Medizin

Behandlung der Reisediarrhö fördert Ausbreitung von Antibiotika­resistenzen

  • Montag, 13. Februar 2017
Uploaded: 09.10.2013 13:14:21 by mis
/dpa

Helsinki – Der internationale Reiseverkehr ist vermutlich maßgeblich an der Verbreitung von resistenten Bakterien beteiligt. Die Keime reisen bevorzugt im Darm der Touristen. Die Behandlung einer Reisediarrhö könnte nach einer Studie in Travel Medicine and Infectious Disease (2017; doi: 10.1016/j.tmaid.2017.01.003) die Ausbreitung von resis­tenten Keimen deutlich fördern.

Vor zwei Jahren konnte Anu Kantele von der Universität Helsinki in einer Studie zeigen, dass ein Viertel aller Menschen, die subtropische oder tropische Länder besucht haben, mit Entero­bakterien zurückkehren, die Extended-Spectrum-Betalaktamasen (ESBL) bil­den und damit gegen Penicilline, Cephalosporine und Monobactame resistent sind. Die­se Keime führen nicht notwendigerweise zu Durchfallerkrankungen. Die Touristen könn­ten jedoch ein wichtiges Reservoir zur Ausbreitung dieser Keime sein.

Kantele hatte damals 430 Touristen gebeten, vor der Abreise und nach der Rückkehr je­weils eine Stuhlprobe abzugeben. Bei 90 Rückkehrern (21 Prozent) waren damals neu ESBL-bildende Enterobakterien gefunden worden: Die Keime waren weitgehend resis­tent gegen Ampicillin (100 Prozent), Cefalexin (100 Prozent), Cefuroxim (96 Prozent), Ceftriaxon (96 Prozent), Ceftatzidim (73 Prozent) und Cefepim (88 Prozent).

Die Resistenzen waren aber nicht auf die ESBL-Bildner beschränkt. Einige Rückkehrer wa­­­ren auch mit Bakterien besiedelt, die auf Co-Trimoxazol (73 Prozent) Ciprofloxacin (53 Prozent), Levofloxacin (53 Prozent) und Tobramycin (52 Prozent) resistent waren.

Die weitere Befragung der Touristen, deren Ergebnisse Kantele jetzt veröffentlicht, lie­fer­te den Grund: 75 der 90 Reisenden mit ESBL-Bildnern hatten eine Reisediarrhö ent­wick­elt. Die meisten hatten deswegen Antibiotika eingenommen (obwohl die Leitlinien we­gen mangelndem Effekt bei den in der Regel selbstheilenden Infektionen klar davon ab­ra­ten). 

Zu den beliebten Antibiotika bei Reisediarrhöen gehören Fluorchinolone wie Cipro­floxa­cin oder Levofloxacin: 95 Prozent dieser Touristen waren mit Bakterien besiedelt, die ge­gen Ciprofloxacin resistent waren. Bei den Touristen, die keine Antibiotika eingenom­men hatten, lag der Anteil nur bei 35 Prozent.

Die Einnahme von Fluorchinolonen hatte auch den Anteil der Touristen erhöht, bei de­nen Darmbakterien mit einer Resistenz gegen Tobramycin gefunden wurden (85 versus 32 Prozent). Tobramycin gehört zu den Aminoglykosiden und nicht zu den Fluorchino­lo­nen. Die Gene, die die Resistenz gegen Fluorchinolone vermitteln, befinden sich jedoch häufig auf Plasmiden, die auch Resistenzgene gegen Aminoglykoside wie Tobramycin enthalten. Die Weitergabe der Plasmide, die im Darm über die Speziesgren­zen hinaus möglich ist, könnte deshalb die Kreuzresistenz erklären. 

Für den Touristen bleibt der unbedachte Einsatz von Fluorochinolon-Antibiotika gegen harmlose Durchfallerreger zunächst folgenlos. Er bildet aber ein lebendes Reservoir von Keimen, die ihm oder auch anderen Personen gefährlich werden können. Ein mögliches Szenario ist der junge Rucksacktourist, der nach seiner Rückkehr aus den Tropen seine im Krankenhaus liegende Großmutter besucht und ihr beim Abschied mit dem Hände­druck dann ein tödliches Souvenir überreicht.

rme

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