Medizin

Alkoholismus: Acamprosat und Naltrexon in Meta-Analyse gleichwertig

  • Mittwoch, 14. Mai 2014
Uploaded: 14.05.2014 19:27:36 by mis
dpa

Chapel Hill – Nur eine Minderheit von Menschen mit Alkoholproblemen erhält derzeit eine medikamentöse Therapie. Dabei könnten die Erfolgschancen nach den Ergebnissen einer Meta-Analyse im US-Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2014; 311: 1889-1900) größer sein als vielfach angenommen. Acamprosat und Naltrexon werden als gleich­wertig eingestuft, während eine Wirkung von Disulfiram nicht belegt werden konnte.

Die Risiken des Alkohols für die Gesundheit sind bekannt. Ein hoher Konsum kann zu Krebserkrankungen (Mundboden, Ösophagus, Darm, Leber und Brustdrüse), kognitiven Einschränkungen, Leberzirrhose, chronischer Pankreatitis und zum Schlaganfall führen. Alkoholiker neigen zu Depressionen, sind suizidgefährdet und sie verletzten häufiger sich selbst und andere.

Das Problem wird oft unterschätzt. Das Centre for Addiction and Mental Health (CAMH) in Toronto kam jüngst in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass in Europa einer von sieben Todesfällen bei Männern und einer von 13 Todesfällen bei Frauen auf die Folgen eines ungesunden Alkoholkonsums zurückzuführen sind.

Dem stehen relativ geringe Verordnungszahlen für Acamprosat und Naltrexon gegen­über, die zur Unterstützung der Abstinenz bei alkoholabhängigen Patienten zugelassen sind (nach einer psychologischen Therapie). Zu den Gründen für den seltenen Einsatz könnte eine Unterschätzung ihrer Effektivität zählen, meinen Daniel Jonas von der Universität von North Carolina in Chapel Hill und Mitarbeiter, die in einer Meta-Analyse die Ergebnisse aus 122 randomisierten klinischen Studien und einer Kohortenstudie ausgewertet haben.

Die meisten Studien wurden mit Acamprosat, Naltrexon oder einer Kombination der beiden Wirkstoffe durchgeführt. Für beide Mittel können die Autoren eine Wirksamkeit nachweisen, die sich in einer niedrigen und damit günstigen Number needed to treat (NNT) äußert: Bei Acamprosat kommt auf 12 behandelte Patienten einer, dem das Medikament zur Abstinenz verhilft. Bei oralem Naltrexon (50 mg/die) sind es 20.

Für orales Naltrexon konnte auch eine präventive Wirkung gegen einen hohen Alkoholkonsum nachgewiesen werden. Die NNT beträgt hier 12. Im direkten Vergleich sind die beiden Medikamente laut der Meta-Analyse gleichwertig. Für Naltrexon zur Injektion fanden die Autoren keinen Einfluss auf das Rückfallrisiko. Die Zahl der Tage mit einem hohen Alkoholkonsum wurde jedoch vermindert.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die meisten placebo-kontrollierten Studien zu Acamprosat in Europa durchgeführt wurden. Naltrexon wurde dagegen vor allem in den USA untersucht. Die wenigen in den USA zu Acamprosat durchgeführten Studien konnten keine Wirkung aufzeigen, was Jonas darauf zurückführt, dass die Studien zu Acamprosat in Europa vor allem in Kliniken durchgeführt wurden, während die Patienten in den US-Studien durch Anzeigen oder Überweisungen gefunden wurden (und deshalb vielleicht nicht ausreichend motiviert waren?).

Für den älteren Wirkstoff Disulfiram, zu dem nur vier Studien vorlagen, konnten Jones und Mitarbeiter keine Evidenz ermitteln. Nur in einer Subgruppenanalyse zur größten Studie senkte das Mittel, das den Alkoholkonsum durch eine Unverträglichkeitsreaktion bestraft, die Trinkmenge. Der fehlende Wirkungsbeleg könnte laut Jones damit zusammenhängen, dass die Einnahme von Disulfiram in den Studien nicht überwacht wurde.

Unter einer Reihe von „off-label“ eingesetzten Wirkstoffen konnten die Autoren für Nalmefen und Topiramat eine Wirksamkeit nachweisen. Nalmefen war neben Naltrexon das einzige Mittel, das häufiger als Placebo zu Therapieabbrüchen führte. Der Grund dürfte die im Vergleich zu Acamprosat schlechtere Verträglichkeit sein. Beide Mittel führen häufig zu Übelkeit und Erbrechen. Bei Acamprosat waren Angstreaktionen und Durchfälle die häufigsten Nebenwirkungen.

Die Studie wurde von der Agency for Healthcare Research and Quality des US-Gesundheitsministeriums gefördert. Ein Anlass könnte die bevorstehende Gesundheitsreform sein, durch die ein größerer Personenkreis die Medikamente auf Kassenrezept erhalten könnte.

rme

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