Deutscher Herzbericht zeigt Handlungsbedarf trotz positiver Entwicklungen

Berlin – Die Gesamtsterblichkeit durch Herzkrankheiten in Deutschland ist erneut leicht gesunken. Dies ist die positive Nachricht des heute in Berlin vorgestellten Deutschen Herzberichts – Update 2026.
Der Bericht basiert auf Daten aus dem Jahr 2024 und wird von der Deutschen Herzstiftung gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) sowie der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen (DGPR) jährlich herausgegeben.
Keinesfalls möchten die Fachgesellschaften mit dem Update 2026 jedoch Entwarnung signalisieren: Denn beim genauen Betrachten der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Kontext von Altersgruppen fällt auf, dass der Anteil der kardiovaskulären Erkrankungen an allen Todesursachen in den Altersgruppen der ab 70-Jährigen auch weiterhin ansteigt, während der Anteil der Krebserkrankungen an allen Todesursachen ab diesem Altersabschnitt abnimmt.
Insgesamt gab es 2024 mehr als 1,65 Millionen herzbedingte Krankenhausaufenthalte und damit einen leichten Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Betroffen sind vor allem ältere Menschen. „Der Großteil der behandlungsbedürftigen Herzpatientinnen und -patienten kommt aus den Altersgruppen ab 65 Jahren. Bei den 75- bis unter 85-Jährigen ist die Hospitalisationsrate seit 2012 sogar um 13,3 Prozent gestiegen“, sagte Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, bei der Vorstellung des neuen Deutschen Herzberichts.
Die demografische Entwicklung stelle die herzmedizinische Versorgung vor große Herausforderungen und erfordere eine interdisziplinäre multiprofessionelle und sektorenübergreifende Versorgung, betonte der Kardiologe. Ein effizientes Gegensteuern durch frühzeitige Prävention und Diagnostik – etwa im Rahmen von Vorsorge-Check-ups ab 35 Jahren und Screenings – sowie eine effiziente Therapie gewinne an Relevanz.
Zurück zu positiven Entwicklungen: Hier hob Voigtländer insbesondere den deutlichen Rückgang der Sterberate der Koronaren Herzkrankheit (KHK) hervor. Während die Sterberaten anderer Herzkrankheiten eher leichtere Abnahmen verzeichneten, sei die Sterberate der KHK innerhalb eines Jahres von 127,3 auf 118,3 Gestorbene pro 100.000 Einwohner (-7,1 Prozent) gesunken.
Bei Herzschwäche sank die Sterberate leicht (-2,9 Prozent) von 38,2 im Jahr 2023 auf 37,1 Gestorbene pro 100.000 Einwohner im Berichtsjahr 2024, bei Herzrhythmusstörungen um -2,7 Prozent von 30 auf 29,2 pro 100.000 Einwohner. Auch an Herzklappenerkrankungen starben im Jahr 2024 um 0,4 Prozent weniger Menschen als im Vorjahr (22,7 versus 22,8 Gestorbene pro 100.000 Einwohner).
Fokus Vorhofflimmern
Zu den Herzerkrankungen mit der höchsten Krankheitslast mit über 509.000 vollstationären Krankenhausaufnahmen und rund 29.800 Gestorbenen im Jahr 2024 zählen die Herzrhythmusstörungen. Sie verzeichneten einen Anstieg zum Vorjahr von rund 520 auf 532 Klinikeinweisungen pro 100.000 Einwohner. Allein wegen der häufigsten anhaltenden Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern seien 2024 rund 360.800 Patienten vollstationär im Krankenhaus behandelt worden, so Voigtländer. Dies sei Anlass genug gewesen, bei der Vorstellung des neuen Herzberichts den Fokus auf die Volkskrankheit Vorhofflimmern zu legen.
Tatsächlich sind Herzrhythmusstörungen sowohl eine medizinische als auch zunehmend eine gesundheitspolitische Herausforderung. Insgesamt lebten in Deutschland mehr als 1,6 Millionen Menschen mit Vorhofflimmern, betonten die Herzstiftung und die Fachgesellschaften und sehen wachsenden Handlungsbedarf bezüglich Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Denn die Erkrankung erhöht unter anderem das Risiko für Schlaganfälle und Herzinsuffizienz und verursacht einen entsprechend erheblichen Bedarf an Diagnostik, Therapie und langfristiger Betreuung.
„Vorhofflimmern nimmt mit dem Alter deutlich zu. Etwa jeder Zehnte über 70 ist betroffen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung. Aufgrund der demografischen Entwicklung könne sich die Zahl der Betroffenen innerhalb von drei Jahrzehnten verdoppeln. „Diese Entwicklung zeigt, dass wir Prävention, Früherkennung und eine koordinierte Weiterbehandlung deutlich stärker in den Mittelpunkt rücken müssen.“
Vorhofflimmern tritt häufig gemeinsam mit weiteren Erkrankungen auf. Besonders verbreitet sind Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Herzinsuffizienz und KHK. Aber auch Diabetes, Übergewicht, Schlafapnoe, Rauchen und Alkoholkonsum können die Entstehung begünstigen. Es komme daher darauf an, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und nicht erst dann zu behandeln, wenn Folgeerkrankungen bereits Krankenhausaufenthalte erforderlich machen, so Voigtländer. Er fordert deshalb eine engere Verzahnung der Versorgung über die Sektorengrenzen hinweg – von Hausärzten und niedergelassenen Kardiologen bis zur spezialisierten stationären Herzmedizin.
Auch die wachsende Zahl Erwachsener mit angeborenem Herzfehler (EMAH) stellt die Herzmedizin vor neue Herausforderungen. Mehr als 95 Prozent der Kinder mit angeborenem Herzfehler erreichen heute dank medizinischer Innovationen das Erwachsenenalter. Bei ihnen gehörten Herzrhythmusstörungen zu den häufigsten Langzeitproblemen und seien neben der Herzinsuffizienz die häufigste Ursache für eine Krankenhausaufnahme, erklärte Anselm Uebing, Präsident der DGPK. Bei EMAH trete Vorhofflimmern zudem in deutlich jüngerem Alter und deutlich häufiger auf als in der Gesamtbevölkerung.
„Prävention bleibt der wichtigste Hebel zur Prognoseverbesserung, er wird aber noch zu wenig genutzt“, so Voigtländer. Sie dürfe nicht auf einzelne Kampagnen begrenzt bleiben, sondern müsse strukturell im Gesundheitswesen verankert werden – möglichst bereits im Kindes- und Jugendalter. Gesundheitskompetenz und Risikofaktoren sollten früh vermittelt und im ambulanten Bereich systematisch aufgegriffen werden. Gerade beim Vorhofflimmern könnten dadurch Risikokonstellationen erkannt und Folgeerkrankungen verhindert werden.
Die Deutsche Herzstiftung will ebenfalls durch Aufklärung einen Beitrag leisten. Voigtländer verwies auf die bundesweite Awareness-Kampagne „PULSEDAY“, die die Bevölkerung für das regelmäßige Pulsmessen und das niederschwellige Erkennen von Herzrhythmusstörungen sensibilisieren soll. Auch die bundesweiten Herzwochen im November würden sich in diesem Jahr dem Vorhofflimmern widmen. Zudem solle die Forschung verstärkt werden: Die Herzstiftung investiere 2026 erneut eine Million Euro in innovative Forschungsvorhaben zur Diagnostik und Therapie des Vorhofflimmerns.
Therapieverfahren wandeln sich
Der demografische Wandel beeinflusst nicht nur Morbidität und Mortalität von Herzerkrankungen, sondern auch die Auswahl und Verteilung der Therapieverfahren. So nahm zwischen 2019 und 2024 nahm die Zahl der Katheterablationen bei Vorhofflimmern um 78,1 Prozent zu. 2024 wurden insgesamt 139.941 Ablationen durchgeführt, davon 88.739 bei Vorhofflimmern. Gründe dafür sind Stefan Blankenberg, Präsident der DGK, zufolge zum einen die Zunahme der Häufigkeit von Herzrhythmusstörungen und ihrer Begleiterkrankungen aufgrund der demografischen Entwicklung. Zum anderen seien Ablationen immer niedrigschwelliger und präziser durchzuführen.
„Das zeigt sich nicht nur bei den Katheterablationen, sondern auch bei anderen Therapieverfahren“, erklärte der Kardiologe. Zum Beispiel beim Aortenklappenersatz: Während beim chirurgischen Aortenklappenersatz vor allem Patientinnen und Patienten zwischen 60 und 80 Jahren behandelt würden, dominierten bei den 70- bis 90-Jährigen die kathetergestützten Aortenklappenersatzverfahren (TAVI).
Für die Herzchirurgie beschrieb Torsten Doenst, Präsident der DGTHG, einen ähnlichen Trend: Auch hier ermöglichten risikoärmere Operationsverfahren es, auch ältere Patientinnen und Patienten mit guten Langzeitergebnissen zu operieren. Auch Vorhofflimmern kann neben der Katheterablation chirurgisch behandelt werden.
„Die Operation ist immer dann sinnvoll, wenn bei dem Vorhofflimmerpatienten ohnehin ein herzchirurgischer Eingriff ansteht, etwa eine Bypass- oder Herzklappenoperation an der Aorten- oder Mitralklappe“, erklärte Doenst. 2024 seien beispielsweise während kombinierter Bypass- und Herzklappenoperationen rund 4.300 Ablationen durchgeführt worden. Das linke Vorhofohr, das als wichtige Quelle für Gerinnselbildung gilt, werde bei solchen Eingriffen in der Regel mit verschlossen, so Doenst. „Neue Daten belegen, dass eine chirurgische Ablation auch in Kombination mit der Kathetertechnik sinnvoll ist.“
Rehabilitation bleibt ausbaufähig
Einen besonderen Fokus legte die Herzstiftung bei der heutigen Vorstellung des aktuellen Herzberichts auf die Rehabilitation. Denn trotz der hohen Zahl stationärer Behandlungen und der stark zunehmenden Ablationen erhalten nur vergleichsweise wenige Patientinnen und Patienten anschließend eine kardiologische Rehabilitation, wie Eike Langheim, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen, betonte.
2024 standen mehr als 509.000 stationären Fällen wegen Herzrhythmusstörungen und knapp 140.000 Ablationen lediglich 5.889 Reha-Patienten mit Vorhofflimmern oder Vorhofflattern gegenüber. Dabei könnte gerade beim Vorhofflimmern Rehabilitation dazu beitragen, Symptome und Ängste zu reduzieren, Risikofaktoren zu kontrollieren und Wiederaufnahmen zu vermeiden, so Langheim. Prävention und Rehabilitation müssten deshalb stärker als Bestandteil der Versorgung und nicht als nachrangige Ergänzung verstanden werden.
Deutliche regionale Unterschiede
Ein Augenmerk richtet die Herzstiftung mit dem aktuellen Bericht auch auf die in Deutschland unterschiedliche Versorgungsdichte mit Kardiologen oder Kliniken, die ein Katheterlabor oder eine zertifizierte Chest-Pain-Unit (CPU, Herznotfallambulanz) vorhalten. Diese Frage gewinnt angesichts von Klinikinsolvenzen und der Krankenhausreform zusätzliche Bedeutung.
Aber auch schon heute unterscheidet sich die Versorgungsdichte regional erheblich. Nicht überall stehen Kardiologen, Katheterlabore oder zertifizierte CPU in gleicher Weise zur Verfügung. Gleichzeitig bleibt die Herzinfarktsterblichkeit hoch und weist deutliche regionale Unterschiede auf. 2024 lag sie in Mecklenburg-Vorpommern bei 63,4 und in Berlin bei 60,4 Todesfällen pro 100.000 Einwohner, während Hamburg mit 26,2 die niedrigste Rate aufwies.
Voigtländer warnt deshalb davor, die zeitkritische kardiologische Versorgung im Zuge von Reformen und Sparzwängen zu gefährden. Ein möglicher Hebel sei die weitere Verbreitung von CPUs, insbesondere in Regionen mit geringerer Krankenhausdichte. „Die häufig zeitkritische kardiologische Versorgung muss in Zeiten von Reformen und Sparzwängen garantiert sein“, forderte er. Mehr als 400 dieser spezialisierten Herznotfallambulanzen stünden derzeit rund um die Uhr zur Verfügung (Stand September 2026).
Wie die aktuellen Zahlen des Deutschen Herzberichts verdeutlichen, ist die Herzinfarkt-Sterblichkeit weiterhin regional unterschiedlich ausgeprägt. Im Osten Deutschlands überwiegen die Bundesländer mit der höchsten Sterblichkeit durch Herzinfarkt, allerdings ist mit Bremen auch ein westdeutsches Bundesland von einer höheren Sterberate betroffen.
Die höchsten Herzinfarkt-Sterberaten finden sich 2024 in Mecklenburg-Vorpommern mit 63,4 Gestorbenen pro 100.000 Einwohner in Berlin mit 60,4, in Sachsen-Anhalt mit 55,8 und in Bremen mit 55,1 Gestorbenen pro 100.000 Einwohner. Neben der Bevölkerungsstruktur und sozioökonomischen Faktoren können auch ein hoher Raucheranteil, Erwerbsstatus, Arbeitslosenquote und die Häufigkeit von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Adipositas eine wichtige Rolle spielen, so die Herzstiftung.
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