Hitze befördert Rufe nach Europäischem Hitzeschutzplan und Hitzegipfel

Brüssel – Angesichts der jüngsten Hitzewellen mit Tausenden Toten rufen die Bundesärztekammer und rund 80 weitere europäische Gesundheitsorganisationen die Europäische Union (EU) zu mehr Anstrengung im Klima- und Hitzeschutz auf. Für Deutschland wurde ein Hitzegipfel angemahnt.
Erklärungen des Klimanotstands müssten in verbindliche Verpflichtungen umgewandelt und extreme Hitze als ernsthafte grenzüberschreitende Gesundheitsgefahr anerkannt werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.
Darüber hinaus brauche es unter anderem einen Europäischen Hitze-Gesundheits-Aktionsplan, der durch einen Notfall-Anpassungsfonds unterstützt werden sollte. Damit sollen beispielsweise die Hitzeüberwachung und Gesundheitseinrichtungen, Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten und Schulen klimafest gemacht werden.
Die Lücke im europäischen Arbeitsschutz bei Hitze müsse darüber hinaus durch verbindliche, regional angepasste Temperaturschwellenwerte geschlossen werden. Außerdem sollen etwa sichere Innentemperaturen für vulnerable Menschen im Bestandswohnraum gewährleistet werden.
Trotz Aktionsplänen steigt hitzebedingte Sterblichkeit
Trotz bestehender nationaler Hitze-Gesundheits-Aktionspläne, Frühwarnsysteme und einer EU-Anpassungsstrategie steige die hitzebedingte Sterblichkeit weiter, kritisieren die Autoren.
„Unter den Hitzekuppeln des Juni 2026, dem heißesten je in Westeuropa gemessenen Juni, wurden allein in der Spitzenwoche der Hitzewelle mehrere Tausend Übersterblichkeitsfälle registriert – Tendenz weiter steigend.“ Die Opfer seien überwiegend ältere Menschen, überproportional Frauen.
Auch im Freien arbeitende Menschen sowie Menschen in Armut und in schlecht angepassten Wohnungen als auch in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen seien von gesundheitlichen Folgen betroffen, zudem förderten Waldbrände weitere Todesopfer und hüllten Städte in Rauch.
„Dessen Feinstaubpartikel werden noch lange nach dem Erlöschen der Flammen weitere Todesfälle verursachen“, warnen die Unterzeichner, zu denen auch der deutsche Hausärztinnen- und Hausärzteverband sowie Klug, die deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, gehören.
Die Unterzeichner drängen darauf, bei dem Klima-Widerstandsfähigkeitsplan (European Climate Resilience Framework), der derzeit von der EU-Kommission erarbeitet wird, Gesundheit ins Zentrum zu stellen und rechtlich verbindliche Anpassungsverpflichtungen zu schaffen.
„Das neue Klimaresilienz-Rahmenwerk ist die Gelegenheit, Absichtserklärungen in verbindliche Verpflichtungen zu verwandeln“, sagte Christian M. Schulz von Klug. „Wir fordern von anderen nichts, was wir nicht selbst leisten: Der Gesundheitssektor muss vorangehen, denn er ist von dieser Krise sowohl betroffen als auch mitverantwortlich für ihre Lösung.“
Die Erklärung verpflichtet auch den Gesundheitssektor selbst. „Wir nehmen uns selbst nicht aus", heißt es darin. Die Unterzeichner verpflichten sich, ihre eigenen Krankenhäuser, Praxen und Pflegeeinrichtungen klimaresilient und klimaneutral zu gestalten, Patienten und Personal vor Hitze zu schützen und den Klimawandel in jede klinische und pflegerische Entscheidung einzubeziehen.
Bündnis fordert Hitzegipfel
In Berlin haben Wissenschaftler, Landwirte, Ärzte, Sozialverbände und Klimaaktivisten angesichts der Extremhitze mit tödlichen Folgen mehr Engagement der Bundesregierung verlangt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) müsse einen Hitzegipfel veranstalten, fordert ein Bündnis aus mehr als 30 Verbänden und Organisationen.
Die Regierung müsse die Menschen akut vor den Folgen von Klimakrise, Hitze, Dürre und Extremwetter schützen und ihrer Verantwortung gerecht werden, heißt es einem in Berlin vorgestellten Appell.
„Extreme Hitze ist gefährlich und viel zu oft tödlich“, sagt der Allgemeinmediziner Max Bürck-Gemassmer. Sie sei vorhersehbar, bisher werde darauf aber nicht angemessen reagiert. „Nach über 10.000 Hitzetoten keinen Hitzegipfel zu veranstalten, das ist nicht erklärbar und nicht entschuldbar und nicht verantwortbar“, kritisierte Luisa Neubauer von Fridays for Future.
Das Bündnis fordert von der Bundesregierung einen Hitzeschutzplan, der auch eine dauerhafte Finanzierung von Schutzmaßnahmen sichert. Dabei kann es etwa um Stadtbegrünung, Maßnahmen für die Landwirtschaft oder Gesundheitsversorgung gehen. Besonders gefährdet seien ältere und pflegebedürftige Menschen, solche mit Vorerkrankungen und Behinderungen, aber auch kleine Kinder und Wohnungslose, erklärte Claudia Mandrysch vom AWO Bundesverband.
Hitzeschutz als Gemeinschaftsaufgabe
Auch der Sozialverband VdK, Landesvertretung Nordrhein-Westfalen, kritisierte heute die unzureichenden Maßnahmen beim Hitzeschutz in Deutschland. Der VdK kümmere sich seit Jahren um das Thema und mache die Kommunen, aber auch die Bundespolitik, auf entsprechende Möglichkeiten aufmerksam.
Seit 2017 gebe es zwar Empfehlungen des Bundes, „aber Empfehlungen sind Empfehlungen und keine Beschlüsse“, kritisierte Horst Vöge, Präsident des VdK in Nordrhein-Westfalen. Nicht nur während der Pandemie sei man in dieser Hinsicht vertröstet worden, auch in den vergangenen Jahren seien andere Themen stets wichtiger gewesen, so Vöge. Dabei werde die Zahl der Hitzetoten in Deutschland über die kommenden Jahre weiter ansteigen, mahnte er.
Insbesondere nach den kürzlichen Hitzeperioden hätten den Verband zahlreiche Klagen aus der Bevölkerung über die mangelnden Möglichkeiten in den Kommunen, der Hitze zu entfliehen, erreicht. Auch die Pflegeheime seien nicht gut auf die Hitze vorbereitet, so Vöge. Der nordrhein-westfälische VdK-Präsident forderte deshalb, die Umsetzung der geplanten Hitzeschutzpläne als Gemeinschaftsaufgabe, vor allem zwischen Bund und Kommunen, anzugehen.
Der Ausschuss der Medizinstudierenden im Hartmannbund wies mit Blick auf die von Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) für heute anberaumte Fachkonferenz in Bonn und die Forderung nach einer nationalen Taskforce aufgrund der historischen Niedrigstände am Rhein auf medizinische Prävention hin.
Dass bei der aktuellen Diskussion bislang vor allem verkehrs- und wirtschaftspolitische Perspektiven im Mittelpunkt stünden, sehe man „als Anlass, die gesundheitlichen Folgen von Hitze, Trockenheit und Wasserknappheit stärker in den Fokus zu rücken“, hieß es. Klimaanpassung sei nicht zuletzt eine Investition in den Schutz der Bevölkerung und die Belastbarkeit des Gesundheitssystems.
Die Medizinstudierenden sprechen sich deshalb für einen stärkeren präventiven Ansatz aus. „Gesundheitsschutz beginnt nicht erst in der Notaufnahme“, betonten sie. Hitzeextreme, Wasserknappheit und andere klimabedingte Belastungen erforderten vorausschauende politische Entscheidungen.
Medizin und Gesundheitspolitik müssten daher einen festen Platz in den relevanten Krisen- und Anpassungsstrukturen erhalten. Internationale Organisationen wie die WHO wiesen seit Jahren darauf hin, dass wirksame Hitzeschutz- und Anpassungsstrategien nur durch ein sektorübergreifendes Vorgehen gelingen können, bei dem Gesundheitsaspekte frühzeitig berücksichtigt werde.
Infolge der besonders heißen Woche Ende Juni sind in Deutschland nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) deutlich mehr Menschen hitzebedingt gestorben als bisher angenommen. Etwa 9.600 Sterbefälle gehen auf die Woche vom 22. bis 28. Juni zurück, heißt es im aktuellen RKI-Wochenbericht zur hitzebedingten Sterblichkeit.
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