„Die Patienten warten“: Neue Wege von der Forschung zur Therapie
Interview mit John C. Reed, M.D., Ph.D., Executive Vice President, Innovative Medicine, Research & Development, Johnson & Johnson

Herr Dr. Reed, Johnson & Johnson hat rund 100 Moleküle in der Pipeline. Welche Entwicklungen sind besonders weit fortgeschritten?
Mit unserer Pipeline gestalten wir bedeutsame Fortschritte für die Wissenschaft. Derzeit befinden sich mindestens zwölf Wirkstoffe in der entscheidenden Phase III. Das ist noch keine Garantie für eine Zulassung, aber unsere bisherige Erfolgsquote in der Onkologie stimmt uns zuversichtlich.
Zu den fortgeschrittenen Projekten bei Prostatakrebs zählt ein bispezifischer T-Zell-Engager, der an das Protein KLK2 bindet. Darüber hinaus entwickeln wir ein gegen PSMA gerichtetes Antikörper-Wirkstoff-Konjugat sowie eine Therapie auf Basis der RIPTAC-Technologie gegen Prostatakrebs.
Bei Blasenkrebs untersuchen wir ein intravesikales System zur kontinuierlichen Freisetzung unseres Wirkstoffes Erdafitinib. Das neue Design soll eine Wirkstofffreisetzung über drei Monate statt über drei Wochen ermöglichen. Und das mit Hilfe einer zielgerichteten Therapie anstelle einer Chemotherapie. Wir sind die Ersten, die diesen Ansatz verfolgen. Er ist besonders relevant, da die operative Entfernung der Blase die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann und mit hohen Kosten für das Gesundheitssystem verbunden ist.
Im Bereich der hämatologischen Erkrankungen entwickeln wir unter anderem einen trispezifischen Antikörper zur Behandlung des Multiplen Myeloms, einen oralen Menin-Inhibitor gegen akute myeloische Leukämie sowie einen bispezifischen T-Zell-Engager gegen Myelofibrose. Hinzu kommen Phase-III-Forschungsprojekte in der Psychiatrie und gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Nicht jedes Entwicklungsprogramm wird erfolgreich sein. Insgesamt sehen wir jedoch das Potenzial für bedeutsame Fortschritte sowohl im Bereich Blutkrebserkrankungen als auch bei den Soliden Tumoren.
Welche Entwicklung erwarten Sie bei der CAR-T-Zelltherapie in den kommenden fünf Jahren?
Die autologe Ex-vivo-CAR-T-Zelltherapie ist bereits heute ein wichtiger Behandlungsstandard. Beim Multiplen Myelom können wir zeigen, dass langfristige Remissionen möglich sind. Bei stark vorbehandelten Patientinnen und Patienten mit multiplem Myelom waren nach einer einmaligen Infusion rund ein Drittel auch nach fünf Jahren noch progressionsfrei. Beim Einsatz in früheren Therapielinien zeigen die Daten sogar noch höhere Langzeitraten: In einer Kohorte war etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten in der 2. Therapielinie nach fünf Jahren weiterhin progressionsfrei. Ob In-vivo-CAR-T-Therapien künftig die Behandlung vereinfachen können, ist noch offen. Wir verfolgen zwei Ansätze. Der erste basiert auf einem Lentivirus, das gezielt T-Zellen erreichen soll. Beim zweiten Ansatz nutzen wir mRNA und Lipid-Nanopartikel. Beide Verfahren wollen wir bei Krebserkrankungen und Autoimmunerkrankungen untersuchen, auch im Hinblick auf einen sogenannten Immun-Reset. Noch ist unklar, ob sie ebenso zuverlässig sein werden wie die autologe Ex-vivo-Therapie. Wir halten ihre weitere Erforschung jedoch für sinnvoll.
Könnten CAR-T-Zelltherapien künftig auch bei soliden Tumoren eingesetzt werden?
Bei soliden Tumoren waren CAR-T-Zelltherapien bislang deutlich weniger erfolgreich. Wahrscheinlich sind hier umfassendere genetische Modifikationen erforderlich. Deren Umsetzung könnte in vivo schwierig sein. Deshalb dürfte die Ex-vivo-Methode zumindest in absehbarer Zukunft eine wichtige Rolle behalten. Wir werden das Thema weiter verfolgen.
Welche Bedeutung haben künstliche Intelligenz und digitale Technologien für Forschung und Entwicklung?
KI bietet entlang des gesamten Forschungs- und Entwicklungsprozesses zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten. Gleichzeitig gelten bei uns hohe Sicherheitsanforderungen. Mitarbeitende können nicht eigenständig beliebige KI-Agenten installieren und einsetzen. Ein Governance-Prozess legt fest, welche Systeme genutzt werden dürfen, welche Sicherheitsvorkehrungen erforderlich sind und wie die Anwendung erfolgt.
Ein Beispiel ist die Qualitätskontrolle von Molekülen. Zusammensetzung und Reinheit müssen exakt geprüft werden, unter anderem mithilfe von Chromatographie und Massenspektrometrie. Die Optimierung der dafür erforderlichen Analyseverfahren konnte früher mehrere Monate dauern. Automatisierung und entsprechend trainierte Assistenzsysteme können diesen Prozess beschleunigen und reproduzierbare Methoden für die Produktionsumgebung bereitstellen. Ziel ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse betroffenen Patientinnen auf der ganzen Welt in Zukunft noch schneller und nachhaltig zur Verfügung stehen. Damit folgen wir einem zentralen Grundsatz unseres Gründers Dr. Paul Janssen: „Vergessen Sie nie: Die Patienten warten.“
Quelle: media site visit at the Johnson & Johnson (J&J) Campus in Belgium „Johnson & Johnson: R&D Visit „Oncology Innovation Unveiled: Inside the Breakthroughs Transforming Patient Care“ , 29th of September 2026 in Beerse; Veranstalter: Johnson & Johnson GmbH
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