Politik

„Die Menschen waren erleichtert und dankbar“

  • Freitag, 8. April 2016

München – Als im Spätsommer 2015 innerhalb kurzer Zeit Zehntausende Flüchtlinge an den Münchner Hauptbahnhof gelangten, errichtete die Stadt Zelte, in denen Ärzte den Menschen halfen, die auf ihrer Flucht erkrankt waren oder sich verletzt hatten. Auch Ärzte des Dr. von Haunerschen Kinderspitals des Klinikums der Universität München untersuchten die Menschen in ihrer Freizeit. Thomas Nicolai, Leiter der Pädiatrischen Intensivstation der Kinderklinik und Kinderpoliklinik des Kinderspitals, berichtet aus der dramatischen Zeit und wie die Lage am Münchner Hauptbahnhof heute ist.

Uploaded: 05.04.2016 15:41:27 by lode
Thomas Nicolai, leitender Oberarzt Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München

Fünf Fragen an… Thomas Nicolai, Klinikum der Universität München

DÄ: Warum hat sich Bayern entschieden, die Flüchtlinge am Hauptbahnhof in München zu untersuchen?
Nicolai: Im vergangenen Sommer war der Hauptbahnhof München der Hauptankunftsort der Flüchtlinge, die über die Balkanroute nach Deutschland gekommen sind. An einem Wochenende sind hier etwa 20.000 Flüchtlinge angekommen. Da war schnell klar, dass die Erstuntersuchung am Bahnhof durchgeführt werden  musste. Die Flüchtlinge wurden durch die Polizei nach ihrer Ankunft in Zelte geführt, die an der Nordseite des Münchner Hauptbahnhofs aufgebaut waren. Dort wurden sie untersucht.

DÄ: Wie haben Sie die Flüchtlinge untersucht?
Nicolai: Die Ärzte am Hauptbahnhof  konnten hier nur eine Triage machen und schauen, wer sofortige Hilfe benötigt und akut behandelt werden muss. Darunter war zum Beispiel ein Mädchen, das auf seiner Flucht von einem Auto angefahren worden war und eine noch nicht behandelte Kieferfraktur hatte. Wir haben die Menschen auch auf Läuse und Krätze untersucht und sie dann direkt therapiert.

Sehr viele Patienten hatten wundgelaufene Füße oder alte Wunden von Granatensplittern. Viele Kinder waren zudem dehydriert. Ich kann mich an ein Baby erinnern, das während der Flucht geboren und mittlerweile abgemagert war, weil die Mutter ihm nicht genügend Milch geben konnte. Die Familie wurde mit einem Rettungswagen in eine der umliegenden Kliniken gebracht. Dort wurde das Baby behandelt. Die größte Sorge der Familie war dabei übrigens, auseinandergerissen zu werden. Es war nicht leicht, ihnen klarzumachen, dass sie davor keine Angst haben müssen.

Teilweise wurden uns auch Wunden verheimlicht, weil die Flüchtlinge Angst hatten, stationär aufgenommen zu werden. Manche der Familien hatten genaue Vorstellungen davon, wohin sie wollten, zum Beispiel zu Verwandten, die bereits in Deutschland leben. Sie wollten so schnell wie möglich zu ihnen und sie wollten nicht, dass ihre Verletzungen in einem Krankenhaus in München behandelt werden.

Manche der Flüchtlinge hatten auch dieselben Erkrankungen wie die deutsche Wohnbevölkerung, zum Beispiel Diabetes-Patienten, die kein Insulin mehr hatten. Wir haben ihnen zum Beispiel Insulin besorgt, dann sind auch sie so schnell es ging weitergezogen. Insgesamt waren die Flüchtlinge übrigens zwar erschöpft und mitgenommen, aber durchaus gesund.

Die Flüchtlinge, die nicht akut behandelt werden mussten, sind dann in die Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht und dort registriert worden. Das war am Bahnhof nicht möglich. Danach folgte der eigentliche, verpflichtende Gesundheits-Check.

DÄ: Wie ist es weitergegangen, wenn Flüchtlinge stationär behandelt werden mussten?
Nicolai: Die Kinder, die behandelt werden mussten, sind vor allem in die städtischen Kinderkliniken gekommen. Zu uns an die Universitätsklinik kamen nur wenige. Wir haben zum Beispiel Kinder mit einem Läuse-Rückfall-Fieber behandelt, das sie infolge einer Infektion nach einem Läusebefall bekommen hatten. Das ist gar nicht so selten und kann sehr unangenehm verlaufen.

DÄ: Wie war die Stimmung während der Erstuntersuchung am Hauptbahnhof?
Nicolai: Die Menschen waren erleichtert und dankbar, dass sie Deutschland erreicht hatten und hier freundlich aufgenommen wurden. Die Stimmung in der deutschen Bevölkerung war auch gut. Sehr viele Menschen haben gespendet, die Hilfsbereitschaft war sehr groß. Und auch während des Oktoberfestes gab es keine Probleme.

Ohnehin hat alles gut funktioniert. Die Zusammenarbeit mit der Stadt war sehr gut. Viele Ärzte haben bereitwillig geholfen, einen Schichtdienst aufzubauen, und es kam trotz der Ausnahmesituation zu keiner Störung des öffentlichen Lebens. Es kam auch bei den Helfern zu keiner Überforderungssituation, weil nur Ärzte und Pflegekräfte vor Ort waren. Die Ärzte und Pflegekräfte aus den Kliniken haben die Flüchtlinge übrigens in ihrer Freizeit untersucht. 

DÄ: Gibt es die Erstuntersuchung am Münchner Hauptbahnhof denn noch?
Nicolai: Nein, die Flüchtlingsströme laufen heute ganz anders. Die Flüchtlinge werden jetzt direkt an der Grenze registriert, in Passau zum Beispiel, und dann mit Bussen in die Erstuntersuchungslager gefahren. Die notfallmäßige Triagesituation mit großen Flüchtlingszahlen ist also hier vorbei, heute läuft die Aufnahme jetzt geordneter.

fos

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