Bundesdrogenbeauftragter Streeck drängt auf mehr strukturelle Hilfe für Abhängige

Berlin – Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) drängt auf mehr systematische Warn-, Präventions- und Hilfsangebote für Drogenabhängige in Deutschland. Das erklärte er heute bei der Vorstellung der „Bundeslagebilder Organisierte Kriminalität“ (OK) des Bundeskriminalamts.
Im vergangenen Jahr seien in Deutschland 2.137 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. „Das sind sechs pro Tag“, unterstrich er. Allerdings liege die Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher.
„Diese Zahl beruht auf Autopsien und toxikologischen Befunden und zeigt wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Streeck. Die Zahl der Drogentoten werde leider sehr uneinheitlich und lückenhaft sowie von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich erhoben, weshalb eine genaue Bezifferung kaum möglich sei.
Allerdings lasse sich erkennen, dass bei Verstorbenen noch nie so viele psychoaktive Substanzen nachgewiesen worden seien wie im vergangenen Jahr. Der Mischkonsum verschiedener Substanzen sei demnach so verbreitet wie noch nie. Konsumenten würden oft vier, fünf oder sechs verschiedene Substanzen gleichzeitig zu sich nehmen.
Besonders alarmierend ist aus Sicht von Streeck, dass die Zahl der Drogentoten unter 30 Jahren um 14 Prozent gestiegen ist. „Man kann also sagen, dass junge Menschen mehr konsumieren als zuvor“, erklärte er. „Diese Entwicklung ist kein deutsches Einzelphänomen, sondern wird in ganz Europa beobachtet.“
Ein Problem sei vor allem, dass immer mehr Menschen Drogen im Darknet bezögen und sich „direkt ins Jugendzimmer“ liefern ließen. Allerdings sei die wachsende Drogenproblematik vielerorts auch immer stärker im Stadtbild zu erkennen.
„Ganze Stadteile verändern sich wegen Crack und synthetischen Opioiden“, betonte Streeck. Rettungsdienste und Notaufnahmen seien weder personell noch strukturell ausreichend dafür ausgestattet. Das müsse sich ändern.
Speziell der Kokainkonsum nehme seit einigen Jahren erheblich zu. „Kokain ist kein Randphänomen mehr, das wenige konsumieren, sondern in der breiten Gesellschaft angekommen“, warnte er.
Prävention und Aufklärung
Hier müsse man versuchen, durch Prävention und Aufklärung die Nachfrage zu bearbeiten. Es brauche aber auch mehr Forschung zu Möglichkeiten der Substitution für Abhängige sowie insbesondere zu den Zielgruppen der Droge. „Das sind Fragen, die wir beantworten müssen, um eine gute Prävention machen zu können. Ohne diese Daten bleibt unsere Präventionsarbeit ein Stück weit blind“, erklärte er.
Außerdem werde ein Monitoringsystem benötigt, dass die Lage erfasse und Notaufnahmen oder Suchthilfezentren warne, wenn bekannt werde, dass zum Beispiel mit gefährlichen Mitteln gestreckte Ware oder hoch potente Mittel wie synthetische Opioide verstärkt im Umlauf seien.
Streeck spricht sich seit längerem immer wieder auch für sogenannte Drug-Checking-Programme aus, die Konsumierenden ermöglichen, in Erfahrung zu bringen, ob ihre für den Konsum vorgesehene Ware gefährliche Streckmittel enthält.
Eine gute Entwicklung sei allerdings, dass seit kurzem der Opioid-Antagonist Naloxon nicht mehr verschreibungspflichtig und damit für Hilfseinrichtungen und Abhängige gleichermaßen leichter zugänglich ist, um akute Überdosierungen zu behandeln. Eine entsprechende Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung hatte der Bundesrat im September gebilligt. „Das wird Leben retten“, sagte Streeck.
Insgesamt ist die Zahl der sogenannten OK-Verfahren mit Hauptdelikt Rauschgift von 264 im Jahr 2023 auf 254 im Jahr 2024 leicht zurückgegangen. Es war der dritte Rückgang in Folge. „Trotz dieses marginalen Rückgangs dominiert dieser Phänomenbereich weiterhin die Organisierte Kriminalität in Deutschland“, heißt es im heute vorgestellten Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2024.
Von den 254 Verfahren entfielen 109 auf solche mit Kokain als primär gehandelter Droge, gefolgt von 64 mit Cannabisprodukten, 54 mit mehreren primär gehandelten Rauschgiftarten, 21 mit synthetischen Drogen, sechs mit Heroin sowie drei mit sonstigen Substanzen.
Besonders bei Drogenkriminalität mit Cannabisbezug täusche die Statistik aber, erklärte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Der kriminelle Bereich sei zwar statistisch rückläufig, steige real aber an.
Das liege an der entkriminalisierten Freimenge von 25 Gramm, die Menschen seit der Teillegalisierung von Cannabis im April 2024 mit sich führen dürften. Die Höchstmengen würden dazu führen, dass Dealer nicht mehr als solche verfolgt werden könnten.
Das Konsumcannabisgesetz sei für steigenden Konsum verantwortlich, weil es die Verfügbarkeit erhöht habe und damit auch die Nachfrage. Die gesetzlich vorgeschriebene Evaluierung werde das belegen, sagte er.
Bislang widersprechen die Ende September veröffentlichten ersten Zwischenergebnisse der Evaluierung Dobrindts Aussagen. Das Konsumcannabisgesetz hatte demnach bisher keine nachweisbaren Auswirkungen auf das Konsumverhalten. Bei Erwachsenen steige der Konsum demnach bereits seit ungefähr 2011, ohne dass jedoch ein Effekt des Gesetzes erkennbar sei. Unter Jugendlichen sei der Konsum sogar weiterhin rückläufig.
„Das ist ein richtig schädliches Gesetz für unsere Gesellschaft – ein richtiges Scheißgesetz“, betonte Dobrindt. Streeck bezeichnete das als „gute Zusammenfassung.“
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: