Geringerer Antibiotikaeinsatz durch Rückmeldungen zum Verordnungsverhalten

Berlin – Das Verordnungsverhalten von Ärzten, die deutlich mehr Antibiotika verschreiben als andere, kann durch eine zielgerichtete Intervention optimiert werden. Das zeigen die Ergebnisse des Projekts ElektRA – Elektive Förderung Rationaler Antibiotikatherapie, die gestern im Rahmen einer Veranstaltung des Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) vorgestellt wurden. Die Zahl der Antibiotikaverordnungen ging bei den teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten signifikant zurück.
Der sinnvolle Einsatz von Antibiotika ist nach wie vor ein wichtiges Thema, nicht zuletzt, weil vermeidbare Antibiotikaverordnungen zur Bildung von Resistenzen beitragen können.
Auch wenn der Großteil der Vertragsärztinnen und -ärzte Antibiotika zurückhaltend einsetze, wie es in einer Zi-Mitteilung heißt, gebe es jedoch einen geringen Anteil der überproportional häufig Antibiotika verschreibe. Zudem würden letztere zu Wirkstoffgruppen, wie Fluorchinolone oder Cephalosporinen greifen, die zurückhaltender eingesetzt werden sollten.
Daher widmete sich das Projekt ElektRA der Frage, wie überflüssige Verordnungen dieser lebenswichtigen Medikamente vermieden werden können. Der Fokus lag auf der Verordnung von Antibiotika für die Behandlung von akuten Atem- und Harnwegsinfektionen.
Initiator des Projekts war der Verband der Ersatzkassen (vdek). Insgesamt waren zwölf Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) beteiligt, die teilnehmenden Ärzte wurden in neun KV-Regionen rekrutiert. Es lief über einen Zeitraum von vier Jahren (2021 bis 2024) und wurde mit mehr als 2,5 Millionen Euro vom Innovationsfond des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert, wie Julia Iwen vom vdek darstellte.
Mehrere Tausend angeschrieben
Zunächst ermittelten die Forschenden mehr als 7.000 Hausärzte, die sie als „auffällige Verordner“ einordneten. Das bedeutete, dass diese deutlich mehr Antibiotika verschrieben als andere Hausärztinnen und -ärzte aus der gleichen KV-Region. Sie wurden zufällig auf eine von vier Gruppen verteilt: In den Gruppen A, B und C erhielten alle Teilnehmenden ein Anschreiben mit einer Infografik zum eigenen Verordnungsverhalten (Social Norm Feedback).
Zusätzlich konnten Personen aus Gruppe B an einem E-Learning und in Gruppe C an einer peermoderierten Online-Fortbildung teilnehmen. Dieses Angebot nahmen fast 230 von etwa 1.800 Personen in Gruppe B und ungefähr 130 von circa 1.200 Personen in Gruppe C an. Diejenigen in Gruppe D bildeten die Kontrollgruppe, die weder ein Anschreiben noch Fortbildungsangebote erhielten.
Nach vier Jahren zeigte sich, dass sich durch die Intervention das Verordnungsverhalten tatsächlich änderte, erläuterte Maike Below vom Zi. So hätten die Teilnehmenden aus Gruppe A im Vergleich zu den Kontrollen signifikant weniger Antibiotika verordnet. Die relative Veränderung betrug der Zi-Mitteilung zufolge 3,8 Prozent, was einer Einsparung bis zu 430.000 Antibiotikaverordnungen entspreche.
Fortbildung fördert rationalen Antibiotikaeinsatz
Nahmen Ärzte aus der Gruppe B am E-Learning teil, ging ihre Verordnungsrate gegenüber den Kontrollen um relativ 13 Prozent zurück. Die entsprechenden Angaben für denjenigen, die die peermoderierte Online-Fortbildung in Anspruch nahmen (Gruppe C) lagen bei 14 bis 15 Prozent. Ein positiver Trend zeichnete sich auch für die Verordnung von Cephalosporinen und Fluorchinolonen ab, die von Ärzten, die an dem E-Learning teilgenommen hatten, signifikant seltener verschrieben wurden.
Neben der Erhebung der Daten zur Antibiotikaverordnung erfolgte eine Prozessevaluierung, deren Ergebnisse Juliane Schmidt von der Universitätsmedizin Rostock vorstellte. Einige Personen aus den Gruppen A, B und C wurden dafür interviewt worden oder füllten einen Onlinefragebogen aus. Ein Fazit, das Schmidt ziehen konnte, lautete, dass das Feedback zum Verordnungsverhalten rege an, dieses kritisch zu reflektieren.
Die Reaktion auf die Fortbildungsangebote sei positiv gewesen, betonte Schmidt. Sie würden das Verordnungsverhalten beeinflussen, die Praxisrelevanz habe große Bedeutung. Darüber hinaus käme es auf den Zeitpunkt an, an dem die Fortbildungen angeboten werden. Dies könne über dauerhaft oder wiederkehrende Onlineangebote adressiert werden. In dem Projekt waren das E-Learning und die peermoderierten Onlinefortbildungen im vierten Quartal 2022 angeboten worden.
Diesem Vorschlag kommen die zwölf beteiligten KVen nun nach: Die im Rahmen des Projekts entwickelte Onlinefortbildung wird ab August 2025 allen Ärztinnen und Ärzten aus den entsprechenden KV-Regionen zur Verfügung gestellt.
Intervention an Praxisalltag anpassen
Gregor Feldmeier, niedergelassener Allgemeinmediziner in Anklam, wies auf der Zi-Veranstaltung darauf hin, dass Ärzte viel Post erhielten, sodass ein Anschreiben zum Verordnungsverhalten eventuell untergeht. Er überlegte, ob es möglich wäre, ein solches Feedback in die Praxissoftware einzubauen. Der Hausarzt betonte zudem, dass der Hinweis auf das auffällige Verordnungsverhalten dann erfolgen sollte, „wenn es nicht brennt“ – nicht in den Wintermonaten oder der Hochsaison des Infektionsgeschehens.
Bettina Schultz, Vorstandsvorsitzende der KV Schleswig-Holstein (KVSH), hob hervor, dass die Ansprache der „auffälligen Verordner“ mit Augenmaß erfolgen sollte. Das seien sehr erfahrene Kolleginnen und Kollegen und spannenderweise keine Newcomer. Sie betonte, dass es früher deutliche mehr Indikationen für eine Antibiotikatherapie gab. Patientinnen und Patienten hätten auch häufiger entsprechende Verordnungen eingefordert. Jetzt würde eine Medizin mit Augenmaß auf rationale Menschen in den Behandlungszimmern der Arztpraxen treffen.
Schultz betonte darüber hinaus, dass im Zweifel vor der Antibiotikaverordnung ein Schnelltest auf das C-reaktive Protein (CRP) als Regelleistung extrabudgetär angemessen vergütet werden sollte. Auch dies könne zur weiteren Absenkung der Verordnungsraten beitragen und etwaige Sorgen der Patientinnen und Patienten auch ohne Antibiotikaverordnung zerstreuen.
Das konnte Feldmeier bestätigen. Zusammen mit der modularen Fortbildung oder dem E-Learning schätzte er den sinnvollen Einsatz von CRP-Schnelltests als besonders wichtig ein.
E-Learning sei eine zeitgemäße und niedrigschwellige Form der Fortbildung, erläuterte der Vorstandsvorsitzende der KV Baden-Württemberg (KVBW) Karsten Braun. Hier könne ElektRA mit seiner projekteigenen Onlinefortbildung als modular aufgebautes und pharmaunabhängiges E-Learning-Tool seine Stärken voll ausspielen.
Die KVBW arbeite auch, so Braun, an weiter differenzierten, qualitativen Berichten zum Verordnungsverhalten wie bei den Kinder- und Jugendärzten. Die Hausärztinnen und Hausärzte werden nun zügig nachgezogen, weitere Fachgruppen sollen folgen. Das Matching zwischen Diagnose und Verordnung fehle noch, aber auch hier arbeite man intensiv an Lösungen.
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