Gaza: Deutschland beteiligt sich an Hilfsgüterabwürfen, Ärzteschaft über Lage zutiefst besorgt

Berlin/Gaza/Tel Aviv – Deutschland will sich an den internationalen Bemühungen beteiligen, die notleidende Bevölkerung im Gazastreifen aus der Luft zu versorgen. Zwei Maschinen vom Typ A400M der Bundeswehr seien in die Nahost-Region aufgebrochen, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem jordanischen König Abdullah II.
In Jordanien würden die Flugzeuge aufgetankt und ausgerüstet. Sie würden ihre Einsätze, bei der sie Hilfsgüter über dem Gazastreifen abwerfen sollen, möglicherweise schon morgen, spätestens aber ab dem Wochenende fliegen, fügte Merz hinzu.
Beginnend mit letztem Sonntag warfen Flugzeuge aus Israel, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Hilfsgüter über dem Gazastreifen ab. Allein heute segelten dort 52 Paletten an Fallschirmen aus jordanischen und emiratischen Maschinen zu Boden.
Helfer halten den Abwurf von Hilfsgütern aus der Luft wegen der relativ geringen Mengen für ineffektiv und auch teuer, etwa im Vergleich zu Lastwagentransporten. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass es symbolische Gesten seien, die mehr dem eigenen Image dienten als den Betroffenen. Helfer weisen außerdem darauf hin, dass die Paletten Menschen am Boden verletzen oder töten könnten.
Bereits im März und April des Vorjahrs gab es Abwürfe über dem Gazastreifen, auch daran hatte sich Deutschland beteiligt. Die nunmehrige Aktion ist Ergebnis einer Kehrtwende der israelischen Blockadepolitik.
Die Bundesärztekammer (BÄK) zeigt sich heute zutiefst besorgt über die dramatische Verschärfung der humanitären Lage im Gazastreifen. Der Schutz medizinischer Einrichtungen, des Personals und der Patienten sei „für alle Konfliktparteien eine völkerrechtliche Verpflichtung“, erklärt BÄK-Präsident Klaus Reinhardt. Hilfszentren, Gesundheitseinrichtungen und zivile Unterkünfte dürften weder angegriffen noch für militärische Zwecke missbraucht werden.
Die Bundesärztekammer appelliert an die internationale Gemeinschaft – insbesondere an die Vereinten Nationen, die Europäische Union und regionale Vermittlungsakteure –, auf einen ungehinderten Zugang zu humanitärer Hilfe in Gaza hinzuwirken. Die Einfuhr und Verteilung von Medikamenten, Verbandsmaterialien, Lebensmitteln und Wasser dürfe nicht behindert oder verzögert werden.
Zudem fordert die BÄK die sofortige und bedingungslose Freilassung aller in Gaza festgehaltenen Geiseln. Ihre Inhaftierung stellte einen schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar und müsse umgehend beendet werden, hieß es weiter.
Die BÄK unterstützt ausdrücklich die Stellungnahme des Weltärztebundes (World Medical Association, WMA), der angesichts der eskalierenden Gewalt alle Seiten zur strikten Einhaltung internationaler humanitärer Normen auffordert.
Reinhardt begrüßt insbesondere, dass auch der Präsident des Israelischen Ärzteverbandes (Israel Medical Association, IMA), Zion Hagay, in einem Schreiben an die israelische Regierung die Notwendigkeit der Aufklärung der militärischen Maßnahmen, die schwerwiegende Verstöße gegen Prinzipien der medizinischen Ethik und das Völkerrecht vermuten lassen, hervorgehoben habe.
Der jüdische Staat kontrolliert alle Zugänge zu dem Küstengebiet am Mittelmeer. Seit mehreren Monaten ließ Israel keine oder nur wenige Hilfslieferungen passieren, um nach eigener Darstellung den Druck auf die islamistische Hamas zu erhöhen, die letzten der am 7. Oktober 2023 entführten Geiseln freizulassen. Israel wiederum wirft UN-Organisationen vor, im Gazastreifen bereitstehende Hilfslieferungen nicht verteilt zu haben.
Seit vorgestern lässt Israel wieder größere Lieferungen auf dem Landweg zu und unterstützt die Abwürfe von Hilfsgütern durch verbündete Staaten. Zu dieser Wende hatte die weltweit wachsende Kritik an der entsetzlichen Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung geführt, die durch die Blockade an den Rand einer Hungersnot gebracht wurde.
So erreichten heute den dritten Tag in Folge Transporte mit Hilfsgütern auf dem Landweg den Gazastreifen. 260 Lastwagen seien in den abgeriegelten Küstenstreifen eingefahren und warteten derzeit auf ihre Abholung und die Verteilung der Güter, teilte die israelische Militärbehörde Cogat auf X mit. Gestern seien mehr als 200 Lastwagenladungen in den Gazastreifen gelangt. Sie seien von UN- und anderen Organisationen übernommen worden, um die humanitäre Hilfe zu verteilen.
Für die Bedürfnisse der Menschen sei das noch immer nicht ausreichend, meinen internationale Helfer. „Wir bekommen immer noch nicht die Mengen hinein, die nötig sind“, sagte der Nothilfekoordinator des UN-Welternährungsprogramms WFP, Ross Smith. Seit vorgestern sei nur die Hälfte der Hilfsgüter, die das WFP in den Gazastreifen bringen wollte, von israelischen Stellen zur Verteilung genehmigt worden, fügte er hinzu.
Auslöser des Gaza-Kriegs war der Überfall der Hamas und anderer islamistischer Terrororganisationen auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden.
Wie die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde heute mitteilte, kamen in den vergangenen knapp 22 Monaten 60.034 Palästinenser ums Leben. 145.870 weitere Menschen erlitten demnach Verletzungen, wie es in der Mitteilung hieß. Demnach soll es sich bei der Mehrheit der Opfer um Frauen, Minderjährige und ältere Menschen handeln.
Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen und unterscheiden nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. UN-Organisationen sehen sie aber als weitgehend zuverlässig an.
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