Blick ins Ausland

China: Exkursion ins Mutterland der Akupunktur

  • Freitag, 21. März 2003

Gebratene Heuschrecken, hundertjährige Eier oder frittierte Tausendfüßler? Um vor den mitreisenden Kollegen nicht als Hasenfuß dazustehen und um den Straßenhändler das „Gesicht wahren“ zu lassen, fällt die Entscheidung für die Heuschrecken. Der Geschmack erinnert an scharf gewürzte Pommes frites. Leider kaue ich diese Delikatesse nicht gut genug durch, so dass eines der offenbar mit Widerhaken versehenen Beinchen in meinem Rachen hängen bleibt und mich die nächsten Tage an diesen Fehler erinnert. Von kurz angebratenen, noch nicht geschlüpften Hühnerküken und einer ominösen Dickdarmsuppe nahm ich dann doch lieber Abstand. Die berühmte Pekingente, Bohnenkäse (Doufu), Teigtaschen (Dim Sum) oder das nach deutschem Rezept gebraute Tsingtao Beer sind allerdings auch dem verwöhnten europäischen Gaumen genehm und sehr zu empfehlen. Reis gilt in China als „arme Leute Essen“ und wird in den Gaststätten nur nach Aufforderung gebracht.

Doch dies soll keine Delikatessentour durch das Reich der Mitte werden - waren hier doch zehn Ärzte aus Deutschland und der Schweiz angetreten, um sich in Peking (Beijing) umfassend in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) fortzubilden. Ein gewagtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass chinesische Ärzte während ihrer Ausbildung erst nach einem Jahr einen Patienten mit einer Nadel traktieren dürfen und insgesamt fünf Jahre bis zu einem Abschluss studieren müssen. Natürlich beinhaltet die TCM nicht nur die Akupunktur, sondern zum Beispiel auch Gymnastik, Massagetechniken, Ordnungstherapien und Phytotherapie. Somit stellte unser Anliegen – auch wenn alle Kursteilnehmer über mehrjährige Akupunkturerfahrungen verfügten – einen gewissen Affront dar: Man stelle sich vor, eine Delegation ausländischer Ärzte tauchte in einem westlichen Klinikum auf, um sich innerhalb weniger Wochen die gesamte Schulmedizin an zu eignen...

Die chinesischen Kollegen empfingen uns dennoch sehr freundlich und bezogen uns ohne Scheu mittels Englisch und Deutsch sprechender Übersetzer in ihre Therapien ein. Einige verfügten sogar über Deutschkenntnisse, da sie bereits in Deutschland gearbeitet hatten. Die Verhältnisse in der uns zugewiesenen Ambulanz (China Beijing International Acupuncture Training Centre) waren faszinierend: So war der erste Patient ein freundlicher Herr aus der Nähe von Düsseldorf, der eine Bandscheibenoperation in Deutschland gescheut hatte und sich hier eine Besserung seiner Rückenbeschwerden erhoffte. Der nächste Patient war ein Belgier, der sich durch die chinesische Medizin eine Gewichtsreduktion und eine Egalisierung seiner Stimmungsschwankungen versprach. Die Gruppe der einheimischen Patienten stellte sich vorwiegend mit einer Mischung orthopädischer (Schmerzen des Bewegungs- und Stützapparates), neurologischer (Schlaganfälle, schlaffe und spastische Lähmungen, Tinnitus) und internistischer Erkrankungen (Diabetes mellitus, Rheuma, Neurasthenien) vor. Auffällig war in dieser Ambulanz eine extreme Prävalenz von peripheren Fazialislähmungen, einem Krankheitsbild, auf welches man in Deutschland doch eher selten trifft.

Eine Akupunktur kostet den chinesischen Patienten nur wenige Pfennige. An den kurzen Aufnahmegesprächen zwischen Arzt und Patient nahmen auch Unbeteiligte regen Anteil. Die Hygiene in der Ambulanz war gemessen an westlichem Standard eher niedrig, da zum Beispiel die Akupunkturnadeln zwar in Alkohol desinfiziert, jedoch regelmäßig wieder verwendet wurden. Ebenso wurden die Stofflaken der Patientenliegen nur selten gewechselt, eine Tatsache, die ein deutscher Patient nur schwerlich akzeptieren würde. Ausländische Patienten brachten sich deshalb eigene Einmalakupunkturnadeln und Laken mit. Hierzulande ist man a priori ebenso geneigt, bei chinesischer Medizin an eine „sanfte, patientenorientierte Medizin“ zu denken – a posteriori wurden hier ohne Hemmungen in kurzen Sitzungen neben den Akupunkturnadeln auch Reizstromgeräte oder Injektionen angewendet, jede ärztliche Direktive oder T

Dr. Steffen Grüner

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