Adipositas: Zweifel am Risikofaktor Stammfettsucht

Cambridge – Eine zentrale Adipositas (Körperform: “Apfel”) ist vermutlich ebenso gefährlich wie die hüftbetonte Verteilung des Fettgewebes (Körperform: “Birne”): In einer Meta-Analyse im Lancet (2011; doi: 10.1016/S0140-6736(11)60105-0) hatten jedenfalls Hüftumfang, Taille-Hüft-Verhältnis und der Body-Mass-Index (BMI) den gleichen prädiktiven Wert für die Bewertung des kardiovaskulären Risikos.
Dem Arzt lieferten sie im Übrigen keine zusätzlichen relevanten Informationen, die über die etablierten Risikofaktoren wie systolischer Blutdruck, Diabetes und Blutlipide hinausgehen.
In den letzten Jahren waren zwei prospektive Beobachtungsstudien zu dem Ergebnis gekommen, dass mit dem BMI das kardiovaskuläre oder Gesamtsterberisiko ansteigt. Weder die europäische EPIC-Studie (NEJM 2008; 359: 2105-20), noch die Studie des US-National Cancer Institutes (NEJM 2010; 363: 2211-9) hatten jedoch die medizinischen Routinebefunde wie Blutdruck oder Lipidstatus berücksichtigt, die Bestandteil der bekannten Risikoscores sind. Der Framingham- und der PROCAM-Score kamen bisher auch ohne den BMI aus.
Daran wird sich künftig auch nichts ändern. Denn die Publikation der Emerging Risk Factors Collaboration, die die Daten von mehr als 220.000 Personen aus 58 Kohorten, vor allem aus den USA und aus Europa ausgewertet hat, zeigt, dass Body-Mass-Index, Hüftumfang oder Taille-Hüft-Verhältnis keine unabhängigen Risikofaktoren sind. Sie bieten keine zusätzlichen Informationen.
Die Ergebnisse der Gruppe um John Danesh von der Universität Cambridge in England stehen damit im Gegensatz zu einem häufig zitierten Ergebnis der INTERHEART-Studie (Lancet 2005; 366: 1640-49). Dort hatte das Taille-Hüft-Verhältnis das Herzinfarktrisiko dreifach stärker beeinflusst als der BMI. Bei dieser Studie handelte es sich jedoch „nur“ um eine Fall-Kontrollstudie. Als retrospektive Studie ist sie anfälliger gegenüber Verzerrungen als prospektive Beobachtungsstudien.
Die Ergebnisse bedeuten indes nicht, dass Übergewicht ungefährlich ist. Nach den Angaben des Medical Research Council, das die Studie zusammen mit der British Heart Foundation gesponsert hat, lassen sich 60 Prozent aller Erkrankungen am Typ-2-Diabetes mellitus und 20 Prozent aller Herzerkrankungen auf ein exzessives Körpergewicht zurückführen.
Außerdem würden sechs Krebserkrankungen mit dem Übergewicht in Verbindung gebracht. Es ist allerdings nicht die Fettmasse an sich, die das Risiko ausmacht, sondern die begleitenden Stoffwechselstörungen, die sich aus einem ungesunden Lebenswandel ergeben.
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