Medizin

Biomarker zeigt Leukämie-Risiko nach Krebsbehandlung an

  • Mittwoch, 7. Dezember 2016

Tampa/Florida – Das Auftreten von Mutationen im histologisch noch unauffälligen Knochenmark zeigt bei Patienten, die zur Behandlung von Krebserkrankungen eine Chemo- oder Strahlentherapie erhalten haben, eine drohende Leukämie an. Dies kam in einer Fall-Kontrollstudie heraus, die auf der Jahrestagung der American Society of Hematology in San Diego vorgestellt und in Lancet Oncology (2016; doi: 10.1016/S1470-2045(16)30627-1) publiziert wurde. 

Bis zu fünf Prozent aller Patienten, die zur Behandlung von Brustkrebs, Darmkrebs oder anderen Malignomen eine Chemo- oder Radiotherapie erhalten haben, erkranken – häufig erst viele Jahre später – an einer Leukämie. Diese therapieassoziierten myeloiden Neoplasien (t-MN) werden zunehmend zu einem klinischen Problem, seit die Heilungsraten von Krebserkrankungen gestiegen sind. Die t-MN zeichnen sich durch eine hohe Aggressivität aus, sie sprechen selten auf eine Therapie an.

Ein Team um Eric Padron vom Moffitt Cancer Center in Tampa/Florida hat jetzt heraus­gefunden, dass viele Patienten, die später eine t-MN entwickeln, bereits Jahre vorher eine Anomalie in ihrem Knochenmark haben, die Hämatologen als klonale Hämato­poese von unbestimmtem Potenzial oder CHIP („Clonal haemopoiesis of indeterminate potential“) bezeichnen. 

Bei Patienten mit CHIP ist das histologische Bild des Knochenmarks unauffällig. Eine genaue genetische Analyse zeigt jedoch, dass die ursprüngliche Vielfalt der Zellen aufgehoben ist. Es haben sich einzelne Zellklone ausgebreitet. Sie zeichnen sich häufig durch Mutationen aus, die jederzeit ein Krebswachstum anstoßen könnten. In den meisten Fällen bleibt es allerdings bei einer CHIP und die Patienten entwickeln keine Leukämie.

Padron hat jetzt herausgefunden, dass CHIP bei Patienten, die eine frühere Krebs­erkran­kung dank einer Chemo- oder Strahlentherapie überlebt haben, ein häufiges Phänomen sind: Die Prävalenz betrug 33 Prozent gegenüber etwa zehn Prozent bei Gleichaltrigen in der Bevölkerung. Von 14 Patienten, die nach früherer Chemo- oder Radiotherapie an einer t-MN erkrankt waren, wiesen zehn Patienten Mutationen und eine CHIP auf (71 Prozent). In einer Vergleichsgruppe von 54 Patienten, die nach früherer Chemo- oder Radiotherapie nicht an einer t-MN erkrankt waren, hatten nur 14 Patienten (26 Prozent) eine CHIP. Padron errechnet eine Odds Ratio von 5,75, die mit einem allerdings weiten 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,52 bis 25,09 signifikant war.

Die CHIP wiesen bei den Patienten mit t-MN zudem andere Mutationen auf als bei Patienten ohne t-MN. Besonders häufig waren Mutationen in den Genen TET2 und TP53, die auch beim myelodysplastischen Syndrom auftreten. Padron vermutet, dass diese und andere Gene bei Patienten nach einer überstandenen Krebserkrankung ein erhöhtes Risiko auf eine t-MN anzeigen. Eine Gentest im Knochenmark könnte anzeigen, welche Patienten gefährdet sind. Dies wäre eine Voraussetzung für die Ent­wick­lung von Therapien, die in Zukunft einmal eine Leukämie verhindern könnten.

rme

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