Anorexie ist nicht mehr ausschließlich psychisch erklärbar

Berlin – Anorexie ist eine komplexe Erkrankung, die geprägt ist von einem tiefgreifenden Missverhältnis zwischen Körper und Psyche, das sowohl physiologische als auch psychologische Dimensionen umfasst. Ein zentrales Merkmal der Erkrankung ist die veränderte Hungerwahrnehmung.
Darauf wies Hans-Christoph Friederich, Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik, Universitätsklinikum Heidelberg anlässlich des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hin, der vom 4. bis 7. März in Berlin stattfindet.
„Bei Betroffenen ist die Fähigkeit, Hunger zu empfinden und darauf zu reagieren, stark beeinträchtigt. Der Hypothalamus, der normalerweise Hunger- und Sättigungssignale steuert, arbeitet bei Menschen mit Anorexie nicht mehr zuverlässig. Trotz eines erheblichen Energiemangels bleibt das Essverlangen aus“, erklärte Friederich, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM) ist.
Der Körper signalisiere zwar Energiemangel, doch das Gehirn reagiere nicht mehr angemessen darauf. Der Essantrieb sei selbst dann vermindert, wenn das Untergewicht bereits lebensbedrohlich sei. Diese Dysregulation habe schwerwiegende körperliche Folgen.
„Sinkt das Körpergewicht drastisch, schaltet der Organismus in einen Energiesparmodus. Der Stoffwechsel wird gedrosselt, um das Überleben zu sichern – eine kurzfristige Anpassungsreaktion, die langfristig jedoch gravierende gesundheitliche Risiken birgt“, erläuterte er.
Die Rückfallrate bei Essstörungen sei hoch: Die Hälfte der überwiegend weiblichen Patientinnen verliere innerhalb des ersten Behandlungsjahres erneut an Gewicht. 20 Prozent der Patientinnen fänden nicht aus Erkrankung heraus und blieben magersüchtig.
Mikrobiom rückt zunehmend in den Fokus
Daneben rückt Friederich zufolge zunehmend ein weiterer Faktor in den Fokus der Forschung: das Mikrobiom. Die Gesamtheit der Darmbakterien spiele eine zentrale Rolle für Stoffwechsel, Verhalten und Wohlbefinden. „Studien zeigen, dass eine chronisch verminderte Nahrungsaufnahme die Zusammensetzung des Mikrobioms deutlich verändert“, sagte der Experte.
Tierversuche zeigten, dass die Übertragung des Mikrobioms von Patientinnen mit Magersucht auf keimfreie Mäuse zu erhöhtem Angstverhalten und einer geringeren Gewichtszunahme führten. „Diese Ergebnisse legen nahe, dass Darmbakterien nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch Verhalten und Emotionen beeinflussen können und damit möglicherweise zur Aufrechterhaltung der Erkrankung beitragen“, erläuterte Friederich.
Dieses neue wissenschaftlich fundierte Verständnis von Anorexie mache deutlich, dass Magersucht nicht ausschließlich psychisch erklärbar sei. „Vielmehr handelt es sich um eine Erkrankung, die durch ein komplexes Zusammenspiel von körperlichen Anpassungen und psychischem Leid aufrechterhalten wird“, sagte der Psychosomatiker.
Für die therapeutische Praxis bedeute dies ein Umdenken. „Wir müssen Magersucht ganzheitlich betrachten. Neben psychischen Aspekten müssen auch biochemische und metabolische Prozesse stärker in Diagnostik und Therapie einbezogen werden“, sagte Friederich. Langfristig könnten individuell angepasste Therapiekonzepte, die sowohl körperliche als auch psychische Faktoren berücksichtigen, die Behandlungsergebnisse deutlich verbessern.
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