Elektronische Patientenakte erfüllt hohe Erwartungen bislang nicht

Berlin – Eine kritische Bilanz nach rund einem Jahr elektronische Patientenakte (ePA) im sogenannten Opt-out-Verfahren (ePA für alle) zog heute der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).
Der Istzustand sei „nicht zufriedenstellend“, sagte Ramona Pop, Vorständin des vzbv, mit Blick auf präsentierte Befragungsergebnisse. Demnach ist die ePA zwar 94 Prozent der Menschen bekannt, aber weniger als jeder Fünfte nutzt die digitale Akte aktiv.
Die Politik müsse die Bedürfnisse der Menschen ernst nehmen, betonte Pop. Sonst seien die hohen Erwartungen, die geweckt worden seien, nicht zu erfüllen.
Insbesondere braucht es aus ihrer Sicht ein feingranulares Berechtigungsmanagement, alltagsnahe Mehrwerte für Versicherte und mehr Aufklärung und Informationen. Die Krankenkassen müssen demnach zudem für einen weniger komplexen und technisch sauber laufenden Registrierungsprozess sorgen.
„Die elektronische Patientenakte ist noch nicht im Alltag der Menschen angekommen. Das ist wenig überraschend, denn zentrale Funktionen, wie digitale Impf- oder Bonushefte, fehlen weiterhin“, so die vzbv-Vorständin.
Die Gründe, warum Versicherte ihre ePA nicht aktiv nutzen, sind der forsa-Befragung zufolge vielfältig. Die Befragten gaben mehrheitlich an, dass sie sich noch nicht mit der ePA auseinandergesetzt haben (75 Prozent). Mit 33 Prozent sieht ein großer Anteil keinen persönlichen Nutzen darin. Zusätzlich halten Datenschutzbedenken und Sorgen bei der Datensicherheit davon ab, die ePA aktiv zu nutzen (jeweils 13 Prozent).
Die Befragung zeigt zudem, dass Versicherte sich bei der ePA insbesondere genaue Steuerungsmöglichkeiten wünschen, wer welche Daten sehen darf (68 Prozent).
„Versicherte müssen genau einstellen können, welche Praxis Zugriff auf welche Informationen erhält“, sagte Pop. So wollten Patienten möglicherweise psychotherapeutische Befunde mit der Hausarztpraxis teilen, jedoch nicht unbedingt mit der Zahnarztpraxis. Ebenfalls gewünscht werden digitale Untersuchungshefte (66 Prozent) sowie Hinweise auf Wechselwirkungen von Medikamenten (64 Prozent) und auf fehlende Impfungen (64 Prozent).
Auch der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands (HÄV), Markus Beier, bewertete die ePA kritisch. „Die allerwenigsten Patientinnen und Patienten haben sich ihre ePA einmal angeschaut. Das liegt vor allem an dem absurd komplizierten Registrierungsprozess, der selbst digital affine Menschen irgendwann frustriert aufgeben lässt“, sagte Beier den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Viele wüssten auch gar nicht, dass sie eine ePA besitzen.
Zudem beklagte er, derzeit sei die Akte vor allem „eine unsortierte PDF-Sammlung, mit der Praxen im Alltag nur wenig anfangen können“. Mühsam müssten sich die Ärzte durch unzählige Dokumente arbeiten, es fehle eine Volltextsuche. Ein großes Problem sei auch, dass es noch immer zu massiven Störungen und Ausfällen komme. „Das frisst in den Praxen unglaublich viel Zeit und sorgt für enormen Frust“, sagte Beier.
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