Enzym-Schere entfernt HIV-Gene aus infizierten Zellen
Hamburg/Dresden – Das Erfolgsrezept von Retroviren wie HIV besteht darin, dass sie ihre Gene im Erbgut der infizierten Zellen einbauen und verstecken. Genau dort könnten sie von Enzymen aufgespürt und entfernt werden, die eine deutsche Forschergruppe jetzt in Science (2007; 316: 1912-1915) vorstellt. Das Ziel ist ein „Rausschmiss“ für HIV aus der Zelle als denkbarer neuer Therapieansatz.
Enzyme, die das Genom nach bestimmten DNA-Sequenzen durchsuchen und diese dann herausschneiden, gibt es in der Natur schon. Die Molekularbiologen nennen sie Rekombinasen. Eine dieser Schneideenzyme ist Cre (causes recombination), ein Bestandteil von Bakteriophagen. Cre sucht eine Sequenz, die zu 50 Prozent mit einer Sequenz auf dem HI-Virus übereinstimmt. Die Gruppe um Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg und Frank Buchholz vom Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden mussten Cre jetzt nur noch so umbauen, dass es HIV zu 100 Prozent erkennt. Dies war nach 126 Runden einer „Proteinevolution“, einer Art molekularbiologischen Zucht, erreicht. Die entstandene Rekombinase nennen die Forscher „Tre“.
Tre wurde auf eine Zelllinie des Zervixkarzinoms angesetzt, welche die Forscher vorher mit HIV infiziert hatten. Dort leistete das Kunst-Enzym gute Arbeit. Nach etwa 3 Monaten hatte Tre alle HIV-Gene aus dem Genom der Zellen „weggeputzt“.
Die Forscher haben damit in der Tat den Grundstein für neuartige Therapie gelegt, wie auch der Kommentator Alan Engelman vom Dana-Faber Cancer Institute in Boston zugesteht. Eine Zellkultur ist aber etwas anderes als ein komplexer Organismus mit einem differenzierten Immunsystem, in dem T-Helferzellen eine zentrale Rolle spielen. Ausgerechnet diese Zellen infiziert HIV. Und es integriert sein Erbgut nicht nur an einigen wenigen Stellen, wie in der untersuchten Zelllinie, sondern an vielen Orten. Der Arbeitsaufwand von Tre wäre also ungleich größer.
Doch das größte Problem könnte sich daraus ergeben, dass einige infizierte T-Helferzellen in ihrer Funktion als immunologisches Gedächtnis, sich im Körper verbergen, wo sie von Tre, falls es sich überhaupt als ein sicheres Medikament erweisen sollte, nicht so leicht zu finden wären. Wie immer in der Grundlagenforschung lässt sich eine klinische Anwendbarkeit des neuen Therapieprinzips kaum vorhersagen. Der Weg ist sicherlich noch weit. Der nächste Schritt besteht nach Auskunft der Forscher jetzt darin, das Enzym weiter zu verbessern und dann zu prüfen, wie effektiv und sicher man Tre in die infizierten Zellen des menschlichen Körpers einbringen könne. © rme/aerzteblatt.de
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