ASS: Reduktion des Krebsrisikos macht Primärprävention vorteilhaft

London – Die regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) senkt nicht nur das Herzinfarktrisiko. Eine Reihe von Studien legt auch eine vorbeugende Wirkung gegen Krebserkrankungen nahe. In einer Gesamtbilanz in den Annals of Oncology (2014; doi: 10.1093/annonc/mdu225) überwogen diese Vorteile gegenüber dem bekannten Blutungsrisiko des Thrombozytenaggregationshemmers. Die Autoren geben eine vorsichtige Empfehlung zur Primärprävention ab, die sie bei Gesunden ab dem 50. Lebensjahr für vorteilhaft halten – sofern keine erhöhten Blutungsrisiken vorliegen.
Obwohl eine Vielzahl von Fall-Kontroll-Studien, Kohortenstudien und auch randomisierten klinischen Studien auf eine präventive Wirkung von ASS gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs hingewiesen haben, fallen die Empfehlungen der Präventivmediziner zurückhaltend aus. Grund ist das ebenfalls belegte Risiko von tödlichen Blutungen in Gastrointestinaltrakt oder Gehirn.
Auch Jack Cuzick vom Wolfson Institute of Preventive Medicine in London und Mitarbeiter kommen in ihrer Publikation zu dem Ergebnis, dass die tägliche Einnahme von ASS das Risiko von tödlichen gastrointestinalen Blutungen um 60 Prozent und von tödlichen Schlaganfällen um 21 Prozent erhöht. Hinzu kommt noch ein um 60 Prozent erhöhtes Risiko auf tödliche peptische Ulzera.
Dem stehen allerdings eine Reihe von protektiven Wirkungen gegenüber, von denen der Rückgang des Herzinfarktsterberisikos um 5 Prozent noch der geringste Vorteil ist. ASS senkt laut der Übersicht das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um 40 Prozent. Die Rate der tödlichen Ösophaguskarzinome wurde in den Studien sogar um 50 Prozent gesenkt. Auch eine präventive Wirkung gegen Magenkrebs (35 Prozent weniger Todesfälle) scheint gesichert. Etwas unsicherer ist die Datenlage zu Lungenkrebs (15 Prozent weniger Todesfälle), Prostatakrebs (minus 15 Prozent) und Brustkrebs (minus 5 Prozent).
Insgesamt bleibt eine protektive Wirkung bestehen: Cuzick beziffert sie mit einer Reduktion der Erkrankungen an Krebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall um 9 Prozent bei Frauen und 7 Prozent für Männer, wenn diese ab dem 50. Lebensjahr über zehn Jahre täglich ASS einnehmen. Das Gesamtsterberisiko würde um 4 Prozent sinken. Auf 1.000 Personen, die bis zum 60. Lebensjahr täglich ASS einnehmen, würden 16 Todesfälle an Krebs, einer an Herzinfarkt vermieden. Dem stünden zwei zusätzliche Todesfälle durch Blutungskomplikationen gegenüber.
Der Vorteil von ASS in der Primärprävention ist demnach denkbar gering, und einzelne Risikofaktoren, die das Blutungsrisiko erhöhen, könnten schnell zu einer negativen Bilanz führen. Dazu gehören beispielsweise Rauchen und der Konsum von Alkohol oder auch eine Infektion mit H. pylori. Wer ASS einnimmt, sollte deshalb tunlichst auf einen übermäßigen Alkoholkonsum und auf das Rauchen verzichten, rät Cuzick.
Bei einer H. pylori-Infektion könnte sich eine Eradikationstherapie anbieten, die britische Mediziner derzeit in der HEAT-Studie untersuchen. Eine Alternative könnte die Behandlung mit einem Protonenpumpeninhibitor sein, die Gegenstand der AspECT-Studie ist. Den Einfluss des Alters, eines weiteren – dieses Mal unvermeidbaren – Risikofaktors untersucht derzeit die ASPREE-Studie.
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