Vermischtes

Hitze: Allein im Juni vermutlich mehr als 5.000 Menschen verstorben

  • Donnerstag, 9. Juli 2026
/picture alliance, Jana Bauch
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Berlin – Mehr als 4.300 Menschen sind nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in der Hitze-Woche vom 22. bis 28. Juni verstorben. Insgesamt lagen die Sterbefallzahlen 30 Prozent höher als der mittlere Wert der Vorjahre, heißt es zudem vom Statistischen Bundesamt.

Demnach sind etwa 23.700 Menschen in der Kalenderwoche 26 verstorben – das sind rund 6.800 Sterbefälle mehr als zwei Wochen zuvor, als die Temperaturen noch nicht so hoch waren.

Insgesamt sind in im Juni mehr als 5.100 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben. Mehr als 80 Prozent der Verstorbenen waren über 75 Jahre alt. Zudem waren es mehr Frauen als Männer, was nach Angaben des RKI aber auf den höheren Frauenanteil in der Altersgruppe zurückzuführen ist.

Das RKI berichtet wöchentlich die hitzebedingte Mortalität und nutzt dafür unter anderem die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Übersterblichkeit. Es handelt sich nicht um genaue Zahlen, sondern um Berechnungen. Das RKI geht aber davon aus, dass die Zahl mit 95-prozentiger Sicherheit zwischen 4.400 und 5.800 liegt.

Den ersten Wochenbericht gab es in diesem Jahr für die Woche vom 15. bis 21. Juni, als die Wochen­mittel­temperatur in Deutschland das erste Mal 20 Grad Celsius überstiegen hat. In der darauffolgenden Woche betrug diese Temperatur in Deutschland mehr als 26 Grad Celsius, regional wurden tagsüber Rekordtemperaturen von teilweise über 41 Grad Celsius gemessen.

So ist die Zahl der geschätzten Todesfälle bereits jetzt höher als in den Sommern der vergangenen Jahre. Zwischen 2023 und 2025 sind vermutlich jeweils 2.500 bis 3.000 Menschen an den Folgen von Hitze verstorben. Besonders hoch war die Zahl allerdings 2018 mit mehr als 8.000 Todesfällen aufgrund von Hitze. Damals gab es 20,4 Hitzetage. Auch die Zahl der Krankenhausbehandlungen lag 18 Prozent über dem Schnitt.

Notfallmediziner spricht von Ausnahmesituation

Für den Direktor der Akut- und Notfallmedizin am Klinikum Leverkusen war die vergangene Hitze-Episode eine „medizinische Ausnahmesituation". Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt berichtete er von doppelt so vielen Patienten in der Notaufnahme wie normalerweise. „Wir haben innerhalb von 24 Stunden annähernd 300 Personen behandelt.“

Dem Notfallmediziner zufolge waren nicht nur ältere Menschen betroffen. Auch Menschen unter 50 seien mit Elektrolytstörungen, Dehydratation und Hitzschlag in der Klinik gewesen. Zudem seien noch bis Mitte der darauffolgenden Woche, als die Temperaturen schon gesunken waren, vermehrt Menschen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen vorstellig geworden.

Alexandra Schneider, Leiterin der Forschungsgruppe Umweltrisiken am Helmholtz Zentrum München, geht davon aus, dass die wöchentlich erhobene hitzebedingte Mortalität das Ausmaß eher noch unterschätzt. „In unserer Publikation konnten wir zeigen, dass in den vergangenen Jahren die Unterschätzung zwischen 35 und 50 Prozent lag“, erklärte sie im Hinblick auf eine 2024 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Erhebung DOI: 10.3238/arztebl.m2023.0254).

Gleichzeitig könnte die Hitze aber auch dazu führen, dass der Todeszeitpunkt nur etwas vorgezogen ist. Dies betreffe bei weitem aber nicht alle Sterbefälle, so Schneider. „Bei den vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen ist allerdings schon davon auszugehen, dass ‚Mortality Displacement‘ auftritt, da ein großer Teil der Todesfälle in der Altersgruppe über 85 Jahre auftrat.“

Auch die Morbidität steigt bei Hitze an, diese ist jedoch schwieriger zu erfassen. Allerdings zeigen Daten, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund verschiedener Grunderkrankungen zunehmen. So sind extreme Temperaturen etwa mit mehr Notaufnahmebesuchen von Menschen mit Demenz verbunden. Das geht aus einer einer Studie hervor, die auf dem europäischen Neurologie-Kongress vorgestellt worden ist.

„Die hitzebedingte Mortalität ist nur die Spitze des Eisberges“, sagte Veronika Huber vom Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats, die ebenfalls an der Publikation im Deutschen Ärzteblatt beteiligt war. Hitzebedingte Krankenhauseinweisungen, das Aufsuchen von Notfallaufnahmen, oder Rettungsdiensteinsätze nach einem extremen Hitzeereignis sollte ebenfalls zeitnah abgeschätzt werden können. Hier sei die Datenerhebung aber komplizierter.

Großteil der Patientenzimmer nicht gekühlt

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bezeichnet die Zahlen als „dramatisch" und fordert Krankenhäuser konsequent mit Kühltechnik auszustatten. Laut einer Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts verfügten lediglich 38 Prozent der Häuser über gekühlte Patientenzimmer.

Es mangele schon an einfachsten Maßnahmen wie Außenbeschattungen, sagte zudem Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Um schnellstmöglich handlungsfähig zu sein, braucht es ein Hitzestopp-Investitionsprogramm aus Bundesmitteln in Höhe von 30 Milliarden Euro für die 1.600 Krankenhäuser und 12.000 Pflegeeinrichtungen.“

Johannes Wagner (Grüne), Mitglied des Bundestages, gehen aktuelle Maßnahmen der Bundesregierung ebenfalls nicht weit genug. Sie trete den Klimaschutz mit Füßen und lasse die Menschen mit den Folgen allein. „Die Menschen müssen gewarnt werden: durch Warnungen auf jedes Handy und durch persönliche Ansprache des Kanzlers. Es braucht mobile Versorgungsteams für obdachlose und pflegebedürftige Menschen“, forderte er.

Auch der Caritasverband kritisierte die Bundesregierung aufgrund ihrer Pläne, 2,7 Milliarden Euro aus dem Emissionshandel zur Konsolidierung des Bundeshaushalts zu verwenden. „Die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung sind originär für den Klima- und Transformationsfonds (KTF) vorgesehen und sollen dazu dienen, Investitionen in den klimaneutralen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft zu ermöglichen", hieß es.

Das Gesundheitsministerium Baden-Württemberg kündigte heute eine neue Task-Force zum Thema Hitzeschutz an. Dabei soll zunächst eine Bestands- und Bedarfsanalyse durchgeführt werden und daraus „zügig konkrete Maßnahmen folgen wie Hitzeschutzpläne für Einrichtungen oder auch deutliche Hinweise auf jetzt schon bestehende bauliche Möglichkeiten innerhalb der Krankenhausförderprogramme.“ Finanzielle Zusagen oder eine konkrete Verbesserung von Kühlsystemen fanden sich in der Ankündigung nicht.

mim/kna

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