Europas Plan gegen den Krebs: Hoher Anspruch, große Umsetzungslücken

Berlin – Eine langfristige Wirksamkeit von „Europas Plan gegen den Krebs“, das 2021 ins Leben gerufene Vorzeigeprogramm der Europäischen Union (EU) zur Krebsbekämpfung, ist keineswegs gesichert. Zu diesem Ergebnis kommt ein gestern veröffentlichter Bericht des Europäischen Rechnungshofs.
Er würdigt zwar die strategische Bedeutung des Plans, sieht jedoch gleichzeitig seine Zukunft als ungewiss an. Bislang sei er ein strategischer Rahmen mit begrenzter Hebelwirkung, so das Fazit.
Zwar sei das Programm ambitioniert und zweifellos die umfassendste Strategie, die die EU bislang im Bereich Krebsbekämpfung vorgelegt habe, konstatieren die Prüfer. Es habe europaweit zahlreiche Initiativen angestoßen, Koordination gefördert und Plattformen für Austausch und Innovation geschaffen.
Dennoch leide es unter konzeptionellen Schwächen, Umsetzungsproblemen und finanziellen Unsicherheiten. Vielfach fehlten klare Zielvorgaben, messbare Indikatoren, eine nachhaltige Finanzierung und vor allem die Bereitschaft der Mitgliedstaaten, europäische Initiativen tatsächlich langfristig in nationale Strukturen zu überführen.
Wichtige Strategie, aber Defizite
„Krebs ist zweifellos eine der schlimmsten Krankheiten unserer Zeit, von der jeder zweite Mensch in der EU irgendwann in seinem Leben betroffen ist“, sagte Klaus-Heiner Lehne, der als Mitglied des Rechnungshofs für die Prüfung zuständig war.
„Europas Plan gegen den Krebs ist die wichtigste Strategie der EU zur Krebsbekämpfung. Ohne eine stimmige Umsetzung, klare Etappenziele und eine gesicherte Finanzierung kann das Potenzial des Plans jedoch nicht richtig ausgeschöpft werden.“ Ursächlich seien vor allem erhebliche Unterschiede bei Prävention, Früherkennung und Versorgung in den Mitgliedsstaaten sowie ungeklärte zentrale Fragen der Finanzierung und Evaluation.
Fakt ist gleichzeitig: Krebs ist eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen Europas – sowohl medizinisch, gesellschaftlich als auch ökonomisch. Jede Minute werden in der EU fünf neue Krebsdiagnosen gestellt, mehr als zwei Menschen sterben im gleichen Zeitraum an der Krankheit.
Rund 1,1 Millionen Todesfällen jährlich
Mit rund 1,1 Millionen Todesfällen jährlich ist Krebs die zweithäufigste Todesursache in den 27 Mitgliedstaaten. Jeder zweite EU-Bürger erkrankt im Laufe seines Lebens. Die wirtschaftlichen Schäden werden auf über 100 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.
Vor diesem Hintergrund verabschiedete die Europäische Kommission im Februar 2021 „Europas Plan gegen den Krebs“ (das Deutsche Ärzteblatt berichtete). Das Programm, eingebettet in die Europäische Gesundheitsunion, ist für den Zeitraum 2021–27 mit zunächst vier Milliarden Euro ausgestattet.
Es verfolgt einen umfassenden Ansatz entlang der gesamten Krankheitskette – von Prävention und Früherkennung über Diagnose und Behandlung bis hin zur Verbesserung der Lebensqualität von Patientinnen, Patienten und Überlebenden.
Von Beginn an war jedoch auch klar: Gesundheitspolitik ist in der EU nationale Kompetenz. Gemäß Artikel 168 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union sind die Mitgliedstaaten für Organisation, Finanzierung und Ausgestaltung ihrer Gesundheitssysteme zuständig.
Die EU kann lediglich unterstützen und ergänzen. Der Krebsplan konnte deshalb mit seinen 42 Maßnahmen (darunter zehn Leitinitiativen, sowie drei Querschnittsthemen) kein zentral gesteuertes Interventionsinstrument, sondern nur ein Koordinierungsrahmen sein.
Engagement unterschiedlich ausgeprägt
Der Europäische Rechnungshof erkennt jetzt an, dass dieser Rahmen durchaus einige Wirkung entfaltet hat: Vier Mitgliedstaaten entwickelten neue nationale Krebspläne, zehn überarbeiteten bestehende Strategien. EU-weite Plattformen, Netze und Initiativen wurden geschaffen. Doch der Erfolg bleibt abhängig vom Engagement der einzelnen Länder – und dieses Engagement ist unterschiedlich ausgeprägt.
Ein zentrales Ziel des Plans bleibt deshalb der Abbau von Ungleichheiten in der Krebsbekämpfung. Und diese Unterschiede sind erheblich: In mittel- und osteuropäischen Staaten wie Kroatien, Lettland, Ungarn, Slowenien und der Slowakei sind die Sterberaten bei vielen Krebsarten höher als in westeuropäischen und nordischen Ländern wie Spanien, Luxemburg, Finnland oder Schweden. Auch innerhalb einzelner Staaten bestehen große Unterschiede – je nach Region, Geschlecht oder Bildungsniveau.
Ein Beispiel für die Unterschiede ist die HPV-Impfung: So sind EU-weit im Durchschnitt 64 Prozent der Mädchen unter 15 Jahren geimpft. Die Spannweite reicht jedoch von sieben Prozent in Bulgarien bis 91 Prozent in Portugal. In Bulgarien, Estland und Lettland sind die Quoten in den vergangenen zehn Jahren sogar gesunken.
Ein anderes Beispiel ist das Brustkrebsscreening: In Dänemark, Finnland, Schweden und Slowenien liegt die Teilnahmequote bei über 75 Prozent, in Rumänien, Zypern, der Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Lettland und Polen unter 40 Prozent.
Die Ursachen sind vielfältig: ungleicher Zugang zu Vorsorge, Information, Diagnostik und Therapie, aber auch strukturelle Defizite bei Personal oder medizinischer Ausstattung sowie Unterschiede bei Risikofaktoren wie Rauchen, Fettleibigkeit, Alkoholkonsum oder Luftverschmutzung sind zu nennen.
Der Europäische Krebsplan versucht gegenzusteuern, unter anderem über das Europäische Register der Ungleichheiten bei der Krebsbekämpfung – auch das erkennen die Prüfer des Europäischen Rechnungshofs an.
Dieses Register stellt Mitgliedstaaten vergleichend gegenüber und soll Anreize für nationale Reformen schaffen. Doch laut Rechnungshof weist es Datenlücken auf – insbesondere bei regionalen Unterschieden – und deckt nur die häufigsten Krebsarten ab. Damit bleibe sein Steuerungspotenzial begrenzt, heißt es.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Konzeption des Plans. Zwar enthalte er allgemeine Ziele in allen vier Aktionsbereichen, doch nur für wenige Teilziele existierten messbare Vorgaben, so die Prüfer. Es gebe kein einheitliches Indikatorensystem, kein klares Enddatum, keinen festgelegten Zeitpunkt für eine umfassende Evaluation und keine Vorkehrungen für eine systematische Bewertung der Ergebnisse.
Die Maßnahmen liefen zudem mit unterschiedlichen Zeithorizonten, teils über 2027 hinaus. Ohne belastbare Indikatoren drohe der politische Anspruch hinter der faktischen Steuerungsfähigkeit zurückzubleiben, so der Rechnungshof.
Ähnliche Ziele, ineffizienter Mitteleinsatz
Zudem stellte er Überschneidungen fest: Mehrere Projekte verfolgten ähnliche Ziele, sprächen vergleichbare Zielgruppen an oder entwickelten parallele digitale Anwendungen – etwa im Bereich Präventions-Apps. Die Folge wäre ein ineffizienter Mitteleinsatz.
Auch ein Nachhaltigkeitsproblem sieht er: Einige Projekte würden von Mitgliedstaaten nicht übernommen und liefen mit der EU-Förderung aus. Ohne nationale Verankerung, langfristige Finanzierungszusagen und strukturelle Integration blieben selbst gut konzipierte Initiativen folgenlos, so sein Fazit.
Ein weiterer Aspekt: Bis Oktober 2025 waren mehr als 2,7 Milliarden Euro des ursprünglich vorgesehenen Budgets gebunden. Doch das Gesamtbudget des Programms EU4Health wurde 2024 im Zuge der Halbzeitüberprüfung des mehrjährigen Finanzrahmens um rund eine Milliarde Euro gekürzt – mehr als 35 Prozent.
Unklar bleibt, wie sich diese Kürzung konkret auf die Umsetzung des Krebsplans auswirkt. Noch größer ist die Unsicherheit für die Zeit nach 2027. Im vorgeschlagenen nächsten Finanzrahmen für 2028–2034 wird der Plan nicht ausdrücklich erwähnt. Seine Fortführung hängt damit von künftigen politischen Prioritäten und Haushaltsverhandlungen ab.
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