Ärzteschaft

6. Mundgesundheitsstudie: Prophylaxe gegen Karies und Parodontitis wirkt – ein Leben lang

  • Dienstag, 14. April 2026
/Alexandra, stock.adobe.com
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Berlin – So wenige Kinder und Erwachsene wie nie zuvor sind von Karies betroffen, ebenso ist die Parodontitis als chronische Erkrankung stark reduziert worden. „Deutschland ist und bleibt Präventionsweltmeister im zahnärztlichen Bereich“, fasste heute Martin Hendges, der Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), auf einer Pressekonferenz die Ergebnisse der ersten Längsschnittergebnisse der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) zusammen.

Damit konnte gezeigt werden, dass die prophylaktischen Strategien greifen, betonte Rainer Jordan, wissenschaftlicher Direktor des Institutes der Deutschen Zahnärzte (IDZ), anlässlich der Vorstellung der Studie. Für die erstmals vorgenommene Längsschnittanalyse wurden Daten der Teilnehmenden der DMS 5 aus dem Jahr 2014 erneut erhoben. „Das war eine große Anstrengung“, hob Jordan hervor, „daher sind diese Ergebnisse nicht nur außergewöhnlich, sondern auch wertvoll“.

Untersucht wurden in der DMS 6 – jeweils aus DMS 5 für einen Vergleich – drei Gruppen neun Jahre später: erstens 12-Jährige bis zum 20. Lebensjahr, zweitens 35-44-Jährige im Alter von 43-52 Jahren und schließlich drittens jüngere Seniorinnen und Senioren (65-74) in höherem Alter (73-82).

Dass die im Kindesalter grundgelegte Prävention nachhaltig wirkt, zeigt sich besonders bei den jüngeren Erwachsenen, die bereits als Kinder damit groß geworden sind. Denn in dieser Altersgruppe ist die Karieserfahrung nicht nur um die Hälfte gesunken. Es fallen auch weniger Zähne aus. Hatten die 35-44-Jährigen der 1990er Jahre schon mehr als fünf Zähne verloren, fehlt in dieser Altersgruppe jetzt nur ein Zahn. Die Aussichten sind für die kommenden Generationen gut, denn derzeit sind 60 % der acht und neun Jahre alten Kinder kariesfrei und 80 % der zwölf Jahre alten Kinder.

Zähne in der Adoleszenz besonders schützen

Was aber besonders wichtige Fingerzeige gebe, sei die Progression, denn die bilde die Dynamik im Krankheitsgeschehen ab, so Jordan. „Die Adoleszenz ist besonders kritisch für ein Karies-freies Gebiss“, erläuterte der IDZ-Direktor und ergänzte, dass dieser Längsschnittbefund ihn überrascht habe. In diesem Jahrzehnt geht der Anteil der Karies-freien Personen um die Hälfte zurück, auf 48%.

Und es zeigt sich, dass es nicht egal ist, wie man in diesen Lebensabschnitt eintritt: Bei 54 % derjenigen Jugendlichen, die dann schon von Karies befallen sind, wird die Erkrankung progredient. Wer bis dahin jedoch Karies-frei war, bleibt es öfter auch, 43 % machen dann eine neue Karieserfahrung. Und zudem ist der Befall moderat – nur durchschnittlich ein Zahn ist betroffen. Daraus schlussfolgerte er, dass in dieser Risikophase die Kariesprophylaxe einen besonderen Stellenwert haben müsse.

Im weiteren Lebensverlauf steigt die Kariesmorbidität bei über 80 % der Erwachsenen und Senioren. Allerdings würden die allermeisten (92 %) saniert. Außerdem blieb die Zahl der Restaurationen, etwa Füllungen, Überkronungen oder Inlays, gering (1/2 Zahn im Erwachsenen- und 1/3 Zahn im Seniorenalter).

Hohe Krankheitslast durch Parodontitis

Die Parodontitis ist rein quantitativ eine epidemiologisch herausragende chronische Erkrankung: Man gehe davon aus, dass in Deutschland 14 Millionen Menschen sogar von einer schweren Parodontalerkrankung betroffen seien, sagte Jordan. Auch hier ist der Verlauf nicht linear, wie die aktuellen Resultate zeigen. Einerseits sei der Verlauf eher langsam. So nimmt die Tiefe der Zahnfleischtaschen im Erwachsenenalter um 0,2 mm zu, im Seniorenalter um 0,1 mm. Aber es kommt – auch das war ein unerwarteter Befund – bereits früher als bisher vermutet zu einer erheblichen Zunahme im Erwachsenenalter.

In dieser Phase erkranken immerhin 63 % der zuvor parodontal gesunden Menschen neu, bei 19 % verschlimmert sich eine bereits vorhandene Parodontitis und nimmt eine schwere Verlaufsform an – so dass sich die schweren Fälle dann verdoppeln. Die entscheidende Progression finde somit im Alter zwischen 40 und 50 statt, nicht erst im Seniorenalter, in dem die meisten Behandlungen stattfinden. „Zu spät“, wie Jordan kritisierte.

Und auch beim Zahnverlust macht sich eine gute Ausgangslage bezahlt. Denn wer noch sein volles Gebiss hat, verliert auch später weniger Zähne. Hier spielt auch das Alter eine Rolle. Erwachsene verloren in dem 9-jährigen Beobachtungszeitraum im Durchschnitt weniger als einen Zahn (0,6), Senioren gut das Dreifache (2).

Nicht verwunderlich ist die Beobachtung, dass die Zahngesundheit mit der sozialen Herkunft assoziiert ist: In bildungsfernen Milieus müssen Kinder viermal so häufig mit Karies rechnen wie in bildungsaffinen Schichten. Und auch hier setzt sich der Effekt fort – auch im höheren Alter sind diese Personen eher zahnlos.

Erkrankungen der Zähne gehen mit systemischen Leiden einher

Beim Lebensstil zeigt sich, dass sich die Risikofaktoren gegenseitig bedingen. Zuckerhaltige Nahrungsmittel, Rauchen und Alkoholkonsum zählen bei der Zahngesundheit ebenso wie bei der sonstigen Gesundheit zu den wichtigsten Risikofaktoren. So seien beispielsweise beim Typ-2-Diabetes die Zusammenhänge überdeutlich, erläuterte der IDZ-Direktor. Menschen mit Diabetes sind 4-mal so häufig zahnlos wie jene, die einen gesunden Glukosestoffwechsel aufweisen. Statt regelmäßig zur Vorsorge zu gehen, suchen sie erst dann eine zahnärztliche Praxis auf, wenn sie Beschwerden haben, dies dann doppelt so häufig wie andere.

Hier zeige sich, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Humanmedizinern- und Medizinerinnen – insbesondere in der Diabetologie – bereits hervorragend funktioniere, hielt Romy Ermler, die Präsidentin der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) fest. Das gelte auch für Allgemeinmediziner und nicht zuletzt für die Gynäkologen und Gynäkologinnen, die ein Augenmerk auf die Zahngesundheit der Schwangeren hätten.

Sie machte anhand internationaler Daten auf die Pole-Position der zahnärztlichen Prävention in Deutschland aufmerksam: „Innerhalb der G7-Staaten liegt Deutschland zusammen mit Großbritannien in Bezug auf die Kariesgesundheit auf dem ersten Platz“, so Ermler. Auch bei jungen Erwachsenen hielten wir einen Platz in der Spitzengruppe. Das reduziere künftige Behandlungskosten, wie sich wiederum beispielhaft in der Gruppe der heutigen 35-44-Jährigen zeigen ließe: im Vergleich zu der Zeit um die Jahrtausendwende benötigen sie heute weniger Füllungen, weniger Wurzelbehandlungen und weniger sonstige zahnerhaltende Maßnahmen. Sie brauchen seltener Zahnprothesen und auch die Parodontitis ist zurückgegangen.

Prävention zahlt sich langfristig aus

Gleichwohl sei dies kein Grund, sich in Sachen Prävention auszuruhen, so die Kammerpräsidentin. Sie plädierte dafür, dass noch mehr Bundesländer die Förderung der Zahngesundheit – ähnlich wie zum Beispiel in Sachsen – verbindlich in den entsprechenden Kita-Gesetzen festschreiben. „Ich wünsche mir auch, dass wir die Gesundheitserziehung in den Schulen stärken“, schloss sie den Appell.

Hendges bekräftigte dies mit dem Hinweis auf einen „Meilenstein für die Prävention von Zahnkrankheiten bei Kindern“: Seit Anfang 2026 werden nicht allein 9 ärztliche, sondern auch 6 zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen (Z1-Z6) bei allen Kindern ab dem Alter von 6 Monaten bis zum sechsten Lebensjahr im Gelben Heft dokumentiert.

Gleichzeitig warnte Hendges vor den Gefahren, sollte die zahnärztliche Prävention zurückgefahren werden, weil nachhaltige Behandlungskonzepte aufgrund schon stattgehabter und anstehender Kostendämpfungsmaßnahmen in Frage stünden. Anders als sonst entspreche im zahnärztlichen Bereich das Health Outcome den eingesetzten Mitteln, die Investitionen zahlten sich schließlich aus: „Kein anderer Sektor in der Versorgung kann solche Erfolge in der Prävention vorweisen wie wir“, schloss der Vorstandsvorsitzende der KZBV.

mls

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