Antibiotika und Asthma: Studie zweifelt an Kausalität

Stockholm – Kinder, die in den ersten Lebensjahren mit Antibiotika behandelt wurden oder bereits im Mutterleib exponiert waren, erkrankten auch in einer Kohortenstudie aus Schweden häufiger an Asthma. Die Assoziation verschwand jedoch, wenn der Vergleich auf Geschwister beschränkt wurde. Die Epidemiologen bezweifeln deshalb im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2014; 349: g6979), dass die Antibiotika für die erhöhte Rate von Asthmaerkrankungen verantwortlich sind.
Die Zahl der Asthmaerkrankungen (oder besser der Diagnosen) ist in den letzten Jahrzehnten parallel zu den Verordnungszahlen von Antibiotika gestiegen. Viele Experten sehen darin einen Zusammenhang, der sich auch in mehreren epidemiologischen Studien bestätigte. Auch Anne Örtqvist vom Karolinska Institut in Stockholm konnte die Assoziation zunächst bestätigen.
Ihre Untersuchung umfasste 493.785 Kinder, die in den Jahren 2006 bis 2010 in Schweden geboren waren, und von denen 29.753 später an Asthma erkrankten. Die Mütter der erkrankten Kinder waren häufiger als die Mütter nicht erkrankter Kinder während der Schwangerschaft mit Antibiotika behandelt worden, wie Örtqvist dem Läkemedelsregistret entnahm, das die Arzneiverordnungen in Schweden registriert.
Örtqvist ermittelte eine Hazard Ratio (HR) von 1,28, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,25-1,32 statistisch signifikant war. Noch deutlich war der Zusammenhang mit der Antibiotikaverordnung nach der Geburt. Vor allem nach der Behandlung von Atemwegsinfektionen mit Antibiotika kam es häufiger zu Asthmaerkrankungen (HR 4,12; 3,78-4,50). Aber auch wenn die Antibiotika zur Behandlung von Infektionen der Harnwege oder der Haut eingesetzt worden waren, erkrankten die Kinder später an Asthma (HR 1,54; 1,24-1,92).
Bis zu diesem Punkt bestätigen die Ergebnisse eine derzeit weit verbreitete Annahme, die die häufige Antibiotikagabe für den Anstieg der Asthmaerkrankungen verantwortlich machen. Im zweiten Schritt verglich Örtqvist dann die Daten von 180.894 Kindern, die Geschwister hatten. Wenn die Antibiotika die Ursache der Asthmaerkrankungen sind, sollte sich auch hier eine Assoziation nachweisen lassen. Dies war jedoch für die intrauterine Exposition gar nicht der Fall (HT 0,99; 0,92-1,07), und bei der Verordnung von Antibiotika zu Atemwegserkrankungen (HR 2,36; 1,78-3,13) war die Assoziation abgeschwächt. Zur Antibiotikatherapie von Infektionen der Harnwege oder der Haut war keine Assoziation nachweisbar (HR 0,85; 0,47-1,55).
Örtqvist schließt daraus, dass ein Teil der Assoziation nicht auf die Antibiotikatherapie, sondern auf andere genetische und Umweltfaktoren zurückzuführen ist, die innerhalb einer Familie nicht bestehen. Die weiter bestehende Assoziation zur Antibiotikaverordnung bei Atemwegsinfektionen, lassen für Örtqvist den Verdacht einer reversen Kausalität aufkommen: Könnte es sein, dass viele beginnende Asthmaerkrankungen bei kleinen Kindern zunächst als bakterielle Infektionen fehlgedeutet und fälschlicherweise mit Antibiotika behandelt werden, fragt die Autorin.
Denkbar wäre dies, da bei kleinen Kindern in der Regel keine Lungenfunktionstests durchgeführt werden und die Therapie empirisch erfolgt. Für die Ärztin Örtqvist ändern die Ergebnisse jedoch nichts daran, dass Antibiotika bei kleinen Kindern umsichtig eingesetzt werden sollten. Ein wichtiges Argument bleibe die Vermeidung von Resistenzen.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: