Bevacizumab: Kein Überlebensvorteil für Glioblastom-Patienten

Heidelberg – Eine Kombinationstherapie mit den Wirkstoffen Lomustin und Bevacizumab kann das Leben von Patienten mit bösartigen Hirntumoren vom Typ eines Glioblastoms nicht verlängern. Das zeigte eine Studie, die unter Leitung des Heidelberger Neurologen Wolfgang Wick im New England Journal of Medicine erschienen ist (2017; doi: 10.1056/NEJMoa1707358).
Während Lomustin das Standardmedikament für Patienten mit dieser sehr schnell fortschreitenden Erkrankung ist, wird Bevacizumab bislang in den USA, aber nicht in Deutschland eingesetzt. Das Medikament wird in den USA auf der Basis einer nicht kontrollierten Studie eingesetzt. „Das ist insofern problematisch, weil nur Patienten untersucht wurden, die beide Wirkstoffe bekamen, und es keine Kontrollgruppe gab, die nur das etablierte Medikament erhielt“, fasst Wick zusammen.
Das Glioblastom ist der häufigste bösartige Hirntumor bei Erwachsenen. Eine Heilung gibt es noch nicht, die mittlere Überlebenszeit liegt bei wenigen Monaten ohne Behandlung und rund 15 Monaten mit der gängigen Therapie, die aus Operation, Bestrahlung und Chemotherapie besteht. „Wir haben einen großen Bedarf an zusätzlichen Möglichkeiten, um den Patienten zu helfen und zumindest ihre Lebensqualität zu verbessern. Anlass für unsere Studie war daher zu überprüfen, ob zusätzliche Infusionen mit dem Wirkstoff Bevacizumab alle 2 Wochen messbare Vorteile für den Patienten mit sich bringen“, sagt der Studienleiter.
Die Ergebnisse waren zum Bedauern der Forscher negativ: Insgesamt 437 Patienten in 8 Ländern nahmen von November 2011 bis zum Dezember 2014 an der Studie teil – 149 der Betroffenen erhielten nur Lomustin, 288 beide Medikamente. Die Studie endete, als 329 Patienten verstorben waren – ein statistischer Wert, der angibt, dass es ausreichend Daten für eine wissenschaftliche Auswertung gibt. „Unsere Berechnungen zeigten, dass das mittlere Überleben in der Patientengruppe mit beiden Medikamenten bei 9,1 Monaten und das bei den Patienten mit einem Medikament bei 8,6 Monaten lag“, sagt Wick. Patienten mit beiden Medikamenten überlebten also statistisch gesehen 2 Wochen länger – zu wenig, um mögliche Nebenwirkungen und hohe Kosten in Kauf zu nehmen. „Auf Basis dieser Daten wird das Medikament in Deutschland nicht zur Therapie eines Glioblastoms zugelassen“, fasst Wick zusammen.
Letzte Chance für Bevacizumab bei Glioblastom-Patienten
Die Studie maß jedoch nicht nur die Überlebensdauer, sondern auch die Zeitspanne, in der sich kein Wachstum des Tumors feststellen ließ. Hier ergab sich nach Ansicht von Wick ein zweiter Aspekt, der für weitere Forschungsarbeiten wichtig sein könnte: „Die Patienten mit Kombinationstherapie erlebten statistisch gesehen zunächst eine längere Zeitspanne, in der die Krankheit sie nicht so stark belastete.“ Einzelne Patienten sprachen außerdem sehr gut auf die Kombination beider Medikamente an und überlebten deutlich länger als der Durchschnitt. „Unsere Studie zeigt, dass Bevacizumab keine Standardtherapie bei Glioblastomen werden kann“, fasst Wick zusammen. „Sie zeigt aber auch, wie wichtig kontrollierte klinische Studien sind und welche Perspektiven es für eine personalisierte Medizin der Zukunft gibt. Wenn wir über molekulare Marker diejenigen Patienten identifizieren, die von Bevacizumab profitieren, können wir ihnen den Wirkstoff gezielt geben und damit Leben verlängern und Lebensqualität erhöhen.“
Bevacizumab ist bislang zur Behandlung von Eierstock-, Lungen-, Darm-, Brust- und Nierenkrebs sowie des Zervixkarzinoms zugelassen. Anders als in Deutschland hat es in den USA auch für die Therapie des Glioblastoms eine Zulassung. Hierzulande ist das Krebsmittel aktuell nur in klinischen Studien oder als individueller Heilversuch verfügbar. Kassen können die Behandlungskosten übernehmen – sie müssen es aber nicht.
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