Politik

Frauengesundheit: Ein Blick nach Österreich und in die Schweiz

  • Freitag, 6. März 2026
/SewcreamStudio, stock.adobe.com
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Berlin – Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Nachbarländern wird in letzter Zeit verstärkt über Frauengesundheit gesprochen, diskutiert und verhandelt. Länder wie Österreich und die Schweiz haben bereits vor einigen Jahren erste Projekte auf den Weg gebracht und sie zum Teil auch politisch verankert. Die bestehenden Systeme könnten für Deutschland, aber auch für andere Länder, durchaus als Vorbild dienen.

So gibt es in Österreich bereits seit 2018 einen Aktionsplan Frauengesundheit, der vom österreichischen Gesundheitsministerium gemeinsam mit dem Frauenministerium initiiert wurde und sich an drei verschiedene Lebensphasen von Frauen orientiert.

Er enthält 17 Wirkungsziele und 40 Maßnahmen, deren Umsetzung in den einzelnen Bundesländern von sogenannten „Focal Points“ überprüft und unterstützt wird, wie Sylvia Gaiswinkler, stellvertretende Leiterin der Abteilung Gesundheit, Gesellschaft und Chancengerechtigkeit bei der Gesundheit Österreich GmbH, dem nationalen Forschungs- und Planungsinstitut für das österreichische Gesundheitswesen und der zentralen Stelle für die Gesundheitsförderung, erklärt.

„Focal Points“ könnten beispielsweise Abteilungen im Amt der Landesregierung oder Frauengesundheitszentren sein. Sie seien über eine nationale Koordinierungsstelle miteinander vernetzt und sorgten dafür, dass die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren vorangetrieben wird.

Inhaltlich gehe es um altersspezifische Fragestellungen, beispielsweise zur Verhütung oder Schwangerschaft, aber auch um grundsätzliche Themen wie die Förderung einer gendergerechten Gesundheitsversorgung und Gesundheitsforschung. „Die Bundesländer setzen unterschiedliche Schwerpunkte, das hängt auch mit der Finanzierung zusammen“, betont Gaiswinkler.

Aktionsplan initiiert

In manchen Bereichen passiere viel, etwa rund um die Schwangerschaft, Geburt und reproduktive Medizin oder auch bei den Frühe Hilfen. Bei letzterem gebe es inzwischen sogar eine flächendeckende Versorgung und zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ einen nationalen Aktionsplan.

Einige Maßnahmen, die im Aktionsplan ursprünglich festgelegt worden waren, seien dadurch überholt. „Wir sehen aber gleichzeitig, dass es auch viele Themen gibt, die nicht so stark bearbeitet werden“, so die Gesundheitsexpertin. Dies sei etwa rund um die Versorgungssituation älterer Frauen, Mädchen und sehr junger Frauen der Fall – „also alles, was außerhalb der reproduktiven Phase liegt.“

Schwierig sei es bislang auch mit der Menopause gewesen, obwohl sich dies aufgrund der international wachsenden Aufmerksamkeit nun ändern könnte, vermutet Gaiswinkler. In der Koordinierungsstelle werde derzeit ein Kurzbericht zur Menopause erstellt, damit die Evidenzlage einsehbar sei.

„Derzeit haben wir keinen Überblick darüber, welche Einheiten in der Primärversorgung qualifiziert Symptome zur Menopause diagnostizieren und behandeln können.“ Auch in den Bereichen Menstruation und Endometriose gebe es noch Nachholbedarf, sie seien bislang kein Thema im Papier.

Als wichtig erachtet die österreichische Gesundheitsexpertin auch die Aufnahme digitalisierter Systeme und Künstlicher Intelligenz. Dazu gehörten auch die Sozialen Medien und Plattformen wie ChatGPT, über die sich viele Frauen inzwischen über Krankheiten und frauenspezifische Gesundheitsthemen informierten.

Trotz blinder Flecke außerhalb der reproduktiven Phase liefere der Aktionsplan einen „Korridor“, entlang dem gearbeitet werde könne, betont Gaiswinkler. Er diene auch der Politik als Referenz, welche Themen überhaupt bearbeitet werden sollten.

Regelmäßig gebe es Austausch- und Wissenstransferveranstaltungen sowie einen jährlichen Frauengesundheitsdialog, an dem Vertreterinnen und Vertreter aus Frauengesundheitszentren, Beratungsstellen, dem Verwaltungsbereich und der politischen Ebene aus ganz Österreich teilnähmen.

„Zu jedem Thema kommt dadurch ein neues Level an Wissen dazu. Wir stellen fest, dass dieser Austausch hochrelevant ist“, sagt Gaiswinkler. Der Austausch diene auch den Bundesländern als Referenz, um Themen zu lancieren und Schwerpunkte voranzutreiben.

Das Interesse an der Frauengesundheit steige in Österreich und habe in den vergangenen drei bis fünf Jahren an Relevanz gewonnen, so die Gesundheitsexpertin. Dies sei auch im Bereich der Primärversorgung der Fall.

Ein wichtiger Schritt wäre der Gaiswinkler zufolge, die Frauengesundheit fest im österreichischen Gesundheitsversorgungssystem zu integrieren, damit keine Parallelstrukturen entstünden. „Sie muss zum selbstverständlichen Teil der Versorgung werden“, mahnt sie. Dazu gehöre auch ein stärkeres Bewusstsein dafür, was Frauengesundheit sei und dass es in den unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliche Bedarfe gebe.

Bericht zur Frauengesundheit in der Schweiz

In der Schweiz ist die Frauengesundheit durch einen Vorstoß von Laurence Fehlmann Rielle, Mitglied im Schweizer Nationalrat, ins Rollen gekommen. Sie hatte sich 2019 im Parlament dafür stark gemacht, dass die Frauengesundheit stärker berücksichtigt wird.

Der Schweizer Bundesrat hatte anschließend einen Bericht darüber erstellt, inwiefern Frauen in der medizinischen Forschung, Prävention und Versorgung benachteiligt werden – identifiziert wurden sechs Hauptproblembereiche, die nun schrittweise bearbeitet werden.

Gerade gehe es darum, eine Situationsanalyse durchzuführen und die Behandlungsqualität für alle Geschlechter zu verbessern, erläutert Christine Bigler, Gesundheitsexpertin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern. „Aber es braucht noch sehr viel mehr Forschung, damit man überhaupt in allen Bereichen gezielte Maßnahmen ergreifen kann.“

Zu vielen Themen im Bereich der Frauengesundheit würden schlichtweg die Daten fehlen. Dies sei beispielsweise im Bereich der Menstruationsbeschwerden aufgefallen. „Wir haben einen Forschungsantrag gestellt, um verlässliche Daten aus der ganzen Schweiz zu erhalten. Uns interessiert beispielsweise, wie häufig die Frauen unter dauerhaften Menstruationsbeschwerden leiden, wie sie damit am Arbeitsplatz umgehen und ob sie Diskriminierungs- oder Stigmatisierungsvorfälle erleben“, so Bigler.

Die Stadt Zürich hatte dazu bereits eine eigene Umfrage unter ihren Mitarbeiterinnen gestartet und ergreift nach der Auswertung nun erste Maßnahmen. So sei beispielsweise ein Vertrag mit Restaurants und Hotels geschlossen worden, damit Tramführerinnen auch während der Arbeitszeit einen dauerhaften Zugang zu sanitären Anlagen haben, berichtet die Schweizer Gesundheitsexpertin. „Die Umfrage hat eindrückliche Resultate geliefert.“

So hätten 63 Prozent der Frauen angegeben, starke und regelmäßige Menstruationsbeschwerden zu haben, bei den unter 20-jährigen seien es über 84 Prozent gewesen. „Hinzu kommt, dass jede siebte Person schon negative Kommentare bekommen hat, wenn sie sich wegen Menstruationsbeschwerden beim Arbeitgeber gemeldet hat. Es ist immer noch sehr stigmatisiert. Die Frauen sprechen nicht gerne darüber, weil sie negative Konsequenzen befürchten“, so Bigler. „Es ist wirklich ein Thema, das angegangen werden muss.“

In einigen Schweizer Städten, darunter Fribourg, sei für die städtischen Angestellten ein Menstruationsdispens eingeführt worden, also eine bezahlte Freistellung von der Arbeit bei starken Regelschmerzen. „Die Maßnahme muss nun evaluiert werden, da es bislang keine gesicherten Aussagen zur Wirkung des Menstruationsdispens gibt“, erklärt Bigler.

Auch die Menopause ist ein Thema in der Schweiz. In einer Studie werde derzeit beispielsweise das Verständnis geschlechtsspezifischen Alterns am Arbeitsplatz untersucht. Weitere Projekte von Universitäten würden zum Teil in Zusammenarbeit mit Startup-Unternehmen durchgeführt, die sich auf den frauenspezifischen Krankheitsbereich spezialisiert hätten.

Zuletzt sei auch eine Gendermedizinprofessur an der Universität Bern ausgerufen worden, die demnächst besetzt werde, um die Frauengesundheit in der Schweiz weiter voranzutreiben, erläutert die Schweizer Gesundheitsexpertin.

Schätzen würde sie auch einen länderübergreifenden Austausch: „Es wäre gut, wenn wir Synergien nutzen könnten, wenn wir Forschungsresultate und Daten zur Frauengesundheit beispielsweise im europäischen Raum austauschen könnten. Es stecken ja nicht gänzlich verschiedene Gesundheitssysteme dahinter, sondern Dinge, die sich auch gut übertragen lassen“, betont Bigler abschließend.

nfs

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