Immunität gegen SARS-CoV-2 in Ischgl stabil

Innsbruck – Fast acht Monate nach der ersten Seroprävalenz-Studie im österreichischen Ischgl haben 45 Prozent der ehemals infizierten Erwachsenen weiterhin spezifische Antikörper gegen SARS-CoV-2. Zudem wiesen fast 70 Prozent der bereits im April 2020 seropositiv Getesteten auch eine zelluläre Immunaktivität auf.
Das zeigt eine Untersuchung der Medizinischen Universität Innsbruck, die heute vorgestellt wurde. „Ischgl ist ein Fall, der Hoffnung macht. Hoffnung auf eine frühere Rückkehr zur Normalität“, sagte die Institutsleiterin der Virologie der Innsbrucker Universität, Dorothee von Laer.
Mehr als 900 Erwachsene aus der Gemeinde Ischgl hatten sich freiwillig an der Studie beteiligt. „Mit deren Blutproben wurde nun anhand von serologischen Antikörpertests und spezifischen Verfahren zur Messung der zellulären Abwehr der Verlauf der Immunität analysiert“, berichtete Studienleiterin Wegene Borena vom Institut für Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck.
Darunter waren 801 Personen, die bereits an der ersten Untersuchung im April teilgenommen hatten. Damals waren bei 51,4 Prozent von ihnen virusspezifische Antikörper nachgewiesen worden. Im November 2020 lag die Häufigkeit spezifischer Antikörper nach einer COVID-19-Infektion unter denselben 801 Probanden bei 45,4 Prozent.
„Trotz leichtem Rückgang der Antikörperkonzentration im Vergleich zur ersten Studie können wir damit von einer relativ stabilen Immunität sprechen. Bei knapp 90 Prozent von den im April 2020 seropositiv Getesteten konnten auch im November Antikörper detektiert werden“, erklärte von Laer.
Ein Teil der Proben sind der Forscherin zufolge zudem einem Neutralisationstest unterzogen worden, der die Ergebnisse bestätigt habe. Dabei sei aus Studien bekannt: Je schwerer die COVID-19-Symptome auffielen, desto höher seien die Antikörper-Titer und desto länger wüden sie nachweisbar bleiben.
Die hohe Seroprävalenz könnte, in Kombination mit flankierenden allgemeinen Maßnahmen, eine zweite Welle im Herbst des vergangenen Jahres in Ischgl verhindert haben, vermutet Laer. Während die Infektionszahlen in Österreich Mitte November neue Höchstwerte erreicht hätten, habe die Neuinfektionsrate in Ischgl zur selben Zeit bei unter einem Prozent gelegen.
Diese Entwicklung habe sich auch in einer begleitenden Studie der Paris Lodron Universität Salzburg gezeigt, in der der Inzidenz-Verlauf vergleichbarer Gemeinden gegenübergestellt wurde.
„Der Schutzwall beginnt zu bröseln“
Doch der „Schutzwall“ der hohen Seroprävalenz in Ischgl „beginnt zu bröseln“, so die Virologin von Laer. Denn die Virusvariante B.1.351, die erstmals in Südafrika identifiziert wurde, breite sich zusehends in Österreich aus. Sie könne der Antikörperimmunität entkommen – durch Immun-Escape-Mutationen – und so Menschen erneut infizieren. Die Basisimmunität durch T-Zellen wirke hingegen bei allen Varianten, sagte sie weiter.
„Wir werden nicht verhindern können, dass die Immun-Escape-Varianten hochkommen. Wichtig ist, dass wir sie so lange unterdrückt halten und sie nicht die Oberhand gewinnen, bis der Impfstoff an sie angepasst ist“, sagte die Proffessorin.
Derzeit gehe man davon aus, dass die Antikörper die Infektion an sich verhindern könnten. „Die Schwere der Erkrankung wird dann von den T-Zellen bestimmt. Das heißt: Die T-Zellen schützen vor schweren Verläufen“, erläuterte von Laer.
Deshalb wurde bei einem kleinen Anteil der Probanden aus Ischgl (in 93 Blutproben) zusätzlich nach spezifischen T-Zellen gesucht. „Eine T-Zellimmunantwort ließ sich auch in Proben mit kaum oder nicht mehr nachweisbarem Antikörpertiter belegen, was die Rolle der zellulären Immunität nach COVID-19 untermauert“, so die Institutsleiterin.
Insgesamt bewertete von Laer die Ergebnisse positiv: „Mit ein bisschen Social-Distancing, ein paar Sachen die der Wirtschaft und dem Einzelnen nicht so schaden, und einer Durchimpfungsrate von 40-45% könnte tatsächlich ein Alltag wieder möglich sein, wenn der Fall Ischgl auch breiter anwendbar ist“, schloss sie.
Weitere Studienrunden werde es voraussichtlich nicht geben. Doch alle Proben seien für weitere Untersuchungen eingefroren worden. Sie hoffe zudem, dass bis zum Herbst 2021 bereits ausreichend Österreicher geimpft sein werden.
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