Armut in Deutschland möglicherweise überschätzt
Berlin/Dortmund – In Deutschland sind möglicherweise weniger Menschen wirklich arm, als es viele Studien und Statistiken nahelegen. Das meinen zumindest der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und der Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Thomas Bauer. Zusammen geben sie die sogenannte Unstatistik des Monats heraus, in der sie Verzerrungen in Studien, Statistiken und Umfragen aufdecken.
Die drei haben sich jetzt eine Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vorgenommen. Der Fernsehsender n-tv („12,5 Millionen Deutsche sind arm“) und andere hatten Mitte Februar darüber berichtet.
Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband war die Armut in Deutschland noch nie so hoch wie heute. Dabei beruft sich der Verband auf eine angebliche Armutsquote von 15,5 Prozent aller Bundesbürger, definiert als die Menschen, die pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. „Unabhängig davon, ob diese Zahl nun korrekt ist, hat sie mit Armut nichts zu tun“, argumentieren die drei Statistiker. Denn dieser Prozentsatz bleibe der gleiche, auch wenn sich das reale Einkommen aller Bundesbürger verdoppelte. „Und wenn es allen schlechter geht, nimmt die so gemessene Armut unter Umständen sogar ab“, so Gigerenzer, Krämer und Bauer.
Medizinische Brisanz erhält die Armutsdebatte durch den mittlerweile recht sicher belegten Zusammenhang zwischen Armut und niedrigerer Lebenserwartung. „Armut macht krank und Krankheit macht arm“, erklärte zum Beispiel Nico Dragano vom Centre for Health and Society der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf auf einer Fachtagung der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe Anfang Februar in Düsseldorf. An der Tagung hatten sich auch die Akademie für öffentliches Gesundheitswesen und das Landesgesundheitsministerium beteiligt. Laut Dragano leben sozial benachteiligte Frauen bis zu 8,4 und Männer bis zu 10,8 Jahre kürzer als wohlhabende Frauen und Männer.
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