Medizin

Keine Demenz: PPI verlangsamen kognitiven Verfall

  • Montag, 26. Juni 2017
Uploaded: 19.04.2017 16:36:31 by mis
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Atlanta – Die regelmäßige oder auch vorübergehende Einnahme von Protonen­pumpen-Inhibitoren (PPI) war in einer prospektiven Beobachtungsstudie mit einem verminderten Erkrankungsrisiko an einer Demenz verbunden. Die im Journal of the American Geriatrics Society (2017; doi: 10.1111/jgs.14956) publizierten Ergebnisse relativieren frühere Untersuchungen, in denen die häufig verordneten Medikamente mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert waren. 

Gleich zwei Untersuchungen hatten PPI mit der Entstehung von Demenzen in Verbindung gebracht. Zunächst war Privatdozentin Britta Haenisch vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn und Mitarbeitern aufgefallen, dass Teilnehmer der AgeCoDe-Studie, einer Kohorte von Hausarztpatienten, häufiger an einer Demenz oder einem Morbus Alzheimer erkrankten, wenn ihnen vorher PPI verordnet worden waren (European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience 2015; 265: 419-428). Die spätere Analyse von Versichertendaten der AOK kam zu einem ähnlichen Ergebnis (JAMA Neurology 2016; 73: 410-416).

Ein Zusammenhang erschien biologisch plausibel, da PPI nicht nur die Magensäure­bildung blockieren, sondern auch die Freisetzung des Intrinsic-Factors hemmen (der von den gleichen Belegzellen wie die Magensäure gebildet wird). Der Intrinsic-Factor wird für die Resorption von Vitamin B12 benötigt, dessen Mangel neben einer peripheren Neuropathie auch zentralnervöse Störungen verursacht. 

Die Studienergebnisse haben international für Aufsehen gesorgt, was Felicia Goldstein von der Emory University in Atlanta bewog, die Daten der Alzheimer's Disease Centers zu untersuchen. Die Kohorte umfasst 10.486 Personen im Alter ab 50 Jahre, die zu Beginn der Untersuchung gesund waren oder eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) aufwiesen. Insgesamt 884 Teilnehmer hatten dauerhaft, 1.925 weitere inter­mittierend PPI eingenommen, was die häufige Verordnung von Säureblockern bei älteren Patienten anzeigt. 

Wie Goldstein und Mitarbeiter jetzt berichten, erkrankten die dauerhaften PPI-Anwender in der Folge nicht häufiger, sondern seltener an einer Demenz. Dies galt sowohl für Personen, die zunächst keine kognitiven Einschränkungen aufwiesen (Hazard Ratio 0,78; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,66-0,93) als auch für das Fortschreiten einer MCI zur Demenz (Hazard Ratio 0,82; 0,69-0,98).

Auch die intermittierende Anwendung von PPI war mit einem verminderten Demenz­risiko assoziiert: Die Hazard Ratios betrugen 0,84 (0,76-0,93) für die Personen ohne kognitive Störungen und 0,82 (0,74-0,91) für den Übergang von MCI zur Demenz.

Die Studienergebnisse relativieren die Sorge, sie können ein Risiko jedoch nicht restlos ausschließen. Die Schwächen der Studien bestehen darin, dass die Medikamenten­einnahme auf Angaben in der Anamnese beruhen. Die Erinnerung könnte hier von der tatsächlichen Verordnung abweichen. Klärung könnte nur eine randomisierte klinische Studie bringen. Diese ist allerdings nicht in Sicht, da die meisten PPI schon seit längerem zugelassen sind und teilweise als Generika verfügbar sind. Die Hersteller sind nicht zur Durchführung weiterer Studien verpflichtet.

rme

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