Behandlung der Reisediarrhö fördert Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen

Helsinki – Der internationale Reiseverkehr ist vermutlich maßgeblich an der Verbreitung von resistenten Bakterien beteiligt. Die Keime reisen bevorzugt im Darm der Touristen. Die Behandlung einer Reisediarrhö könnte nach einer Studie in Travel Medicine and Infectious Disease (2017; doi: 10.1016/j.tmaid.2017.01.003) die Ausbreitung von resistenten Keimen deutlich fördern.
Vor zwei Jahren konnte Anu Kantele von der Universität Helsinki in einer Studie zeigen, dass ein Viertel aller Menschen, die subtropische oder tropische Länder besucht haben, mit Enterobakterien zurückkehren, die Extended-Spectrum-Betalaktamasen (ESBL) bilden und damit gegen Penicilline, Cephalosporine und Monobactame resistent sind. Diese Keime führen nicht notwendigerweise zu Durchfallerkrankungen. Die Touristen könnten jedoch ein wichtiges Reservoir zur Ausbreitung dieser Keime sein.
Kantele hatte damals 430 Touristen gebeten, vor der Abreise und nach der Rückkehr jeweils eine Stuhlprobe abzugeben. Bei 90 Rückkehrern (21 Prozent) waren damals neu ESBL-bildende Enterobakterien gefunden worden: Die Keime waren weitgehend resistent gegen Ampicillin (100 Prozent), Cefalexin (100 Prozent), Cefuroxim (96 Prozent), Ceftriaxon (96 Prozent), Ceftatzidim (73 Prozent) und Cefepim (88 Prozent).
Die Resistenzen waren aber nicht auf die ESBL-Bildner beschränkt. Einige Rückkehrer waren auch mit Bakterien besiedelt, die auf Co-Trimoxazol (73 Prozent) Ciprofloxacin (53 Prozent), Levofloxacin (53 Prozent) und Tobramycin (52 Prozent) resistent waren.
Die weitere Befragung der Touristen, deren Ergebnisse Kantele jetzt veröffentlicht, lieferte den Grund: 75 der 90 Reisenden mit ESBL-Bildnern hatten eine Reisediarrhö entwickelt. Die meisten hatten deswegen Antibiotika eingenommen (obwohl die Leitlinien wegen mangelndem Effekt bei den in der Regel selbstheilenden Infektionen klar davon abraten).
Zu den beliebten Antibiotika bei Reisediarrhöen gehören Fluorchinolone wie Ciprofloxacin oder Levofloxacin: 95 Prozent dieser Touristen waren mit Bakterien besiedelt, die gegen Ciprofloxacin resistent waren. Bei den Touristen, die keine Antibiotika eingenommen hatten, lag der Anteil nur bei 35 Prozent.
Die Einnahme von Fluorchinolonen hatte auch den Anteil der Touristen erhöht, bei denen Darmbakterien mit einer Resistenz gegen Tobramycin gefunden wurden (85 versus 32 Prozent). Tobramycin gehört zu den Aminoglykosiden und nicht zu den Fluorchinolonen. Die Gene, die die Resistenz gegen Fluorchinolone vermitteln, befinden sich jedoch häufig auf Plasmiden, die auch Resistenzgene gegen Aminoglykoside wie Tobramycin enthalten. Die Weitergabe der Plasmide, die im Darm über die Speziesgrenzen hinaus möglich ist, könnte deshalb die Kreuzresistenz erklären.
Für den Touristen bleibt der unbedachte Einsatz von Fluorochinolon-Antibiotika gegen harmlose Durchfallerreger zunächst folgenlos. Er bildet aber ein lebendes Reservoir von Keimen, die ihm oder auch anderen Personen gefährlich werden können. Ein mögliches Szenario ist der junge Rucksacktourist, der nach seiner Rückkehr aus den Tropen seine im Krankenhaus liegende Großmutter besucht und ihr beim Abschied mit dem Händedruck dann ein tödliches Souvenir überreicht.
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