Politik

Ende der BMG-Förderung: Cochrane-Stiftung sieht sich vor ungewisser Zukunft

  • Dienstag, 29. September 2026
/sudok1, stock.adobe.com
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Freiburg/Berlin – Die Cochrane-Stiftung in Deutschland (CDS) sieht sich vor einer ungewissen Zukunft. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) lässt die Förderung zum Ende des Jahres 2027 auslaufen, wie die Stiftung mitteilte und wie das BMG heute auf Anfrage bestätigte.

Damit steht die rund zehn Jahre alte Einrichtung am Universitätsklinikum Freiburg vor dem Verlust des überwiegenden Teils ihres Budgets. Es geht um gut eine Million Euro pro Jahr. Das geplante Aus der Förderung werde vom BMG mit „veränderten Rahmenbedingungen und haushaltspolitischen Vorgaben“ begründet, so die Stiftung.

Das BMG erläuterte auf Anfrage des Deutschen Ärzteblatts, dass mit der Entscheidung „keine Bewertung der erfolgreichen Arbeit der Stiftung“ verbunden sei. Als Teil des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane trage sie seit vielen Jahren dazu bei, dass in Deutschland eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Medizin vorangetrieben werde.

Suche nach neuen Förderern geplant

Man werde die verbleibende Zeit bis Ende 2027 nutzen, um neue Förderer zu finden, damit die Arbeit auch mittel- und langfristig fortgesetzt werden kann, sagte der wissenschaftliche Vorstand der CDS, Jörg Meerpohl. Man sei dem BMG dankbar für die langjährige Unterstützung und die gute Zusammenarbeit, bedauere das Ende der Förderung aber sehr.

Denn ohne neue Grundfinanzierung drohten wichtige Beiträge zur gesetzlich verankerten evidenzbasierten Gesundheitsversorgung wegzufallen, etwa der Transfer von Cochrane-Evidenz in Gesellschaft und Versorgung, die Qualifizierung von Fachkräften und anderen Multiplikatoren sowie die Entwicklung und Vermittlung wissenschaftlicher Methoden.

In Anbetracht von Desinformation und knappen Ressourcen fällt die Entscheidung aus Sicht der Stiftung in eine Zeit, in der Patientinnen und Patienten sowie Behandelnde vertrauenswürdige Informationen dringender denn je benötigen. Und in der die ohnehin knappen Gelder im Gesundheitssystem zielgerichtet für jene Untersuchungen und Therapien verwendet werden sollten, deren Nutzen wissenschaftlich gut untersucht ist.

Aufgaben sollen beim IQWiG gebündelt werden

Das Ministerium betonte weiter, es messe der evidenzbasierten Medizin (EbM) „eine hohe Bedeutung“ zu. Auch wegen der aktuellen finanzpolitischen Rahmenbedingungen plane man, Aufgaben im Zusammenhang mit der Recherche und Verbreitung evidenzbasierter medizinischer Erkenntnisse beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu bündeln. Dort vorhandene Strukturen und Kompetenzen sollen demnach effizient genutzt werden. Das Institut wird aus Krankenkassenbeiträgen finanziert.

Aus BMG-Sicht leistet das IQWiG „seit Jahren einen großen Beitrag bei der Bewertung des aktuellen medizinischen Wissenstands“ und es stelle auch Bürgerinnen und Bürgern allgemeinverständliche Informationen zu Krankheiten und Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, hieß es mit Blick auf das Portal gesundheitsinformation.de.

Der Leiter des IQWiG, Thomas Kaiser, der im Stiftungsrat der Cochrane-Stiftung vertreten ist, sagte dem Deutschen Ärzteblatt heute auf Anfrage: „Wir bedauern die Entwicklung sehr, da die Cochrane-Stiftung viele wichtige Beiträge für eine evidenzbasierte Versorgung geleistet hat und auch noch leistet.“

Unabhängig von der jetzigen Entscheidung zur Stiftung habe das IQWiG seine Tätigkeiten in den vergangenen Jahren in verschiedenen Bereichen ausgebaut, in denen auch die Cochrane-Stiftung bislang tätig ist, so Kaiser. „Das betrifft beispielsweise das Veranstaltungsportfolio und die Social-Media-Tätigkeiten.“

Der Bereich Fortbildungen sei bisher nicht Teil der satzungsgemäßen Aufgaben des Instituts. Es gebe allerdings bereits vielfältige Anfragen hierzu, unter anderem von den Landesärztekammern, schilderte Kaiser. Das IQWiG unterhält demnach weitreichende Kooperationen mit anderen Institutionen in Deutschland im Bereich der evidenzbasierten Medizin.

Als ein Beispiel nannte er das Institut für Evidenz in der Medizin (IfEM), das in Freiburg ebenfalls von Meerpohl geleitet wird und das nicht von den Kürzungen betroffen sei. Man gehe davon aus, solche Kooperationen auch weiterhin stattfinden und bei entsprechender Auftragslage ausgebaut werden, so Kaiser. 

Kritik von verschiedenen Seiten

Das EbM-Netzwerk kritisierte die Entscheidung des BMG in einer Stellungnahme von heute als „falsches Signal in Zeiten von Fake News und Wissenschaftsskepsis“. Man sehe eine Gefahr, dass die Stellung und Reichweite der EbM in der Gesundheitsversorgung und der Gesellschaft in Deutschland geschwächt würden.

„Das EbM-Netzwerk erachtet es als eine öffentlich-rechtliche Aufgabe, bevölkerungsweit den niedrigschwelligen Zugang zu unabhängigem, aktuellem evidenzbasiertem Wissen zu ermöglichen und die Vermittlung der Methoden der EbM als Teil der Gesundheitskompetenz zu fördern“, heißt es weiter. Die Arbeit der CDS trage hierzu wesentlich bei und „sollte daher künftig durch eine verbindliche, an überprüfbaren Zielen ausgerichtete öffentlich-rechtliche Finanzierung langfristig abgesichert werden“, so die Forderung.

Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung fiel die Entscheidung, die Förderung nicht zu verlängern, in den letzten Tagen im Amt von Nina Warken (CDU) als Gesundheitsministerin vor ihrem Wechsel ins Bundeskanzleramt. Kritik kommt laut dem Medienbericht auch von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), die Warkens Nachfolger Carsten Linnemann (CDU) aufgefordert habe, „die nachhaltige Sicherung und Weiterentwicklung“ der Stiftung zu unterstützen. Die Mittelkürzung treffe die medizinische Wissenschaft sehr.

Es war zunächst offen, ob das BMG auch in anderen Kontexten eine Streichung von Fördermitteln plant. Eine Frage danach, ob weiteren Organisationen Einschnitte drohen, ließ die Pressestelle unbeantwortet. 

ggr

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