Ernährung: Alte Magnetbänder beleben Margarine-Butter-Debatte
Seit einem halben Jahrhundert empfiehlt die American Heart Association den Verzehr gesättigter Fettsäuren zugunsten von mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFA) einzuschränken. Die Leitlinie aus dem Jahr 1961 war der Beginn einer bis heute nicht abgeschlossenen Debatte unter Ernährungswissenschaftlern über die Vorzüge von pflanzlichen gegenüber tierischen Fetten (Stichwort: Margarine oder Butter).
Die US-Kardiologen gehen von der Annahme aus, dass PUFA den Cholesterinspiegel senken und deshalb einem Herzinfarkt und anderen kardiovaskulären Ereignissen vorbeugen können. Bewiesen ist dies nicht. Die Evidenz basiert zumeist auf den Ergebnissen von Beobachtungsstudien wie der Nurses’ Health Study.
Dort ist der Verzehr von PUFA zwar häufig mit einer geringeren Rate von kardiovaskulären Ereignissen assoziiert. Aus unterschiedlichen Gründen können Beobachtungsstudien jedoch irren (was bei Studien zum Einfluss von Vitaminen des Öfteren der Fall war). Der Goldstand sind randomisierte Interventionsstudien, die zu PUFA selten durchgeführt wurden.
Die wenigen Studien, überwiegend aus den 60er und 70er Jahren, verglichen verschiedene Ernährungsstrategien. In der Sydney Diet Heart Study, an der zwischen 1966 und 1973 insgesamt 458 Männer im Alter von 30 bis 59 Jahren teilgenommen hatten, war die Hälfte der Teilnehmer gebeten worden, tierische Fette zu vermeiden und in der Küche Butter durch Distel-Öl zu ersetzen, das den Teilnehmern zur Verfügung gestellt wurde.
Die 1978 veröffentlichten Ergebnisse zeigten überraschenderweise, dass die Distel-Öl-haltige Ernährung das Sterberisiko nicht senkte, sondern steigerte. Einzelheiten zur den kardiovaskulären Ereignissen wurden nicht veröffentlicht, weshalb die Sydney Diet Heart Study in späteren Meta-Analysen oft nicht berücksichtigt wurde. Christopher Ramsden vom National Institutes of Health in Bethesda und Mitarbeiter holen dies jetzt nach.
Sie können sich dabei auf bisher unveröffentlichte Daten der Sydney Diet Heart Study stützen. Einer der Mitarbeiter hatte die Magnetbänder aufgehoben, auf denen die damaligen Daten abgespeichert waren. Mit einigen Mühen gelang es IT-Spezialisten, die Magnetbänder auszulesen. Die Analyse bestätigte die Ergebnisse von 1978: Die Verwendung von Distel-Öl hatte tatsächlich zu einem Anstieg der Sterberate geführt (Hazard Ratio HR 1,62; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,00-2,64). Der Grund war, wie Ramsden jetzt erstmals zeigen kann, eine erhöhte Zahl von Todesfällen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HR 1,70; 1,03-2,80) und Herzinfarkten (HR 1,74; 1,04-2,92).
Ramsden hat die Daten in eine frühere Meta-Analyse einfließen lassen (British Journal of Nutrition 2010; 104: 1586–1600). Der Ernährungswissenschaftler hatte dort versucht, die Auswirkungen unterschiedlicher PUFA zu trennen. Zu den PUFA gehören nicht nur die vor allem in Pflanzen enthaltenen Omega-6-Fettsäuren, sondern auch die Omega-3-Fettsäuren aus Fischen und Meeresfrüchten. Seine damalige Studie hatte bereits vermuten lassen, dass eine protektive Wirkung auf Omega-3-Fettsäure beschränkt sein könnte. Der Verzehr von Omega-6-Fettsäuren hatte die Rate von kardiovaskulären Ereignissen dagegen tendenziell erhöht.
Distel-Öl ist reich an Linolsäure, das zu den Omega-6-Fettsäuren gehört. Die Einbeziehung der Sydney Diet Heart Study lässt deshalb die Ergebnisse der früheren Meta-Analyse klarer hervortreten. Der Verzehr von Omega-6-Fettsäuren und hier vor allem an Linolsäure war mit einem Anstieg des kardiovaskulären Risikos verbunden. Die Hazard Ratios für den Tod durch eine koronare Herzkrankheit (1,33; 0,99-1,79) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (1,27; 0,98-1,65) verfehlen zwar weiterhin das Signifikanzniveau. Sie stärken aber die Zweifel an die Empfehlung der American Heart Association, pflanzliche Öle gegenüber tierischen Fetten zu bevorzugen.
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