„Eine präoperative Radiotherapie beim Hochrisiko-Mammakarzinom gilt weiterhin als experimentell“
München/Bielefeld – Bei Patientinnen mit einem Hochrisiko-Mammakarzinom ist der Tumor zum Beispiel triple-negativ, HER2-positiv oder zu groß für eine direkte Operation. Eine neoadjuvante Chemotherapie (NACT) zählt hier zum Therapiestandard vor einer Operation. Auch eine präoperative Radiotherapie könnte bei dieser Gruppe das Therapieergebnis verbessern und Langzeitnebenwirkungen reduzieren. Bei einigen anderen Tumorentitäten hat dieses Vorgehen bereits zum Erfolg geführt und ist Teil der Leitlinienempfehlungen.
Für das Hochrisiko-Mammakarzinom gibt es bisher aber nur sehr wenige Studien, die eine präoperative mit einer postoperativen Bestrahlung vergleichen. Diese Evidenzlücke soll eine Studie (NeoRad) schließen, die auch beim 45. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Senologie vorgestellt wurde (DGS-Abstract 049). Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit der Studienleiterin Christiane Matuschek, Universitätsklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie in Bielefeld, über die aktuelle Datenlage beim Hochrisiko-Mammakarzinom.

5 Fragen an Christiane Matuschek, Universitätsklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Bielefeld
Welche Therapieempfehlung geben Leitlinien aktuell für das Hochrisiko-Mammakarzinom?
Aktuelle Leitlinien empfehlen nach neoadjuvanter Chemotherapie zunächst die Operation, gefolgt von einer risikoadaptierten postoperativen Radiotherapie. Die Strahlentherapie bleibt damit ein zentraler Bestandteil der multimodalen Behandlung des Hochrisiko-Mammakarzinoms.
Eine präoperative Radiotherapie gilt weiterhin als experimentell und sollte nur im Rahmen klinischer Studien erfolgen. Dies gilt auch für Patientinnen ohne klassisches Hochrisikoprofil, bei denen die postoperative Radiotherapie unverändert der etablierte Standard ist.
Die laufende und von der Deutschen Krebshilfe geförderte NeoRad-Studie (Präoperative Radiotherapie versus postoperative Radiotherapie nach neoadjuvanter Chemotherapie beim Hochrisiko-Mammakarzinom; NCT04261244) untersucht erstmals in einer großen randomisierten Phase‑3‑Studie, ob eine Umkehr der etablierten Sequenz onkologische oder funktionelle Vorteile für Patientinnen bringen kann.
Gibt es frühe klinische Daten aus kleineren Studien, die einen Vorteil der präoperativen Radiotherapie nahelegen?
Randomisierte Daten fehlen bislang, jedoch berichten mehrere Arbeitsgruppen über hohe Tumorrückbildungen nach neoadjuvanter Radiochemotherapie. Dazu gehören auch Langzeitdaten aus Düsseldorf (zum Beispiel Strahlentherapie und Onkologie 2010; DOI: 10.1007/s00066-010-2143-0; Strahlentherapie und Onkologie 2012; DOI 10.1007/s00066-012-0162-8). Darüber hinaus gibt es Hinweise auf eine verbesserte Tumorrückbildung, höhere Brusterhaltungsraten und möglicherweise günstigere Langzeitergebnisse.
Neuere Studien bestätigen zudem die Sicherheit moderner präoperativer Bestrahlungskonzepte vor rekonstruktiven Eingriffen. Die aktuellen ESTRO-Empfehlungen (Radiotherapy & Oncology 2026; DOI: 10.1016/j.radonc.2025.111236) bewerten die bisherigen Daten insgesamt als vielversprechend, betonen aber den Bedarf an großen randomisierten Studien.
Die optimale Sequenz von Operation und Radiotherapie nach NACT ist tumorspezifisch – bei welchen anderen Tumoren gibt es bereits jetzt Ergebnisse größerer Studien?
Bei mehreren Tumorentitäten hat die Vorverlagerung der Radiotherapie die Behandlung grundlegend verändert. Beim lokal fortgeschrittenen Rektumkarzinom führte die neoadjuvante Radiochemotherapie zu höheren Remissionsraten und ermöglichte in Studien wie OPRA (Journal of Clinical Oncology 2022; DOI: 10.1200/JCO.22.00032) organerhaltende Strategien.
Beim Ösophaguskarzinom gilt die neoadjuvante Radiochemotherapie nach der Phase-III-Studie CROSS aufgrund des signifikanten Überlebensvorteils bei akzeptablen Nebenwirkungsraten als Standard (NEJM 2012; DOI: 10.1056/NEJMoa1112088).
Diese Beispiele zeigen, dass die Therapiesequenz einen wesentlichen Einfluss auf Tumorkontrolle und Organerhalt haben kann – ein zentraler Grund, dies auch beim Mammakarzinom prospektiv zu untersuchen.
Welche Bedenken hinsichtlich Toxizität oder operativer Komplikationen bestehen bei der prä- und postoperativen Radiotherapie ?
Die wichtigsten Bedenken bei einer präoperativen Radiotherapie beim Mammakarzinom betreffen Wundheilungsstörungen und postoperative Komplikationen. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass moderne präoperative Konzepte mit anschließender Rekonstruktion sicher durchführbar sind und keine unerwarteten Komplikationen verursachen (Lancet Oncol. 2022; DOI: 10.1016/S1470-2045(22)00145-0, JAMA Netw Open 2024; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2024.5217). In der NeoRad-Studie wird ebenfalls eine Interims-Sicherheitsanalyse bezüglich Wundheilungsstörungen durchgeführt.
Nach postoperativer Radiotherapie stehen dagegen eher Langzeitfolgen wie Fibrosen, Einschränkungen rekonstruktiver Ergebnisse oder kosmetische Beeinträchtigungen im Vordergrund. Deshalb sollten sowohl onkologische als auch funktionelle und patientinnenrelevante Endpunkte berücksichtigt werden.
Wo sehen Sie die größten klinischen Herausforderungen in der aktuellen Praxis – und wie könnte die NeoRad-Studie hier Klarheit schaffen?
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass bislang nicht bekannt ist, welche Therapiesequenz für Patientinnen mit Hochrisiko-Mammakarzinom optimal ist. Gleichzeitig gewinnen Lebensqualität, kosmetische Ergebnisse und rekonstruktive Möglichkeiten zunehmend an Bedeutung.
Die NeoRad-Studie untersucht deshalb nicht nur die onkologische Wirksamkeit, sondern auch patientinnenrelevante Endpunkte. Sollte die präoperative Radiotherapie Vorteile zeigen, könnte dies langfristig zu einer Anpassung der Behandlungsleitlinien führen. Erste Ergebnisse zum krankheitsfreien Überleben werden im 4. Quartal 2034 erwartet.
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