Ärzteschaft

BÄK-Präsident: Rahmenbedingungen zur Fehlervermeidung entscheidend

  • Mittwoch, 22. Oktober 2025
von links: Susanne Johna, Klaus Reinhardt, Petra Thürmann und Rainer Kluge /Marten Ronneburg
von links: Susanne Johna, Klaus Reinhardt, Petra Thürmann und Rainer Kluge /Marten Ronneburg

Berlin – Trotz des bereits hohen Niveaus an Patientensicherheit in Deutschland sehen Fachleute noch Luft nach oben. Über mögliche Wege hin zu einer Verbesserung haben sich heute unter anderem Ärzte- und Patientenorganisationen bei einer Tagung der Bundesärztekammer (BÄK) in Berlin ausgetauscht.

Zentral waren dabei beispielsweise Forderungen nach guten Rahmenbedingungen für die ärztliche Arbeit sowie nach flacheren Hierarchien, die ein Ansprechen von akuten Risiken für die Patientensicherheit im Klinik- oder Praxisalltag erlauben.

Eine klare Kommunikation, zum Beispiel über mögliche Komplikationen, könne zudem helfen, späteren Vorwürfen von Patienten entgegenzuwirken. Es gab darüber hinaus Plädoyers dafür, Patienten und Angehörige als Mitgestalter von Sicherheit systematisch in Entscheidungen und Evaluation einzubeziehen.

BÄK-Präsident fordert gute Rahmenbedingungen

Ein Großteil der Fehlerereignisse in der Medizin werde nicht individuell verursacht, sondern durch Defizite, die im Versorgungssystem verankert seien – das sei bekannt, sagte BÄK-Präsident Klaus Reinhardt. „Wir müssen uns deshalb den Gesamtkontext der Patientenbehandlung anschauen.“

Es gehe somit um die Rahmenbedingungen, die personellen Ressourcen, Ausstattung und Technik und vor allem die Zusammenarbeit in der Patientenversorgung. Zunehmende Arbeitsverdichtung, Bürokratie und Wettbewerbsdruck führten häufig zu Zeitmangel in Kliniken und Praxen. Politik und Kostenträger müssten dafür sorgen, dass Ärztinnen und Ärzte die notwendige Zeit und Unterstützung für verantwortungsvolle Entscheidungen erhalten, so der BÄK-Präsident.

Im Zuge der Krankenhausreform dürfe die ärztliche Weiterbildung nicht vergessen oder als bloßes Nebenprodukt behandelt werden, mahnte Reinhardt außerdem. Nur wenn der ärztliche Nachwuchs adäquat weitergebildet werden könne, könnten sich Ärztinnen und Ärzte auch künftig bestmöglich einbringen und ihrer Verantwortung für Qualität und Patientensicherheit gerecht werden.

Die BÄK erinnerte daran, dass bereits verschiedene Initiativen und Maßnahmen wie Qualitätszirkel, Peer Reviews, Konsile, Tumorkonferenzen sowie Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen existieren. Darüber hinaus gibt es Daten der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern sowie aus dem Berichts- und Lernsystem der deutschen Ärzteschaft für kritische Ereignisse in der Medizin (CIRSmedical.de).

Appell zu täglichem Engagement für Patientensicherheit

Christian Luft, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, sagte, in der Debatte würden Ärzte öffentlich immer wieder kritisiert, wenn etwas nicht optimal laufe. Tatsächlich hätten Patienten aber in den allermeisten Fällen ein großes Vertrauen. Er sprach der Ärzteschaft ausdrücklich Wertschätzung aus.

„Patientensicherheit muss aber auch täglich neu erarbeitet werden. Sie ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhakt“, sagte Luft. Es sei ein dauernder Auftrag. Er plädierte für eine Kultur, in der Fehler offen angesprochen werden können und man daraus lerne. Auch das Vertrauen sei nicht selbstverständlich, sondern müsse stets aufs Neue verdient werden.

Tagung im Videostream

Auch auf nationaler Ebene könnten noch Fortschritte erzielt werden, beispielsweise im Kampf gegen Sepsis und in der Arzneimitteltherapiesicherheit, so Luft. Als wichtig hob er zudem die Prävention hervor, auch dies sei Patientensicherheit. Mit Blick auf die Zukunft sagte Luft, dass Künstliche Intelligenz (KI) die Gesundheitsversorgung grundlegend verändern werde und bei richtigem Einsatz auch die Patientensicherheit stärken könne.

Noch zu seltenes Einschreiten bei erkannten Risiken

Wenn es um das Ansprechen von möglichen Risiken oder Fehlerquellen in der täglichen Arbeit gehe, sei noch großes Potenzial zu heben, machte BÄK-Vizepräsidentin Susanne Johna deutlich. Als Beispiel nannte sie Situationen, in denen ein Arzt bei der Visite die Händedesinfektion vergisst und dies jemandem im Team auffällt. Das Problem dann auch anzusprechen, sei allerdings keineswegs selbstverständlich.

Studien zeigten, dass nur 30 bis 40 Prozent der Teilnehmenden in solchen Situationen das Wort ergreifen, so Johna. Es gehe beim Konzept „Speak up“ zugunsten der Patientensicherheit nicht um das Melden von Verstößen, Rechthaberei oder um Whistleblowing, machte sie deutlich. „Wir brauchen eine Systemveränderung, wir brauchen flachere Hierarchien.“ Zentral müsse die Frage sein, was schuld sei – nicht wer. Man müsse dahin kommen, dass Hinweise angstfrei geäußert werden können.

Wenn es bei der Informationsweitergabe hakt

Auf Herausforderungen bei der Informationsweitergabe am Übergang zwischen verschiedenen medizinischen Strukturen, etwa vom Rettungsdienst in die Notaufnahme bis hin zur Intensivstation, wies der Präsident der Landesärztekammer Thüringen, Hans-Jörg Bittrich, hin.

Mitunter kommt es demnach zu Medienbrüchen, die die Patientensicherheit gefährden können. „Manche Krankenhäuser können mit dem Datensatz des Rettungsdienstes noch nichts anfangen, weil die Installation der Schnittstelle zum Krankenhausinformationssystem sich verzögert hat oder noch nicht gelungen ist.“

Häufig müssten dann Notarztprotokolle ausgedruckt und händisch neu eingegeben werden. Auch wenn dies in manchen Bundesländern bereits gelöst sei: Aus Sicht der Patienten verlange man, dass dieser digitale Abbruch nicht auftreten darf, sagte Bittrich.

Er betonte zudem, dass auch der angemessene Ressourceneinsatz und eine Steuerung von Patienten in eine adäquate Versorgungsstufe entscheidend seien für die Patientensicherheit.

Zunehmend werde der Rettungsdienst hierzulande in nicht lebensbedrohlichen Fällen in Anspruch genommen, wenn eigentlich eine hausärztliche Versorgung gefragt sei - ein Feld, in dem Notärzte jedoch nicht ausreichend qualifiziert seien. Hinzu komme: „Die Ressourcen des Rettungsdienstes werden für die echten Notfälle gebraucht“, mahnte Bittrich.

Zahlen zeigen recht konstante Entwicklung

Mit Blick auf Zahlen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sprach Rainer Kluge, Vorsitzender der Gutachterstelle für Arzthaftungsfragen der Sächsischen Landesärztekammer, von einer relativ konstanten Entwicklung in den vergangenen Jahren. Pro Jahr gebe es zwischen 8.000 und 10.000 Sachentscheidungen, wobei in etwa 20 bis 25 Prozent der Fälle ein Behandlungsfehler bejaht werde.

Dies deute darauf hin, dass eine gewisse Fehlerhäufigkeit in der Medizin nicht zu vermeiden sei. Auch die Klagewilligkeit der Patienten sei nach dem Maßstab des vorliegenden Zahlenmaterials recht konstant geblieben. Kluge betonte, dass die Daten nicht verallgemeinert werden können, da es sich um eine negative Fallauswahl handle. Er sprach von einer im Wesentlichen guten Patientensicherheit hierzulande – was aber nicht heiße, dass man sie nicht verbessern könne.

Die Tagung stand unter dem Motto „Sicher ist sicher – Patientensicherheit als gemeinsame Kernaufgabe!“, eine Aufzeichnung ist online verfügbar. Zum Welttag der Patientensicherheit im September hatte es bereits einen Podiumsdiskussion zum Thema Kinder und Patientensicherheit gegeben.

ggr

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