Antirheumatika in der Schwangerschaft: Beipackzettel weichen teils von Leitlinien ab

Leipzig – Klinische Leitlinien führender rheumatologischer Fachgesellschaften bestätigen, dass zahlreiche antirheumatische Therapien während der Zeit vor der Empfängnis, der Schwangerschaft und der Stillzeit eingesetzt werden können.
Fachinformationen und Beipackzettel würden jedoch häufig deutlich zurückhaltender bleiben oder den wissenschaftlichen Empfehlungen widersprechen, erläuterte Isabell Haase, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bei einer Pressekonferenz im Vorfeld des Deutschen Rheumatologiekongresses, der diese Woche in Leipzig stattfindet.
Viele Schwangere möchten zum Schutz ihres Kindes möglichst wenige Antirheumatika einnehmen – dabei kann ein Absetzen riskant sein. „Eine aktive rheumatische Erkrankung kann die Schwangere und ihr ungeborenes Kind genauso gefährden wie ein Medikament, das für die jeweilige Schwangerschaftsphase nicht geeignet ist“, sagte die Fachärztin für Innere Medizin und Rheumatologie.
Neben neuen Behandlungs- und Überwachungsansätzen von Schwangerschaftskomplikationen bleibt die Kontrolle der rheumatischen Grunderkrankung entscheidend. Die aktualisierten EULAR-Empfehlungen zeigen, dass zahlreiche antirheumatische Therapien auch während Zeugung, Schwangerschaft und Stillzeit eingesetzt werden können (Ann Rheum Dis. 2025, DOI:10.1016/j.ard.2025.02.023).
Einige widersprüchliche Beipackzettel
Als Beispiel für widersprüchliche Beipackzettel nannte Haase auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes einige Beispiele: Hydroxychloroquin etwa sei eines der Mittel, für das die beste Evidenz zur Therapie in der Schwangerschaft vorliege.
„Patientinnen mit Systemischem Lupus, die es in der Regel als Basismedikament einnehmen, raten wir regelhaft zur Fortführung“, so die Hamburger Ärztin. Auch das Informationsnetzwerk zu Arzneimittelrisiken in Schwangerschaft und Stillzeit, Embryotox, folgt den EULAR-Empfehlungen. In der Fachinformation heißt es jedoch, dass Rheuma-Patientinnen, Hydroxychloroquin in der Schwangerschaft vermeiden sollten.
Ein weiteres Beispiel ist Haase zufolge der TNF-Inhibitor Adalimumab. Im Beipackzettel wird empfohlen, während der Therapie und mindestens 5 Monate danach zu verhüten. „Dabei besteht für die TNF-Inhibitoren inzwischen eine Datenlage von >10.000 exponierten Schwangerschaften, die keine Grundlage für diese Empfehlung ergeben“, sagte Haase (Ann Rheum Dis. 2025; DOI:10.1016/j.ard.2025.02.021).
Bei Embryotox heißt es: Adalimumab könne in allen Phasen der Schwangerschaft angewendet werden. Dass wird nicht nur mit Studien begründet. Auch aufgrund der großen Molekülmasse von Adalimumab finde während des 1. Trimenons kein nennenswerter plazentarer Übergang statt, so die Begründung auf der Webseite.
Auch Methotrexat in rheumatologischer Dosierung (bis 25 mg/Woche) oder Colchicin könnten bei Männern mit Zeugungswunsch fortgesetzt werden, betonte die Rheumatologin. In den Beipackzetteln und Fachinformationen stehe aber Gegenteiliges.
Umfrage zeigt Unsicherheiten
In der internationalen PRAISE-Umfrage unter 414 Angehörigen von Gesundheitsberufen (davon 53 aus Dänemark, 50 aus Frankreich, 43 aus Indien und 26 aus Deutschland) berichteten 58 %, dass solche Widersprüche zu Unsicherheit oder Spannungen im ärztlichen Beratungsgespräch führen; fast 20 % würden deshalb eine laufende Behandlung wahrscheinlich absetzen (Ther Adv Musculoskelet Dis. 2025, DOI: 10.1177/1759720X251350087).
„Nun gilt es, Fachinformationen und Beipackzettel schneller an die wissenschaftlichen Leitlinien anzupassen“, betonte Haase. Wichtig wäre auch, Schwangerschaftsregister wie das Rhekiss-Register als Evidenzquelle langfristig zu finanzieren.
Daten aus diesem Register von gut 50 Schwangerschaften bei autoinflammatorischer Erkrankung stellt die Rheumatologin beim Kongress vor (Abstract EV.10). Es handelte sich dabei vor allem um Frauen mit familiärem Mittelmeerfieber (FMF) und adult‑onset Still‑Erkrankung (AOSD).
Das Fehlen schwerer hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen und die niedrige Frühgeburtenrate von 10 % stufen die Forschenden um Haase als ermutigend ein. Hingegen sollte die erhöhte Rate (22 %) der Kinder, deren Geburtsgewicht und/oder -länge zu klein war, weiter untersucht werden.
Eine optimierte präkonzeptionelle Beratung sowie eine Fortführung wirksamer Therapien könnte zudem die Flare‑Rate reduzieren. Bei 38 % der Teilnehmenden kam es während der Schwangerschaft und/oder im Wochenbett zu einem Krankheitsschub.
Neue Lancet-Kommission für mehr Evidenz
Eine 2026 ins Leben gerufene Lancet-Kommission (Lancet Rheumatology Commission on Reproductive Health and Family Planning in Immune-Mediated Long-Term Conditions) soll dazu beitragen, bestehende Datenlücken zu schließen und neue Erkenntnisse besser in Regulierung und klinische Praxis zu überführen (Lancet Rheumatol. 2026;8:e497-e500).
Das Ziel der Kommission, die sich erstmals im Juni 2026 auch mit deutscher Beteiligung getroffen hat, ist es, von der Arbeit weniger hochspezialisierter Kliniker zu einem soliden Rahmenwerk überzugehen. Eine evidenzbasierte Nutzen-Risiko-Abwägungen und gemeinsame Entscheidungsfindung soll ermöglicht werden.
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