Gonorrhö: Gefährliche Azithromycin-Resistenz jetzt auch in Deutschland

Berlin – Ein hoch-resistenter Stamm von Neisseria gonorrhoeae, bei dem auch das letzte einsetzbare Antibiotikum nicht sicher wirkt, hat möglicherweise Deutschland erreicht. Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts berichten im Epidemiologischen Bulletin (2019; 32/33: 299) über einen Mann, bei dem der high-level-Azithromycin-resistente N.-gonorrhoeae-Stamm „HL-AziR-NG“ nachgewiesen wurde.
Der 42-jährige Mann hatte sich Ende Juni 2019 in Berlin ambulant wegen Ausfluss und Dysurie vorgestellt. Seine Sexualpartnerin war ebenfalls erkrankt. Die Ärzte schickten ein Isolat vom Mann an das Nationale Konsiliarlabor für Gonokokken. Dort wurde bei einer Resistenztestung „HL-AziR-NG“ nachgewiesen. Die Neisserien waren auch gegen Tetrazykline resistent, produzierten aber keine beta-Laktamase. Die Behandlung der beiden Patienten mit Ceftriaxon 1 g i.v. und Azithromycin 1,5 g per os, die heute Standard ist und empirisch, also vor Kenntnis der Resistenztests durchgeführt wird, könnte deshalb erfolgreich gewesen sein. Bei der Frau wurde laut dem Bericht die Eradikation des Erregers bereits nachgewiesen, beim Mann stehe die Kontrolle noch aus.
Die Infektiologen beunruhigt die Tatsache, dass sowohl der Mann als auch die Frau versicherten, Deutschland in der letzten Zeit nicht verlassen zu haben. Sie verneinten insbesondere einen Aufenthalt in England oder Australien. Dort hat sich „HL-AziR-NG“ in den letzten Jahren ausgebreitet. In Großbritannien ist es seit Herbst 2014 zu einem fortlaufenden Ausbruch mit mehr als hundert Fällen einer Gonorrhö gekommen, die bisher nicht gestoppt wurde.
Wenn die Aussagen der Patienten zutreffen und sie sich im Inland infiziert haben, dann könnte sich „HL-AziR-NG“ bereits in Deutschland ausgebreitet haben. Da bei der Erstbehandlung oft auf eine Resistenzprüfung verzichtet wird, könnte die „HL-AziR-NG“ zunächst unerkannt bleiben. Erst wenn die Erreger zusätzlich eine weitere Resistenz gegen Cephalosporine erwerben, käme es zum Versagen der Ersttherapie.
Das wäre zwar noch nicht das Ende der Therapierbarkeit von N. gonorrhoe, wohl aber das Ende der ambulanten Einmalgabe. Die Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts halten deshalb Resistenzstests für unerlässlich. Die Ärzte sollten auf eine Erfolgskontrolle der Therapie drängen und ungewöhnliche Resistenzen melden.
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