Häusliche Gewalt durch Schulung besser diagnostiziert
Bristol – Nicht selten haben Hausärzte den leisen Verdacht, dass die Symptome ihrer Patientinnen die Folge häuslicher Gewalt sein könnten. Meistens ziehen sie keine Konsequenzen. Britische Forscher haben eine Schulung entwickelt, die in einer Studie im Lancet (2011; doi: 10.1016/S0140- 6736(11)61179-3) die Zahl der Überweisungen an Facheinrichtungen markant gesteigert hat.
Das „Identification and Referral to Improve Safety“ oder IRIS bestand aus einer zweistündigen Schulung, in denen Berater der örtlichen Anlaufstellen typische Fälle von häuslicher Gewalt vorstellen. Die Ärzte erfuhren, bei welchen Symptomen sie aufmerksam werden sollten. Ihre Praxissoftware unterstützte sie dabei durch einen Warnhinweis. Außerdem wurden die Ärzte in der Gesprächsführung mit betroffenen Frauen trainiert.
Die Wirkung war verblüffend. Während eines Jahres offenbarten sich 641 misshandelte Frauen gegenüber ihrem Arzt. In einer Kontrollgruppe von Ärzten, die keine Schulung erhalten hatten, wurden nur 236 Fälle häuslicher Gewalt diagnostiziert. Besonders stark war der Unterschied bei der Überweisungen (233 vs. 12), was sicherlich damit zu tun hatte, dass die Schulung einen Kontakt zu den beiden Betreuungseinrichtungen geschafften hatte.
Die Editorialistin Kelsey Hegarty von der Universität Melbourne lobt die Studie, bleibt hinsichtlich der Ergebnisse aber skeptisch. Die deutliche Steigerung der Überweisungsrate sage noch nichts darüber aus, ob die Frauen auch tatsächlich geholfen werden konnte.
Der Erfolg dürfte tatsächlich stark von der Qualität der lokalen Betreuung abhängen. Kein Zweifel besteht für Hegarty aber daran, dass häusliche Gewalt in der hausärztlichen Praxis (zu) selten erkannt werde.
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