Alternde Gesellschaft bereitet den Rettungsdiensten mehr Arbeit

Wiesbaden – Die Zahl der Rettungseinsätze in Hessen steigt stetig an. 43.768 Mal ist beispielsweise der Rettungsdienst in Dietzenbach im Kreis Offenbach im vergangenen Jahr ausgerückt. Das waren 942 Einsätze mehr als 2010.
„Das ist eine Entwicklung, die sich seit Jahren fortsetzt“, sagt der Leiter des Rettungszentrums, Ralf Ackermann. Die Zunahme der Einsätze gilt für den Kreis Offenbach wie für ganz Hessen. Landesweit rückten Rettungskräfte im Jahr 2010 rund 930.000 Mal aus. Damit sei die Zahl gegenüber dem Jahr 2000 um etwa 36 Prozent gestiegen, sagt die Sprecherin des hessischen Sozialministeriums. Die Bevölkerung sei hingegen im gleichen Zeitraum stabil geblieben. Neuere Zahlen lägen noch nicht vor. Es sei aber damit zu rechnen, dass der Trend sich fortsetze.
Ackermann sieht verschiedene Gründe für diese Entwicklung. Zum einen müssten durch die zunehmende Spezialisierung der Kliniken Patienten häufiger verlegt und von den Rettungsdiensten in die verschiedenen Abteilungen gefahren werden. Zum anderen beobachtet er eine niedrigere Hemmschwelle, den Notdienst zu kontaktieren. „Heute rücken wir schon aus, wenn sich Patienten über starke Rückenschmerzen beschweren“, berichtet Ackermann. Früher seien sie dagegen fast ausschließlich bei äußersten Notfällen gerufen worden.
Mehr Rettungswagen und Personal
Der demografische Wandel ist aus Sicht der Beteiligten entscheidend für die Zunahme der Einsätze. Ältere Menschen litten häufiger an akuten Erkrankungen wie Herzleiden und seien deshalb öfter auf den Notdienst angewiesen, sagt Ackermann.
Sorgen müssen sich Patienten wegen der zunehmenden Belastung des Rettungsdienstes nach Einschätzung der Experten aber keine machen. Der Rettungsdienst in Hessen sei gut aufgestellt, sagt Ministeriumssprecherin Krüger. Er passe sich – wie schon in der Vergangenheit – an die sich ändernden Bedingungen an.
Auch Ackermann betont, dass die Qualität des Dienstes trotz einer numerischen Zunahme von Einsätzen erhalten bleibe. So habe zum Beispiel der Kreis Offenbach erst Anfang Juli zusätzliche Rettungswagen angeschafft. Ebenso sei weiteres Personal dazu gekommen.
Die Kosten für die Rettungseinsätze in Hessen sind nach Angaben des Sozialministeriums in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen. Gut angelegtes Geld, meint Roland Jäger, Finanzleiter des Deutschen Roten Kreuzes in Hessen. Er ist überzeugt: „Der Rettungsdienst spart mehr, als er kostet.“ Eine schnelle und sorgfältige Erstversorgung senke die Folgekosten, erläutert er die Rechnung.
„Im Rettungsdienst zählt jede Minute.“ Werde ein Patient in der ersten Stunde nach einem Schlaganfall – der sogenannten Golden Hour – ins Krankenhaus eingeliefert, liege die Wahrscheinlichkeit bei nahezu 100 Prozent, dass der Betroffene keine Folgeschäden habe. Das sei für die Krankenkassen günstiger, als wenn sie teure Medikamente bezahlen müssten, sagte Jäger.
Zudem, erläutert der 49-jährige Finanzfachmann, seien die Krankenkassen gesetzlich verpflichtet, den Bedarf der Notfalldienste zu decken. „Die Rettungsdienste müssen mindestens 90 Prozent der Notfälle in weniger als zehn Minuten erreichen“, sagt Jäger. Wenn das nicht gehe, müssten die Dienste aufrüsten – und die Krankenkassen zahlen. Die Kassen sind offenbar damit zufrieden. „Bisher scheint das System gut zu funktionieren", sagt der Sprecher der AOK Hessen, Riyad Salhi.
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