Suchterkrankungen: Ärztetag verlangt wirkungsvolle Maßnahmen zur Verhältnisprävention

Hannover – „Sucht ist kein Randphänomen, sondern ein Thema mit großer Relevanz. Denn Sucht betrifft nicht nur das Individuum, die Familien von Suchtkranken, das soziale Umfeld und die Gesellschaft“, sagte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), und leitete damit heute das Schwerpunktthema des 130. Deutschen Ärztetags ein: „Suchtmedizin im Wandel“.
Gerade deshalb dürfe man Suchterkrankungen nicht an den Rand gesellschaftlicher Debatten stellen und stigmatisieren. Die komplexen medizinischen, psychischen und sozialen Zusammenhänge von Sucht verlangten differenzierte Antworten.
Suchtmedizin sei eine interdisziplinäre Aufgabe, neben Behandlung brauchten Suchtkranke Beratung, Prävention, Selbsthilfe und Rehabilitation. „Doch viele Patienten sind immer noch unzureichend versorgt, denn sie erreichen das Hilfesystem erst sehr spät. Häufig erst dann, wenn bereits schwerwiegende gesundheitliche oder soziale Folgeschäden eingetreten sind“, betonte der BÄK-Präsident.
Suchtkranke nicht mit Ausgrenzung konfrontieren
Die Gründe dafür seien vielfältig: Scham, Schuldgefühle, Selbststigmatisierung, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder bloß schwer zu erreichende Angebote. Noch immer würden Suchtkranke mit Schuldzuweisungen, moralischen Verurteilungen und gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert, so Reinhardt. All dies erschwere den Zugang zur Versorgung, es sei oftmals keine Frage mangelnder Disziplin von Suchtkranken.
Gleichzeitig würden die Herausforderungen der Versorgung komplexer: sich wandelnde Drogenmärkte, national und international, veränderte Drogenkonsummuster, aber auch digitale Süchte unter anderem durch exzessive Nutzung sozialer Medien.
„Ärztinnen und Ärzte sind häufig die erste Anlaufstelle für Betroffene und sie sehen die gesundheitlichen Folgen von Suchtmittelkonsum täglich: Krebserkrankungen, neurologische Erkrankungen, diabetische Erkrankungen, Infektionen sowie häufig psychische Komorbiditäten wie Depression und Psychosen“, sagte Reinhardt.
Ärzte würden aber auch ein besonderes Vertrauen bei den Betroffenen genießen und sollten dieses nutzen, um problematische Konsummuster anzusprechen und sie zur Inanspruchnahme von Hilfe zu motivieren.
Eine bislang nicht ausreichend genutzte Chance liege in wirksamer Prävention und Frühintervention. Dazu brauche es eine gesundheitsförderliche Lebenswelt und und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen, die Drogenkonsum nicht begünstigten, betonte der BÄK-Präsident.

10,5 Liter reinen Alkohol trinkt jede Person in Deutschland jährlich im Durchschnitt
Epidemiologische Daten zum Konsum von Suchtmitteln und Maßnahmen zur Verhältnisprävention präsentierte Norbert Scherbaum, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, LVR-Klinik Essen und Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen.
Der Konsum von reinem Alkohol beträgt ihm zufolge pro Kopf in Deutschland jährlich 10,5 Liter (2024). Diese Zahl sei im Vergleich zu 2012 mit 12,3 Litern pro Kopf und Jahr zwar rückläufig, liege aber immer noch über dem europäischen Durchschnitt von zehn Litern.
Das Durchschnittsalter beim Erstkonsum betrage 15,1 Jahre. Diese Zahlen hat Scherbaum dem Jahrbuch Sucht 2026 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) entnommen, dessen erster Vorsitzender er ist.
Alkoholabhängig sind Scherbaum zufolge, der auch dem Ausschuss Sucht und Drogen der BÄK angehört, 2,16 Millionen Personen beziehungsweise 4,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung (18-64 Jahre). Mehr Männer als Frauen sind demnach betroffen, im Verhältnis 1,6 zu 1. Alkoholmissbrauch betreiben 1,7 Millionen Personen oder 3,3 Prozent der Erwachsenen.
Cannabisabhängig sind nach Angaben des Experten 515.000 Personen beziehungsweise ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung bis 64 Jahre. Missbrauchend konsumieren 257.000 Personen oder 0,5 Prozent der Bevölkerung.
Medikamentenabhängig sind laut Jahrbuch Sucht 1,5 bis 1,9 Millionen Personen in Deutschland, vor allem von Sedativa und Opioidanalgetika. „Wir wissen es aber nicht genau. Medikamentenabhängigkeit ist die große Unbekannte im Gesundheitssystem.“
Die Prävalenz bei illegalen Drogen sei deutlich niedriger als bei legalen Suchtmitteln, so Scherbaum: die Zwölf-Monatsprävalenz für den Konsum von Cannabis liegt bei 9,8 Prozent; beim Konsum von Kokain/Crack bei 1,1 Prozent; beim Konsum von Heroin/Opioiden 0,8 Prozent; bei MDMA („Ecstacy“) bei 1,0 Prozent. Die Zahl der Opioidabhängigen bezifferte er auf 170.000.
Enorme Belastungen für das Gesundheitssystems durch Alkoholkonsum
„Die Belastungen für das Gesundheitssystems durch Alkoholkonsum sind enorm“, sagte Scherbaum. Die stationäre Aufnahme in Krankenhäusern wegen der Diagnose „Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol“ (F10) habe 2024 bei 229.853 Behandlungsfällen gelegen. Damit liege diese Erkrankung auf Platz acht der Krankheiten für stationäre Aufnahmen, bei Männern sogar auf Platz drei.
Die stationären Aufnahmen wegen akuter Alkoholvergiftung liegen dem Experten zufolge aktuell bei 59.688 Fällen (2024) – auf Jahre betrachtet seien die Zahlen rückläufig. Es gebe ein umfangreiches Hilfesystem, das zum Teil außerhalb des krankenkassenfinanzierten Systems arbeitet: vor allem Suchtberatungsstellen, Entzugsstationen, Suchtambulanzen an psychiatrischen Kliniken und Rehakliniken.
Die Delikte unter Alkoholeinfluss, weil Alkohol die Impulskontrolle vermindert, bezifferte der Experte folgendermaßen: 47,5 Prozent Widerstand gegen die Staatsgewalt, 18 Prozent Gewaltkriminalität, 12,7 Prozent Mord, 21,7 Prozent Totschlag/Tötung, 19,1 Prozent gefährliche und schwere Körperverletzung.
Unfälle im Straßenverkehr mit mindestens einem alkoholisierten Beteiligten hat es demnach im Jahr 2024 in 14.787 Fällen gegeben – mit 198 Getöteten (7,2 Prozent von insgesamt 2.770 Verkehrstoten).
Scherbaum wies auf weitere soziale Folgeschäden hin: Drogenkriminalität, Arbeitsunfähigkeit oder vorzeitige Berentung, Fehlzeiten am Arbeitsplatz, Betriebsunfälle, Produktionsausfall, häusliche Gewalt sowie Überforderung in der Kindererziehung.
Die volkswirtschaftlichen Kosten des Suchtmittelkonsums beliefen sich in Bezug auf Alkoholkonsum auf 57,04 Milliarden Euro jährlich, davon behandlungsbezogene Kosten 16,59 Milliarden Euro. Die Einnahmen durch Steuern auf Alkohol seien hingegen mit 3,03 Milliarden Euro jährlich gering, betonte der Suchtexperte.
Verfügbarkeit von Alkohol in Deutschland ist maximal hoch
Bei den sozialen Risikofaktoren für Suchtmittelkonsum steht Scherbaum zufolge die Verfügbarkeit eines Suchtmittels im Vordergrund. „Die Verfügbarkeit von Alkohol in Deutschland ist maximal hoch.“ Alkohol werde nicht in lizensierten Fachgeschäften verkauft, sondern in Supermärkten und sogar in Tankstellen. Alkohol ist rund um die Uhr zum Verkauf verfügbar.
Der Preis für Alkohol liege 14 Prozent niedriger als im EU-Durchschnitt, und sei darüber hinaus geringer im Preis angestiegen als andere Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren. Zudem dürften Jugendliche ab 16 Jahren dürfen Bier, Wein, Sekt kaufen und konsumieren.
Zu den sozialen Risikofaktoren für den Konsum von Alkohol gehören nach Ansicht von Scherbaum in Deutschland auch die traditionelle Trinkkultur beziehungsweise der Konsum durch die Mehrheit der Bevölkerung. Alkoholkonsum sei Bestandteil von Bräuchen und von Freizeitgestaltung. „Situative Normen fördern und fordern ein Trinkverhalten.“ Hinzu kommt die massive Bewerbung alkoholischer Getränke mit 465 Millionen Euro (2024).
Zur Prävention alkoholbezogener Störungen stellte der 1. Vorsitzende der DHS die Strategie SAFER der WHO (siehe Infokasten) vor. Von diesen Empfehlungen sei Deutschland noch weit entfernt, sagte Scherbaum.
Immerhin gebe es bei der gesundheitspolitischen Agenda der Bundesregierung Fortschritte: zum Beispiel wurden im April Einschränkung beim Verkauf von Lachgas beschlossen. Ein Gesetzentwurf zur Abschaffung des begleiteten Trinkens für 14-Jährige befinde sich im parlamentarischen Verfahren. Steuererhöhung für Alkohol und Tabak seien geplant.
„Allerdings sind die Zuständigkeiten bei verhältnispräventiven Maßnahmen zwischen verschiedenen Bundesministerien, Bund, Land und Kommunen zersplittert. Bisher ist keine Gesamtstrategie erkennbar“, sagte Scherbaum. Deutschland nehme einen abgeschlagenen Platz im Public Health Index zur Präventionspolitik im europäischen Vergleich ein.
Der 130. Deutsche Ärztetag kritisierte insbesondere, dass wirksame verhältnispräventive Maßnahmen bei legalen Suchtmitteln wie Alkohol sowie Tabak- und Nikotinprodukten in Deutschland weiterhin nicht konsequent umgesetzt würden und die Politik hinter ihren Möglichkeiten bleibe.
Notwendig seien umfassende Maßnahmen zur Stärkung der Nikotinkontrolle. Dazu zählten unter anderem ein vollständiges Werbeverbot, deutliche Steuererhöhungen, die Einführung neutraler Verpackungen sowie ein Verbot von Aromastoffen in E-Zigaretten.
Auch der Verkauf über Automaten und im Online-Handel solle untersagt werden. Erforderlich sei es darüber hinaus, das „begleitete Trinken“, also den Alkoholkonsum von Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren in Anwesenheit eines Elternteils, abzuschaffen und das Mindestalter für Kauf und Konsum von Alkohol auf 18 Jahre zu erhöhen.
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