Ausland

Fußballweltmeisterschaft: Droht den Spielern ein Hitzschlag?

  • Mittwoch, 20. Mai 2026
/picture alliance, Peter Schatz
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London – Profifußballer und Forschende warnen die FIFA davor, dass ihre aktuellen Hitzeschutzmaßnahmen für die Fußball-Weltmeisterschaft (WM) im Sommer „unzureichend“ sind. In zwei offenen Briefen rufen sie den Weltfußballverband außerdem dazu auf, Sponsoren aus der fossilen Brennstoffindustrie fallen lassen.

60 ehemalige und aktuelle Spieler sowie Spielerinnen haben den heute veröffentlichten Brief unterzeichnet. Vergangene Woche haben zudem bereits 20 externe, internationale Fachleute aus den Bereichen Gesundheit, Klima und Sport einen Brief an die FIFA gerichtet. Die Fifa selbst hat zu den Vorwürfen auf Anfrage des Deutschen Ärzteblatts bislang keine Stellung bezogen.

Hitze könnte etwa bei der Endrunde in den USA, Kanada und Mexiko ein Thema werden. Die Fachleute warnen davor, dass die Temperaturen in 14 der insgesamt 16 genutzten Stadien für die WM gefährliche Werte überschreiten könnten.

Dort seien die Spieler dem Risiko schwerer gesundheitlicher Schäden ausgesetzt, da die Richtlinien des Fußball-Weltverbandes nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entsprächen. Sie fordern den Verband auf, strengere Schutzmaßnahmen einzuführen, darunter längere Trinkpausen sowie klarere Protokolle für die Verzögerung oder Verschiebung von Spielen bei extremen Bedingungen.

Sowohl Spieler und Fachleute drängen die FIFA zudem dazu, sich aktiv gegen den Einsatz fossiler Energien einzusetzen und diese nicht aktiv zu fördern. Denn die FIFA hat unter anderem einen Sponsorenvertrag mit Aramco, dem staatlichen Erdölunternehmen Saudi-Arabiens. Dieser stelle „einen Interessenkonflikt mit dem Schutz des Wohlergehens der Spieler“ dar.

Reichen die FIFA-Maßnahmen?

Die FIFA hatte bereits Maßnahmen zur Hitzeprävention im Vorfeld ergriffen. So wurden verpflichtende, dreiminütige Trinkpausen in jeder Halbzeit eines jeden Spiels eingeführt – unabhängig von den jeweiligen Wetterbedingungen. Unter anderem werden bei allen Spielen, die im Freien stattfinden, klimatisierte Sitzbänke für den Betreuerstab und die Auswechselspieler bereitgestellt.

Die Maßnahmen gehen den Experten nicht weit genug. „Was die Trinkpausen angeht, so ist klar, dass die von der FIFA für alle Spiele festgelegten 3-minütigen Pausen zu kurz sind, um einen spürbaren Effekt auf die Flüssigkeitszufuhr und die Abkühlung des Körpers zu haben", so die Forschenden.

So fordern unter anderem, Spiele bei Temperaturen von über 28 Grad zu verschieben, längere Kühlpausen von mindestens sechs Minuten einzuführen oder bessere Kühlungseinrichtungen für die Spieler bereitzustellen.

Der Physiologe Hanns-Christian Gunga vom Zentrum für Weltraummedizin und Extreme Umwelten stimmt den Warnungen zu. Er hält allerdings selbst eine sechsminütige Pause für zu kurz, um die Spieler vor einem Hitzschlag zu schützen.

„Da die Körperkerntemperaturen im Spiel bei den Profifußballspieler zwischen 39-40°C liegen dürften, wären Ruhephasen mit artifiziellen Abkühlungstherapien von zehn bis 15 Minuten vermutlich eher anzustreben", sagte der Hitze-Experte dem Deutschen Ärzteblatt.

Experte empfiehlt „Heat Stroke Unit"

Gunga spricht sich zudem für eine „Heat Stroke Unit" an den Spielorten für akute Notfälle aus. „Dieser sollte über die notwendigen technischen Einrichtungen und über ein erfahrenes ärztliches Personal verfügen, das mit den speziellen therapeutischen und klinischen Verfahren vertraut ist."

Auch bei trainierten Menschen kann es zu einer Hitzekrankheit kommen. Diese kann von einem Hitzekrampf zu einer Hitzeerschöpfung oder sogar einem Hitzschlag übergehen. Der Zustand mit einer Körperkerntemperatur von mehr als 40 °C kann mit quantitativen oder qualitativen Bewusstseinsstörung einhergehen und eine intensivmedizinische Behandlung erforderlich machen.

Sportlerinnen und Sportler hätten vor allem ein Risiko für einen bestimmten Subtyp des Hitzschlags, den Exertional Heat Stroke, also den belastungsbedingten Hitzschlag, so Gunga. „Dieser tritt vor allem bei trainierten, gesunden Personen, hohen Lufttemperaturen und bei gleichzeitiger hoher Luftfeuchte auf."

Die Sterblichkeit des Exertional Heat Stroke sei mit drei bis fünf Prozent geringer als die des klassischen Hitzschlags. Der Grund dafür sei vermutlich, dass vornehmlich junge, gesunde hochmotovierte und sportliche aktive Menschen davon betroffen seien.

Hitzeanpassung lässt sich trainieren

Allerdings lässt sich der Körper auch auf die erhöhte Hitzebelastung trainieren. Ein solcher „Wärmeadaptionsprozess" dauert etwa acht bis 14 Tage, erläuterte Gunga. Während der Anpassungsphase sollte mehrmals täglich das Körpergewicht und die Urinfarbe kontrolliert werden.

Durch das Training würde unter anderem die Schwitzschwelle gesenkt, die Hautdurchblutung verstärkt und der Elektrolytverlust über den Schweiß vermindert. Hinzu kommt laut Gunga eine verstärkte Albuminproduktion, was das Blutvolumen erhöht und das Herzkreislaufsystem in der Folge stärkt.

Das ist wichtig, da das Herz bei Hitze einer besonderen Belastung ausgesetzt ist: Zum einen führt die Vasodilatation der Haut zu einer erhöhten Arbeitsbelastung. Zum anderen kommt es bei Hitze zur Freisetzung von Zytokinen, was ebenfalls das Herz schädigen kann.

Allerdings funktioniert der Adaptionsprozess nur bis zu einem gewissen Grad. „Als Kliniker, Fachleute für öffentliche Gesundheit und Leistungssport erkennen wir an, dass ein Wet Bulb Globe Temperature-Wert von 26 °C und darüber eine Hochrisikoumgebung für den Wettkampf-Fußball darstellt“, heißt es in dem offenen Brief.

Bei diesen Werten seien selbst gut vorbereitete und an die Hitze akklimatisierte Athleten häufig nicht in der Lage, während hochintensiver, intermittierender Belastung das thermische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Die Wet Bulb Globe Temperature (WBGT) ist ein Maß für die Hitzebelastung, in die Messung zählt neben der Lufttemperatur unter anderem auch die Luftfeuchtigkeit und -geschwindigkeit mit rein.

mim/dpa

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