Generation Y: Ein gesundes Arbeiten als Arzt

Berlin – 100 Prozent Arzt – acht Stunden am Tag: Geht das? Wenn es nach den Wünschen und Arbeitsvorstellungen der sogenannten Generation Y geht: ja. Das verdeutlichte eine Diskussionsveranstaltung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) heute in Berlin. Bei der Arbeitsplatzwahl rücken demnach gute berufliche Bedingungen und ein gesundes Umfeld für junge Ärztinnen und Ärzte immer stärker in den Fokus. Sie legen mehr Wert auf Freizeit, wollen geregelte Arbeitszeiten, akzeptieren ungern Überstunden und lehnen autoritäre, stark hierarchische Strukturen ab. Leben, um zu arbeiten: Das kommt für viele nicht mehr infrage.
Ist der Nachwuchs deshalb demotiviert oder arbeitsscheu? Nein, befand eine der Diskussionsteilnehmerinnen bei KBV-Kontrovers. „Wir sind eine Generation, die zwar für die Patienten da sein will, aber auch ein gesundes, menschliches und familienfreundliches Arbeiten als Arzt möchte“, betonte Friederike Jahn, die gerade das praktische Jahr an einer Klinik in Neustrelitz absolviert.
Mit dieser Einstellung können ältere Kollegen teilweise wenig anfangen. „Als niedergelassener Arzt empfinde ich die Überstunden nicht als Überstunden, sondern als eine Investition in meine Praxis und zum Wohle meiner Patienten, die ich betreuen darf“, sagte Johannes Gerber. Er ist Inselarzt auf Fehmarn in dritter Generation und gehört zu der sogenannten Generation X.
Zwar gebe es durchaus Phasen, in denen auch er mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden sei und das Gefühl habe, zu wenig Zeit für seine Familie zu haben. „Auf der anderen Seite macht mir mein Beruf viel Spaß und ich empfinde Verantwortung für die Patienten, die mir ihr Vertrauen schenken“, betonte Gerber.
„Wir dürfen die Forderungen und Bedürfnisse der jungen Ärzte nicht ignorieren“, mahnte KBV-Vorstand Regina Feldmann. „Wir haben nicht nur den gesellschaftlichen Auftrag, die Bevölkerung zu versorgen, sondern auch dafür zu sorgen, dass wir Ärzte haben, die nicht ausgebrannt sind und gern arbeiten“.
Deshalb sei ein sehr enger Dialog mit allen Akteuren notwendig, um die Arbeitsbedingungen durch Bürokratieabbau, flexible Arbeitszeiten und Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Bereits jetzt gebe es viele neue Modelle, die mehr Flexibilität böten, und die Versorgungslandschaft werde sich in den nächsten Jahren weiter an die Erwartungen der jungen Generation anpassen.
„Einige der Wünsche sind derzeit leider nicht mit den Ansprüchen der Patienten vereinbar, die erwarten, dass Ärzte jederzeit für alle erreichbar sind, bis zur persönlichen Selbstaufgabe“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, zum Auftakt der Veranstaltung. Heute arbeite ein niedergelassener Arzt im Schnitt 53 Stunden in der Woche. Aber wie viel Arzt braucht ein Patient wirklich? Diese Frage stellte PJ-lerin Jahn und berichtete von ihren positiven Erfahrungen mit arztentlastenden Praxisassistentinnen. „Das sind Projekte, die wir unbedingt fördern müssen“, sagte sie. Die junge Generation stehe der Delegation ärztlicher Tätigkeiten, aber auch Entwicklungen wie der Telemedizin, sehr offen gegenüber.
Noch aber sei der ärztliche Alltag in der Regel mit hohen Arbeitsbelastungen verbunden und biete oftmals nur wenig Raum, auf die eigenen Bedürfnisse einzugehen, kritisierte Raphael Kunisch, Assistenzarzt am Klinikum Großhadern. 85 Stunden habe er in der vergangenen Woche in seiner Klinik arbeiten müssen.
„Zwar wird es honoriert, aber man hat nach wie vor keine Wahl, ob man diese Überstunden leisten will oder nicht“, sagte Kunisch. Das sei schlicht Raubbau an der eigenen Gesundheit. Die Veränderungen der vergangenen Jahre bezeichnete er als „Kosmetik“. Das Gesundheitssystem müsse sich radikal verändern, so seine Forderung – damit 100 Prozent Arzt in acht Stunden am Tag auch wirklich für alle Beteiligten funktioniert.
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