen, ist noch unklar. Möglich sind unter anderem die Verhinderung von Infektionen und Virusreaktivierungen sowie eine Beeinflussung entzündlicher Prozesse oder des Immunsystems oder auch, wie klinisch immer wieder beobachtet wird, die Verhinderung von Postzoster-Neuralgien und die damit häufig einhergehende Langzeitanalgesie, teilweise auch mit Opiaten. Ein kausaler Zusammenhang ist jedoch bislang nicht belegt; randomisierte Studien mit Demenz als Endpunkt fehlen.
„Trainierte Immunität“ als möglicher Mechanismus
Eine weitere Forschungslinie beschäftigt sich mit der sogenannten trainierten Immunität. Darunter werden länger anhaltende funktionelle, metabolische und epigenetische Veränderungen des angeborenen Immunsystems nach bestimmten immunologischen Reizen verstanden [10].
Besonders gut untersucht ist dieser Mechanismus für den Lebendimpfstoff BCG. Bereits ältere epidemiologische Untersuchungen und spätere randomisierte Studien deuteten darauf hin, dass BCG-geimpfte Kinder nicht nur vor Tuberkulose, sondern möglicherweise auch vor anderen schweren Infektionen geschützt sein können. In einer randomisierten Studie mit 2.320 Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht war die Sterblichkeit während der ersten vier Lebenswochen nach BCG-Impfung um 45 % niedriger als in der Kontrollgruppe [11].
Die Befunde sprechen dafür, dass Impfungen das angeborene Immunsystem über die spezifische Immunantwort hinaus beeinflussen können. Wie groß und dauerhaft solche Effekte klinisch sind und auf welche Bevölkerungsgruppen sie sich übertragen lassen, ist jedoch offen.
Impfungen und Krebs: zwischen Prävention und Forschung
Auch im Zusammenhang mit Krebs sind unterschiedliche Impfeffekte zu unterscheiden. Einige Impfungen verhindern nachweislich Krebserkrankungen, indem sie Infektionen mit onkogenen Erregern verhindern. Dazu zählen insbesondere die HPV-Impfung sowie die Hepatitis-B-Impfung. Diese Effekte beruhen auf dem spezifischen Infektionsschutz und sind daher nicht als klassische nicht-spezifische Impfeffekte einzuordnen.
Darüber hinaus wird untersucht, ob Impfungen die Wirksamkeit von Krebstherapien beeinflussen können. Für COVID-19-mRNA-Impfungen ergab eine 2025 in Nature veröffentlichte Studie präklinische Hinweise auf eine verbesserte Wirkung von Immuncheckpoint-Inhibitoren und fand in retrospektiven Patientenkohorten einen Zusammenhang mit einem besseren Überleben [12]. Eine große französische Kohortenstudie von 2026 bestätigte zwar einen Zusammenhang mit einer niedrigeren Sterblichkeit in den ersten Monaten nach Therapiebeginn, nicht jedoch langfristig. Da ähnliche Effekte auch bei anderen Impfungen auftraten, bleibt unklar, ob die COVID-19-mRNA-Impfung selbst das Therapieansprechen verbessert oder andere Faktoren die Ergebnisse erklären [13]. Prospektive Studien sind erforderlich, um einen kausalen Zusammenhang zu klären.
Auch Long COVID im Blick
Ein weiterer Forschungsbereich betrifft die Prävention länger anhaltender Folgen nach Virusinfektionen. Für SARS-CoV-2 zeigen Studien und Metaanalysen, dass eine Impfung das Risiko für Long COVID senken kann [14]. Dabei sind zunächst die Effekte des spezifischen Impfschutzes zu berücksichtigen: Verhindert eine Impfung die Infektion oder verringert sie das Risiko eines schweren Verlaufs, sinkt damit auch das Risiko für langfristige Folgen.
Ob darüber hinaus immunmodulatorische Effekte der Impfung zur Reduktion von Long COVID beitragen, ist bislang nicht geklärt. Ähnliche Zusammenhänge werden auch für andere Atemwegsinfektionen untersucht.
Fazit für den ärztlichen Versorgungsalltag
Impfungen schützen vor Infektionen und deren Komplikationen; darüber hinaus werden weitere gesundheitliche Effekte untersucht. Am besten belegt ist bislang der Schutz vor kardiovaskulären Folgeereignissen einer Influenzainfektion, insbesondere bei Menschen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko. Hinweise auf eine mögliche Verringerung des Demenzrisikos, einen Schutz vor Long COVID oder immunmodulatorische Effekte sind unterschiedlich gut abgesichert und teilweise noch Gegenstand der Forschung. Für die ärztliche Beratung bleibt der nachgewiesene Infektionsschutz mit seinen etablierten Vorteilen maßgeblich. Ob einzelne Impfungen darüber hinaus weitere gesundheitliche Vorteile bieten, ist eine spannende Frage, deren Beantwortung von der weiteren Evidenzentwicklung abhängt.
Literatur:
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