Medizin

Japan: Skandal um manipulierte Diovan-Daten

  • Freitag, 19. Juli 2013

Kyoto – Mit der in Japan in dieser Situation üblichen Verbeugung musste sich in der letzten Woche der Präsident der Universität Kyoto für das Fehlverhalten eines ehemaligen Mitarbeiters entschuldigen. Der Kardiologe Hiroaki Matsubara hat laut den Ergebnissen eines Untersuchungsberichts der Universität Manipulationen in einer einflussreichen Studie zu dem Angiotensin-Rezeptorblocker Valsartan (Diovan) zu verantworten. Auch der Hersteller Novartis geriet in die Kritik.

Bei der Studie handelt es sich um die Kyoto Heart Study, die unter der Leitung von Matsubara seit 2003 insgesamt 3.031 Japaner mit unkontrollierter Hypertonie auf zwei Behandlungsstrategien randomisiert hatte. In einer Gruppe wurden die Patienten zusätzlich mit dem Angiotensin-Rezeptorblocker Valsartan behandelt, in der anderen wurde versucht, den Blutdruck durch weitere Medikamente, aber ohne Angiotensin-Rezeptorblocker oder ACE-Hemmer zu kontrollieren.

Nach den 2009 im European Heart Journal publizierten Ergebnissen, soll Valsartan bei gleicher blutdrucksenkenden Wirkung die Rate von kardiovaskulären Ereignissen wie Schlaganfall und Angina, dem primären Endpunkt der Studie, signifikant um 45 Prozent gesenkt haben. Der Vorteil sollte vor allem durch eine niedrigere Zahl von Patienten mit Angina oder Schlaganfall zustande gekommen sein. Der Hersteller nutzte diese Ergebnisse für das Marketing und konnte 2011 mit Diovan insgesamt 119,2 Milliarden Yen (derzeit 910 Millionen Euro) umsetzen. Damit gehörte Diovan in Japan zu den umsatzstärksten Medikamenten.

Doch die ungewöhnlichen Ergebnisse – normalerweise haben Antihypertensiva bei gleicher Blutdrucksenkung ähnliche kardioprotektive Auswirkungen – stießen auch auf Skepsis. Im April 2012 wies ein japanischer Kollege Matsubaras im Lancet auf nicht plausible Angaben zur Statistik in der Studie hin. Im Dezember 2012 zog die Japanese Circulation Society zwei Publikationen zur Kyoto Heart Study zurück, im Februar 2013 folgte dann die European Society of Cardiology mit der Retraktion der Hauptpublikation. Im März veröffentlichte die American Heart Association eine „Expression of Concern“ zu fünf Publikationen.

In der letzten Woche legte dann die Untersuchungskommission der Kyoto Prefectural University of Medicine ihren Abschlussbericht vor. Danach gibt es 34 Diskrepanzen zwischen den Angaben in den Patientenakten und den in der Studie verwendeten Daten. Nach ihrer Korrektur war laut dem Bericht kein Vorteil von Valsartan im primären Endpunkt mehr erkennbar.

Dies riecht nach einer bewussten Datenmanipulation, die allerdings von Matsubara weiter bestritten wird. Der Kardiologe, der nicht mehr an der Universität beschäftigt ist, reichte den schwarzen Peter an den Hersteller Novartis weiter. Ein Mitarbeiter des Konzerns habe die Analyse der Daten durchgeführt. In der Publikation im European Heart Journal hatten die Autoren jedoch jegliche Beteiligung des Sponsors bei der Datenanalyse ausgeschlossen.

Nach Informationen von Science hat Novartis die Beteiligung von Mitarbeitern seiner japanischen Tochterfirma bei der Kyoto Heart Study (und einigen ähnlichen Studien) eingeräumt, ohne allerdings auf Einzelheiten einzugehen. In einer Stellungnahme wurde beklagt, dass es keine Richtlinien zur angemessenen Beteiligung der Sponsoren an klinischen Studien gebe.

Der Universitätsbericht beklagt, dass es nicht möglich gewesen sei, den Mitarbeiter der Firma zu seiner Rolle zu befragen. Gegenüber Science bestätigte die Universität, dass Matsubara seit 2008 umgerechnet insgesamt 1,4 Millionen Dollar an Fördergeldern erhalten habe.

rme

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung