Buprenorphin lindert Neonatales Abstinenz-Syndrom schneller

Philadelphia – Das stark wirksame Opioid Buprenorphin, das seit den 1990er Jahren zur Substitutionsbehandlung von Drogenabhängigen eingesetzt wird, hat in einer Doppelblindstudie im New England Journal of Medicine (2017; doi: 10.1056/NEJMoa1614835) das neonatale Abstinenz-Syndrom, das in US-Kinderkliniken zu einem häufigen Problem geworden ist, schneller gelindert als eine Standardtherapie mit Morphin.
Immer mehr US-Amerikaner beginnen ihren ersten Drogenentzug gleich nach der Geburt. Schuld ist die zunehmende Verbreitung der häufig iatrogenen Opiatabhängigkeit in der Bevölkerung. Betroffen sind auch Schwangere. Im US-Staat Tennessee sollen zeitweise in ärmeren Bevölkerungsschichten, die im Krankheitsfall von Medicaid unterstützt werden, ein Viertel aller Schwangeren opioidhaltige Schmerzmittel eingenommen haben. Die Opioide passieren die Plazentaschranke und führen bei den Feten zu einer Gewöhnung, die nach der Geburt einen „kalten“ Entzug auslöst. Die Folge ist ein neonatales Abstinenz-Syndrom, dessen Inzidenz sich laut dem Pharmakologen Walter Kraft von der Thomas Jefferson University in Philadelphia in den letzten 15 Jahren fast verfünffacht hat.
Mehr als die Hälfte der betroffenen Säuglinge leiden unter schweren Entzugserscheinungen, die eine intensive Betreuung notwendig machen. In einigen Neugeborenen-Intensivstationen werde jedes fünfte Kind wegen eines neonatalen Abstinenz-Syndroms behandelt, berichtet Kraft. Ein Grund sind die langen Behandlungszeiten. Nicht selten vergeht ein Monat bis sich die Kinder von der Störung erholt haben. Das neonatale Abstinenz-Syndrom ist gekennzeichnet durch eine autonome Instabilität, Zittern, erhöhte Reizbarkeit, eine unzureichende Nahrungsaufnahme und ein zu weicher Stuhl. Die Kinder verlieren häufig stark an Gewicht.
Eine symptomatische Behandlung mit einer Abschirmung gegen äußere Reize, einem engen Kontakt zur Mutter („Rooming-in“), Stillen und das Zufüttern kaloriendichter Nahrung allein können das Problem häufig nicht beheben. Die Behandlung besteht dann in der Gabe von Morphin – bis der Säugling kräftig genug ist, einen Entzug zu überstehen.
Die neonatologischen Intensivmediziner der Thomas Jefferson University haben jetzt in der B-BORN-Studie (Blinded Buprenorphine OR Neonatal morphine solution“) untersucht, ob eine Behandlung mit Buprenorphin die Erholung der Kinder beschleunigen kann. 63 Säuglinge, die nach der 37. Gestationswoche geboren waren, bei denen ein neonatales Abstinenz-Syndrom vorlag und die keine Kontraindikationen gegen den Einsatz der Opiate hatten, wurden auf eine Behandlung mit Morphin oder Buprenorphin randomisiert.
Primärer Endpunkt war die Dauer eines behandlungsbedürftigen neonatalen Abstinenz-Syndroms. Hier kam es, wie Kraft und Mitarbeiter berichten, zu einem Rückgang der Behandlungszeit von 28 auf 15 Tage. Die Kinder konnten früher, nämlich nach 21 statt 33 Tagen, aus der Klinik entlassen werden. Auch der Einsatz von Phenobarbital zur Beruhigung der Kinder war mit 15 gegenüber 23 Prozent seltener notwendig.
Die Behandlung mit Buprenorphin hat laut Kraft nicht zu vermehrten Nebenwirkungen geführt. Atemfrequenz, Leberfunktion und andere Gesundheitsindikatoren waren in beiden Gruppen gleich, berichtet Kraft. Einzig eine stärkere Gewichtsabnahme (231 versus 167 Gramm) könnte ein Nachteil der Buprenorphin-Behandlung gewesen sein.
Eine Schwäche der Studie ist die geringe Teilnehmerzahl, die die Beurteilung trotz der klaren Unterschiede erschweren könnte. Kraft weist darauf hin, dass Frühgeburten und Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 2.200 Gramm von der Teilnahme an der Studie ausgeschlossen wurden. Ein weiters Ausschlusskriterium war eine intrauterine Exposition mit Benzodiazepinen. Kinder, die ein neonatales Abstinenz-Syndrom auf Benzodiazepine haben, werden derzeit in zwei anderen klinischen Studien (ClinicalTrials.gov Nummern NCT02249026 und NCT01671410) mit Buprenorphin behandelt.
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