Deutschland hinkt bei Verhinderung von sepsisbedingten Todesfällen hinterher

Berlin – Deutschland hinkt bei der Verhinderung von sepsisbedingten Todesfällen erheblich hinter anderen Ländern wie Finnland oder Schweden her. Das kritisierte die Sepsis-Stiftung bei der Vorstellung eines „Sepsis-Dossiers Deutschland 2026“.
Darin fordert sie eine nationale Infektionsmanagementstrategie, die Prävention, Früherkennung und Diagnostik, Akutversorgung, Qualitätssicherung und Nachsorge miteinander verbindet. Das Ziel müsse sein, mindestens 10.000 sepsisbedingte Todesfälle pro Jahr zu verhindern.
„Selbst bei einer jährlichen Verringerung um 10.000 Todesfälle würde es unter der Annahme einer kontinuierlichen Entwicklung etwa sieben Jahre dauern, bis Deutschland das bereits vor vier bis fünf Jahren erreichte Niveau Schwedens und anderer vergleichbarer Länder erreicht“, hieß es aus der Stiftung.
Die Zielmarke sei daher ambitioniert, vor allem aber Ausdruck eines erheblichen gesundheitspolitischen Nachholbedarfs. Sepsis ist ein zeitkritischer medizinischer Notfall – dennoch sind Warnzeichen, Präventionsmöglichkeiten und Dringlichkeit in Deutschland nach Angaben der Stiftung noch immer nicht ausreichend bekannt.
Laut dem Dossier ist in Deutschland von mindestens 140.000 sepsisbedingten Todesfällen pro Jahr auszugehen. Internationale Vergleiche zeigten ein erhebliches Verbesserungspotenzial: Während die sepsisbezogene Mortalität in Deutschland zwischen 1990 und 2019 um 10,1 Prozent zunahm, ging sie in Norwegen um 26,7 Prozent und in Finnland um 21,1 Prozent zurück. „Die internationalen Vergleiche zeigen einen erheblichen Handlungs- und Lernbedarf“, konstatiert die Stiftung.
Ein Beispiel dafür sind der Stiftung zufolge entsprechende Qualitätsstrukturen. Danach verfügen in Nordeuropa 47,6 Prozent der untersuchten Krankenhäuser über ein sepsisbezogenes Qualitätsverbesserungsprogramm, gegenüber 20,8 Prozent in Westeuropa.
Regelmäßig durchgeführte krankenhausweite Programme fanden sich bei 19,5 Prozent gegenüber 5,1 Prozent. Zusätzliche finanzielle Ressourcen für solche Programme standen 21,8 Prozent gegenüber 2,9 Prozent zur Verfügung. In Deutschland liegen laut dem Dossier regelmäßige Sepsisschulungs- und Qualitätsaktivitäten je nach Krankenhausgruppe nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Die Erfahrungen aus Deutschland zeigen nach Auffassung der Stiftung „die Grenzen freiwilliger Initiativen“. Es fehle an Priorisierung, an Unterstützung auf Leitungsebene, an der interdisziplinären Zusammenarbeit sowie an Zeit- und Personalressourcen.
Als Gegenbeispiel verweist das Dossier auf Australien und Neuseeland. Dort sank bei kritisch kranken Patienten mit schwerer Sepsis die Krankenhausmortalität zwischen 2000 und 2012 von ungefähr 35 % auf rund 18 %. Parallel wurden systematische Patientensicherheitsstrukturen ausgebaut.
Eine Rolle spielen sogenannte Rapid Response Systems (RRS): Geschultes Personal soll lebensbedrohliche Verschlechterungen früh erkennen, während zugleich rund um die Uhr ein fachabteilungsübergreifend einsetzbares medizinisches Notfallteam zur Verfügung steht.
In 232 öffentlichen Krankenhäusern in New South Wales war die Einführung solcher Strukturen laut einer im Dossier angeführten Untersuchung mit 46 Prozent weniger Herzstillständen, einer um 54 Prozent geringeren Sterblichkeit bei Herzstillständen und einer um 19 Prozent niedrigeren Gesamtkrankenhaussterblichkeit verbunden.
Besonders wichtig ist laut dem Dossier aber auch die Versorgung außerhalb des Krankenhauses: Zur Rettungskette zählt die Stiftung deshalb neben Bevölkerung und Angehörigen auch Hebammen, Haus- und Kinderärzte, ambulante Pflege, Bereitschaftsdienste, Leitstellen und Rettungsdienste sowie anschließend Notaufnahme, Station und Intensivmedizin.
Auch in der Bevölkerung sieht die Stiftung Defizite. Repräsentative Allensbach-Befragungen aus den Jahren 2021 und 2023 hätten keine signifikante Verbesserung der Sepsiskompetenz gezeigt. Warnzeichen wie Verwirrtheit, Atemnot oder kalte, feuchte beziehungsweise fleckige Haut würden weiterhin nur von einer Minderheit als mögliche Sepsiszeichen erkannt.
Sepsis ist dem Dossier zufolge auch eine erhebliche ökonomische Belastung: Die Autorengruppe des Reports beziffert die Sepsiskosten auf rund 33,3 Milliarden Euro pro Jahr.
Als Konsequenz fordert die Sepsis-Stiftung eine nationale Infektionsmanagementstrategie (NIMS). Dazu sollte ein Qualitätssicherungsverfahren Sepsis konsequent umgesetzt und perspektivisch auf ambulante und präklinische Bereiche ausgeweitet werden.
Weitere Forderungen sind, Sepsis ähnlich wie Schlaganfall und Herzinfarkt als zeitkritischen Notfall zu verankern, rund um die Uhr medizinische Beratung mit fachärztlicher Expertise bereitzustellen und die Infektions- und Sepsiskompetenz von der Vorschule und Schule über Studium und Ausbildung bis zu Fortbildungen und Erste-Hilfe-Kursen zu stärken.
Ein übergeordnetes Ziel sei, die bislang getrennten Bereiche von Prävention, Früherkennung, Akutversorgung, Qualitätssicherung, Rehabilitation und Forschung verbindlich miteinander zu verknüpfen, hieß es aus der Stiftung.
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