Ärzteschaft

Kinder- und Jugendärzte sehen zunehmend verhaltensauffällige Kinder

  • Donnerstag, 7. Mai 2015

Berlin – Kinder- und Jugendärzte sehen in ihren Praxen immer mehr psychisch auffällige Kinder. „Der Anstieg ist erschreckend. Bis zu 30 Prozent aller uns vorgestellten Heran­wachsenden sind psychisch auffällig“, erklärte Wolfram Hartmann, Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) beim „Politischen Forum“ am Mitt­woch in Berlin. Der Verband hat deshalb die „Seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ zu seinem Schwerpunktthema in diesem Jahr gemacht. In einer Broschüre hat der BVKJ Expertenbeiträge zu den häufigsten psychischen Störungen in Kindheit und Jugend zusammengestellt.

Rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind nach der BELLA-Studie, dem Modul zur psychischen Gesundheit im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts, psychisch auffällig. Darauf wies Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind, bei dem Forum hin. „Ängste stehen nach der BELLA-Studie mit zehn Prozent an erster Stelle“, sagte Maywald, gefolgt von auffälligem Sozialverhalten (sieben Prozent), depressiven Verstimmungen (fünf Prozent) und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen mit zwei Prozent.

Maywald führte die „sehr hohen Zahlen“ unter anderem darauf zurück, dass die Erwartungen an Kinder heute sehr stark gestiegen seien: „Das Kind wird zunehmend von den Eltern als Leistungsträger wahrgenommen, weniger als Individuum.“ Dass Kinder sehr verschieden sind, werde immer weniger akzeptiert, sowohl von Eltern, Erziehern als auch Lehrern, glaubt Maywald. Der Druck im „Projekt Kind“ sei entsprechend groß. „Man muss den Druck rausnehmen“, ergänzte Eckhard Pols, Mitglied der Kinderkommission des Deutschen Bundestages. Nicht alle Jugendlichen müssten beispielsweise ein Studium beginnen.

„Wir müssen zunehmend sozialpädiatrisch tätig sein“
Der Vorsitzende des BVKJ wies darauf hin, dass in den Praxen immer häufiger Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten vorgestellt würden, deren Ursachen in Erziehungsproblemen der Eltern lägen. „Wir müssen zunehmend sozialpädiatrisch tätig sein“, so Hartmann. Doch das könne nicht die eigentliche Aufgabe des Kinderarztes sein. Er forderte eine bessere Ausbildung und Bezahlung von Erzieherinnen in Kitas und Horten, um zumindest auf dieser Ebene den Missstand auszugleichen. „Ich würde es begrüßen, wenn Erziehung als Schulfach eingeführt würde“, ergänzte Günter Esser, Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Potsdam. Viele Eltern machten Fehler in der Erziehung, die kaum noch ausgeglichen werden könnten.

Familienzentren könnten Hilfen bündeln
Hartmann sprach sich für die Einrichtung von Familienzentren aus, die unter einem Dach sowohl eine qualifizierte Kindertagesbetreuung als auch soziale Hilfen und Bildungs­angebote für die ganze Familie anböten. „Solche Strukturen könnten auch von den niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten als wichtige Stütze in der sozialräumlichen Betreuung und Förderung der Kinder und Jugendlichen adressiert werden“, sagte er. Wichtig sei, dass sie als „lebensweltkonstante Einrichtung“ installiert und nicht nach kurzer Förderzeit wieder eingestellt würden.

pb

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